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Was soll das?

Die Deutschen zeigen die Zeit falsch an

Ein Zeiger, springende Ziffern, Stunden ohne Stundenzeiger: Deutsche Uhrmacher erlauben sich die grösstmögliche Freiheit bei der wichtigsten Funktion einer Uhr. Dahinter steckt mehr als Design.

Oliver Stock

MeisterSinger Panthero Jumping Hour – ohne Stundenzeiger.
MeisterSinger Panthero Jumping Hour – ohne Stundenzeiger.Holger Hahn

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Eigentlich ist die Sache mit der Uhr geklärt: Ein kurzer Zeiger zeigt die Stunde, ein längerer die Minute, ein dünner dritter vielleicht noch die Sekunde. Seit Generationen genügt ein Blick, und wir wissen, wie spät es ist. Nur die Deutschen machen nicht richtig mit, jedenfalls nicht alle.
In Münster baut MeisterSinger seit 25 Jahren Uhren, denen in aller Regel zwei Zeiger fehlen. Ein einziger wandert über das Zifferblatt. Er zeigt Stunde und Minute zugleich. Wer wissen will, ob es 14.32 Uhr oder 14.34 Uhr ist, besitzt die falsche Uhr. Oder, so lautet die Philosophie von MeisterSinger, möglicherweise das falsche Verhältnis zur Zeit.
Zum 25. Geburtstag treibt die Marke das Spiel jetzt weiter. Bei der neuen Panthero Jumping Hour ist ausgerechnet der Stundenzeiger verschwunden. Die Stunde erscheint als Zahl in einem Fenster und springt alle 60 Minuten weiter. Der einzige Zeiger ist jetzt für die Minuten zuständig – und sitzt nicht einmal in der Mitte des Zifferblatts. MeisterSinger nennt das eine «reduzierte, ruhige und intuitive» Zeitanzeige. Man könnte auch sagen: Um zu zeigen, wie spät es ist, wird zunächst einmal alles auseinandergenommen, was wir über eine Uhr gelernt haben.
Was das soll? Die Antwort: Eine Uhr hatte über Jahrhunderte einen eindeutigen Auftrag – sie sollte die Zeit möglichst genau anzeigen. Die mechanische Uhr des 21. Jahrhunderts hat dieses Monopol verloren. Wer wirklich sekundengenau wissen möchte, wie spät es ist, schaut aufs Smartphone. Oder auf irgendeinen der Dutzenden Bildschirme, die uns umgeben. Die Armbanduhr ist damit von ihrer wichtigsten Pflicht befreit worden. Ihre Ingenieure sind so frei, sich anderem zu widmen.

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Drei Zeiger sind kein Naturgesetz

Bei MeisterSinger begann diese Freiheit im Jahr 2001. Firmengründer Manfred Brassler machte den fehlenden Minutenzeiger nicht zum Mangel, sondern zum Markenkern. Die Einzeigeruhr zwingt ihren Besitzer zu einer anderen Art des Ablesens. Zwischen zwei Stunden liegen auf dem Zifferblatt feine Teilstriche. Man kann die Zeit durchaus bestimmen, aber eben nicht auf die nervöse Sekunde genau. Die Botschaft lautet: Nicht die Uhr ist unpräzise, der Mensch ist zu präzise geworden. Das klingt nach Marketing – und ist es natürlich auch. Aber wie jedes gutes Marketing trifft es einen Nerv. Je genauer die digitale Welt unser Leben taktet, desto luxuriöser wirkt eine mechanische Uhr, die demonstrativ darauf verzichtet.

MeisterSinger Panthero Jumping Hour

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Die Uhr ohne Stundenzeiger.Holger Hahn
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Die Uhr ohne Stundenzeiger.Holger Hahn
Gehäuse: 40,5 mm, Edelstahl
Werk: Automatik, Kaliber MS-JH-01
Gangreserve: 47 h
Preis: 6990 Fr.
Anzeige: springende Stunde, dezentrale Minute
Die neue Panthero macht daraus erstmals ein anderes Schauspiel. Ihre Stunde steht still – bis sie springt. Der Minutenzeiger zieht seine Bahn dezentral. Ein kleines «Sonnenrad» dreht sich im Sekundentakt, ohne die Sekunde überhaupt anzuzeigen. Es signalisiert lediglich: Hier arbeitet etwas.

Digital – aber ohne Elektronik

Wer sehen will, wie weit sich dieses Prinzip treiben lässt, muss von Münster nach Glashütte reisen. A. Lange & Söhne stellte 2009 die Zeitwerk vor. Auch sie bricht mit dem Bild der klassischen Armbanduhr. Stunden- und Minutenzeiger gibt es nicht. Stattdessen erscheinen Stunde und Minute als grosse Ziffern in drei Fenstern. Man liest 10.09 Uhr tatsächlich von links nach rechts wie auf einem digitalen Wecker. Nur steckt dahinter kein Chip, sondern drei mechanische Ziffernscheiben müssen bewegt, beschleunigt und exakt wieder gestoppt werden. Alle 60 Sekunden gibt das Uhrwerk den Impuls zum nächsten Sprung. Zur vollen Stunde wechseln drei Scheiben gleichzeitig. Das geschieht 24-mal am Tag; insgesamt schaltet der Mechanismus 1440-mal täglich. Die aktuelle Generation besitzt 72 Stunden Gangreserve. Mechanisch ist diese Art, die Zeit anzuzeigen, viel aufwendiger als zwei Zeiger kreisen zu lassen. Lange betreibt also enormen uhrmacherischen Aufwand, um eine Anzeige zu erzeugen, die auf den ersten Blick aussieht wie etwas, das eine billige Digitaluhr seit Jahrzehnten kann. Aber eine mechanische Luxusuhr konkurriert längst nicht mehr mit der Quarzuhr um Präzision. Sie konkurriert um Aufmerksamkeit, Gestaltung und technische Originalität. Lange selbst schreibt, für die Zeitwerk habe man die konventionellen Prinzipien der Feinuhrmacherei «von Grund auf infrage gestellt».

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A. Lange & Söhne Zeitwerk

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Aufmerksamkeit, Gestaltung und technische Originalität.SCHIMSCHAR.COM
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Aufmerksamkeit, Gestaltung und technische Originalität.SCHIMSCHAR.COM
Gehäuse: 41,9 mm, 950er-Platin
Werk: Handaufzug, Manufakturkaliber L043.6
Gangreserve: 72 h
Preis: auf Anfrage
Anzeige: springende Stunden und Minuten, kleine Sekunde

Die deutsche Lust am Weglassen

Und dann ist da Nomos. Die Glashütter Marke geht weniger spektakulär vor, aber der Gedanke ist ähnlich. Bei der Tangente wird nicht die Mechanik der Anzeige revolutioniert, sondern ihre Sprache reduziert. Dünne Zeiger, viel freie Fläche, eine Typografie, die längst selbst zum Markenzeichen geworden ist. Die Uhr will nicht zeigen, was technisch alles möglich wäre. Sie zeigt, was nötig ist. Nomos beruft sich bei der Tangente auf «Form follows function». Die Gestaltung sei geradlinig und die Typografie bewusst klar.

NOMOS Glashütte Tangente

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Die Tangente zeigt nicht, was alles möglich wäre, sondern, was nötig ist.Holger Wens
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Die Tangente zeigt nicht, was alles möglich wäre, sondern, was nötig ist.Holger Wens
Gehäuse: 35 mm, Edelstahl
Werk: Handaufzug, Manufakturkaliber Alpha
Gangreserve: bis 43 h
Anzeige: Stunden, Minuten, kleine Sekunde
Preis: ab 1860 Fr.
Damit stehen drei sehr unterschiedliche deutsche Hersteller für drei Varianten desselben Gedankens. MeisterSinger lässt Zeiger weg. Lange ersetzt sie durch springende Zahlen. Nomos reduziert die klassische Anzeige auf das gestalterische Minimum.
Natürlich ist das alles keine ausschliesslich deutsche Erfindung. Und wer daraus eine nationale Charaktereigenschaft konstruieren wollte, würde die Uhrengeschichte arg strapazieren. Es geht um einen anderen Gedanken: Eine Rolex zeigt die Zeit hervorragend. Eine Omega ebenfalls. Eine billige Quarzuhr tut es objektiv noch genauer. Und ein Smartphone korrigiert seine Uhrzeit automatisch. Wer heute mehrere Tausend Franken für eine mechanische Uhr bezahlt, kauft längst nicht mehr in erster Linie die Information «14.37 Uhr». Er kauft eine Art, diese Information zu inszenieren. Das erklärt, warum ausgerechnet alternative Zeitanzeigen für Sammler interessant geworden sind. Sie machen sichtbar, was eine mechanische Uhr heute von einem Gebrauchsgegenstand unterscheidet und führen zu der Erkenntnis: Luxus war noch nie vernünftig.

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