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Drei deutsche Uhren, die Schweizer Sammler kennen sollten

Manufakturmechanik, seltenes Handwerk oder konsequentes Understatement: Diese Zeitmesser aus dem nördlichen Nachbarland sind ein Muss für Liebhaber.

Oliver Stock

Understatement: Der Sinn 556 I RS sieht man den Luxus fast nicht an.
Understatement: Der Sinn 556 I RS sieht man den Luxus fast nicht an.zVg

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Spannende Uhren brauchen nicht zwingend einen berühmten Namen. Manchmal genügt ein ungewöhnliches Werk, eine fast vergessene Handwerkstechnik oder die selbstbewusste Entscheidung, auf jeden Luxusgestus zu verzichten.

Einstieg: Nomos Club Campus 38 «all olive»

Es gibt Uhren, die zeigen sollen, dass ihr Besitzer es geschafft hat. Die Club Campus von Nomos sendet eine andere Botschaft: Hier beginnt jemand gerade, sich ernsthaft für mechanische Uhren zu interessieren. Das ist ein Unterschied.
Nomos hat die Club Campus als Einstieg in die Welt feiner mechanischer Uhren positioniert. Das neue Modell «all olive» zeigt, dass Einstieg nicht langweilig bedeuten muss. Das Zifferblatt leuchtet in sattem Olivgrün, hinzu kommt die für die Campus typische Mischung aus arabischen und römischen Ziffern. California Dial heisst diese Kombination unter Uhrenfreunden. Mit 38,5 Millimetern ist die Uhr präsent, ohne sich am Handgelenk aufzuspielen. Interessanter wird es ohnehin im Inneren. Das Handaufzugskaliber DUW 4001 fertigt Nomos selber in Glashütte. Dazu gehört das hauseigene Swing-System, also jene entscheidenden Komponenten aus Unruh, Spirale, Ankerrad und Anker, deren Entwicklung einem Hersteller ein erhebliches Stück Unabhängigkeit von Zulieferern verschafft. Die Gangreserve beträgt 53 Stunden.

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Darin steckt die eigentliche Leistung von Nomos. Mechanische Manufakturuhrmacherei erscheint hier nicht als Eintrittskarte in einen exklusiven Club. Die Club Campus nimmt einem Thema, das sich gelegentlich selbst ein wenig zu ernst nimmt, etwas von der Ehrfurcht. Damit ist sie eine ziemlich gute deutsche Einstiegsdroge in die mechanische Uhrmacherei. Das Problem mit Einstiegsdrogen ist bekannt: Häufig bleibt es nicht bei einer.
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Nomos Club Campus 38 «all olive».Holger Wens

Luxus: Moritz Grossmann Hamatic Anreibeversilbert

Bei der Hamatic Anreibeversilbert von Moritz Grossmann hilft ein Blick auf die Rückseite. Dort wird sofort verständlich, warum mechanische Uhren in einer Welt voller Smartphones noch immer faszinieren können: Eine gewöhnliche Automatikuhr zieht sich über einen Rotor auf, der sich auf der Rückseite des Werks dreht und dabei einen erheblichen Teil der Mechanik verdeckt. Grossmann wählt einen anderen Weg. Hier schwingt ein Hammer hin und her.
Das Manufakturkaliber 106.0 greift die historische Idee der Hammerautomatik aus dem 19. Jahrhundert auf. Eine hammerförmige Pendelschwungmasse nimmt die Bewegungen des Handgelenks auf. Über zwei Klinkenräder gelangt die Energie in beiden Bewegungsrichtungen zum Aufzug. Bereits kleinste Bewegungen reichen aus, um Energie zu übertragen. Das technische Konzept hat einen ästhetischen Nebeneffekt: Statt eines grossen Rotors bleibt ein beträchtlicher Teil des Werks sichtbar. Und dieses Werk hat einiges vorzuweisen. 312 Einzelteile, 38 Steine, 72 Stunden Gangreserve, Goldchatons und ein Hammerkopf aus Gold. Dazu kommen die aufwendig finissierten und teilweise von Hand gravierten Komponenten. Das Ganze sitzt in einem 41-Millimeter-Weissgoldgehäuse.

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Zum 200. Geburtstag des Uhrmachers Moritz Grossmann im Jahr 2026 verbindet die Glashütter Manufaktur diese ungewöhnliche Mechanik mit einer zweiten historischen Spezialität: der Anreibeversilberung. Dabei erhält das Zifferblatt seine Oberfläche nicht durch eine gewöhnliche Lackierung. Silberpulver und weitere Substanzen werden in Handarbeit auf die vorbereitete Oberfläche aufgebracht und eingerieben. Das Ergebnis ist eine feinkörnige, fast samtige Struktur, die je nach Lichteinfall unterschiedlich wirkt. Das historische Logo von 1875 verstärkt den Eindruck, hier ein Stück Uhrmachergeschichte am Handgelenk zu tragen. Die Edition ist auf 18 Exemplare begrenzt.
Die Hamatic verkörpert deutsche Ingenieurskunst in ihrer lustvollsten Form: Ein technisches Problem wird komplizierter gelöst als unbedingt nötig – und anschliessend so schön ausgeführt, dass die Konstruktion selbst zum Vergnügen wird. Der Preis von 73’500 Euro erinnert allerdings daran, dass man sich hier schon weit von der Einstiegsdroge aus Glashütte entfernt hat.
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Moritz Grossmann Hamatic Anreibeversilbert.zVg

Understatement: Sinn 556 I RS

Dann ist da eine Uhr, die fast alles verweigert, was Luxusuhren gewöhnlich als solche erkennbar macht. Die Sinn 556 I RS aus Frankfurt misst ebenfalls 38,5 Millimeter. Schwarzes Zifferblatt. Weisse Indizes. Drei Zeiger. Der Sekundenzeiger ist rot. Fertig.

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Zumindest sieht es so aus. Sinn stammt aus der Welt der Flieger- und Navigationsuhren. Diese Herkunft ist der 556 sofort anzusehen. Die Zeit lässt sich auf einen Blick erfassen, kein Zierrat konkurriert mit der Funktion. Das satinierte Edelstahlgehäuse hält einem Druck von 20 bar stand und ist unterdrucksicher. Vorne sitzt Saphirkristall, hinten ebenfalls. Erst auf der Rückseite erlaubt sich die nüchterne Instrumentenuhr ein wenig Exhibitionismus. Durch den Sichtboden zeigt sich das mechanische Automatikwerk. Auf der Vorderseite bleibt der rote Sekundenzeiger die beinahe einzige Extravaganz.
Die 556 I RS eignet sich denkbar schlecht dazu, am Nachbartisch Eindruck zu machen. Wahrscheinlich erkennt sie nicht einmal der Nachbar am Tisch des Sternerestaurants. Darin liegt ihr Charme. In einer Zeit, da manche Uhr weniger Zeitmesser als tragbare Vermögensauskunft geworden ist, wirkt diese demonstrative Nüchternheit fast subversiv. Die Sinn muss weder kompliziert aussehen noch ihren Preis aus zehn Metern Entfernung verraten.
Diese drei Modelle erzählen deshalb mehr über deutsche Uhrmacherei als eine Rangliste der teuersten Uhren. Nomos macht Manufakturmechanik zugänglich. Moritz Grossmann macht aus Mechanik ein Schauspiel der Luxusklasse. Sinn macht aus dem Weglassen eine Tugend.

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Drei Hersteller, drei Preisklassen und drei sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Was macht eine mechanische Uhr interessant, obwohl längst niemand mehr eine braucht, um die Zeit zu erfahren? Es ihre Schönheit, es ist ihre Schlichtheit, und es können ihre inneren Werte sein.
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Sinn 556 I RS.zVg

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