Abo
Deutsche Fliegeruhren

Die Fliegeruhr hebt wieder ab

Glashütte Original bringt einen neuen Navigator, Tutima setzt auf Titan, Laco schrumpft die GMT-Uhr. Viele deutsche Uhrenneuheiten des Jahres 2026 haben mit dem Fliegen zu tun. Zufall? Eher nicht.

Oliver Stock

Glashütte Original Senator Chronograph Navigator.
Glashütte Original Senator Chronograph Navigator.Glashütte Original

Werbung

Plötzlich wollen deutsche Uhren wieder fliegen. Glashütte Original hat gerade den Senator Chronograph Navigator vorgestellt: 41 Millimeter Edelstahl, schwarzes Zifferblatt, grosse Leuchtziffern, Flyback-Chronograph, 70 Stunden Gangreserve. Dazu kommt eine Tachymeterskala, mit der sich Geschwindigkeiten messen lassen. Preis: ab 15’900 Euro.
Fast gleichzeitig bringt Tutima aus Glashütte die neue Flieger T5. Sie ist nur 38,5 Millimeter gross und besteht aus Titan Grade 5. Hanhart wiederum baut seine berühmte 417 erstmals in Titan. Die neue 417 TI Desert Pilot (Preis: 2450 Franken) gibt es mit 39 oder 42 Millimetern und sandfarbenem Zifferblatt. Der Name klingt ein wenig nach Erwin Rommels Armbanduhr, die Inspiration kommt laut Hanhart allerdings aus dem Rallyesport.
Laco hat unterdessen seine Frankfurt GMT von 43 auf 40 Millimeter verkleinert. Und Stowa verbindet seine Flieger Verus Black Forest 2026 sogar mit der Rallye-Weltmeisterschaft WRC. Fliegeruhren überall. Dabei besitzen die meisten Käufer vermutlich weder eine Pilotenlizenz noch die Absicht, demnächst eine Messerschmitt zu besteigen. Warum funktioniert dieser Uhrentyp trotzdem?

Eine Uhr wie ein Messgerät

Die Antwort liegt in der Herkunft. Eine Fliegeruhr war kein Schmuckstück, sondern ein Werkzeug. Sie musste schnell ablesbar sein, auch bei schlechtem Licht. Grosse Ziffern und kräftige Leuchtmasse waren keine Designidee, sondern notwendig. Die Krone musste sich auch mit Handschuhen bedienen lassen. Deshalb sehen viele Fliegeruhren bis heute so aus, als hätte ein Ingenieur den Designer vor die Tür geschickt.

Partner-Inhalte

Der neue Navigator von Glashütte Original zeigt, wie weit sich dieses Prinzip treiben lässt. Vorne herrscht Instrumentenoptik: schwarzes Zifferblatt, weisse Anzeigen, grosse Krone, Pilzdrücker. Dahinter steckt feine Glashütter Uhrmacherei. Das eigene Automatikkaliber 37-24 steuert den Chronographen über ein Säulenrad, besitzt eine Flyback-Funktion und ist durch den Glasboden zu sehen. Vorne Werkzeug, hinten Luxus. Uhrenautor Sean May hält vor allem die neuen Proportionen für gelungen: Der Durchmesser sank auf 41 Millimeter, die Höhe auf 12,9 Millimeter. Das sei keine vom Marketing schöngerechnete Kleinigkeit, sondern am Handgelenk tatsächlich zu spüren.

Lilienthal hätte das Prinzip verstanden

Die deutsche Verbindung von Technik und Fliegen ist älter als die Fliegeruhr. Otto Lilienthal untersuchte rund 20 Jahre lang Luftwiderstand, Auftrieb und Flügelformen. Dann baute der Ingenieur Gleiter und probierte sie selbst aus. Mehr als 2000 Flüge absolvierte er. Sein Normal-Segelapparat wurde schliesslich in Serie gebaut; das Deutsche Museum bezeichnet ihn als das erste Serienflugzeug der Welt. Lilienthal sprach ausdrücklich vom «Fliegesport». Wettbewerb, glaubte er, werde die Fluggeräte verbessern. Technik wird besser, wenn sie benutzt wird. Das Credo passt gut zu den neuen deutschen Fliegeruhren.

Werbung

Hanhart 417 TI Desert Pilot.
Hanhart 417 TI Desert Pilot.PR
Hanhart 417 TI Desert Pilot.
Hanhart 417 TI Desert Pilot.PR
Hanhart zeigt das besonders deutlich. Die historische 417 wurde in den 1950er-Jahren als Fliegerchronograph für die Bundeswehr entwickelt. Jetzt steckt Hanhart das bekannte Design in ein leichtes Titangehäuse und gibt ihm mit der Desert Pilot einen Rallye-Einschlag. Stowa geht noch einen Schritt weiter. Das Unternehmen ist 2026 Uhrenpartner der Rallye-Weltmeisterschaft und hat dafür die Flieger Verus Black Forest WRC aufgelegt. Ausgerechnet die Fliegeruhr landet also im Rallyeauto. So widersinnig ist das gar nicht. Pilot und Rallyefahrer haben ein ähnliches Problem: Beide sollten besser nach vorne schauen als lange auf ihre Uhr. Gute Ablesbarkeit hilft also.

Die Deutschen schrumpfen

Noch etwas fällt bei den Neuheiten auf: Die Fliegeruhr wird kleiner. Historische Beobachtungsuhren konnten gewaltige 55 Millimeter messen. Sie wurden über der Fliegerjacke getragen. Im Büro wirkt eine 55-Millimeter-Uhr dagegen ungefähr so dezent wie ein Höhenmesser am Sakko. Tutimas neue T5 misst deshalb 38,5 Millimeter. Hanharts Desert Pilot beginnt bei 39 Millimetern. Laco verkleinert seine Frankfurt GMT auf 40 Millimeter. Glashütte Original landet beim Navigator bei 41 Millimetern. Die Fliegeruhr verliert militärische Wucht und gewinnt Alltagstauglichkeit. Gleichzeitig wird sie sportlicher. Titan, Chronographen, GMT-Funktionen und Rallyesport holen sie aus dem historischen Cockpit in die Gegenwart.

Werbung

Tutima Glashütte T5.
Tutima Glashütte T5.Tutima Glashütte
Tutima Glashütte T5.
Tutima Glashütte T5.Tutima Glashütte
Die Schweiz besitzt ihre grossen Sportuhren: Rolex Submariner, Audemars Piguet Royal Oak, Patek Philippe Nautilus. Deutschland hat nie eine ähnlich dominante Ikone hervorgebracht. Aber die eigene Tradition ist stark: Laco und Stowa gehörten zu den Herstellern historischer Beobachtungsuhren. Hanhart steht für Fliegerchronographen. Tutima besitzt eine lange Geschichte mit Pilotenuhren. Und Glashütte Original bringt diese Welt jetzt in die gehobene Manufakturklasse.
Deshalb ist der neue Navigator interessant. Er zeigt, dass Fliegeruhr und feine Glashütter Uhrmacherei keine Gegensätze sein müssen. Das Ergebnis ist aufwendige Technik, die möglichst so aussieht, als sei sie ausschliesslich aus praktischen Gründen dort. Otto Lilienthal hätte das vermutlich verstanden. Er gehörte zu den Ingenieuren, die nicht nur rechneten und zeichneten, sondern ihre Konstruktionen praktisch ausprobierten. Seine Sprache war die, die Fliegeruhren aus Deutschland noch immer auszeichnet: Sie wollen nicht über Technik reden. Sie wollen los.

Werbung