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Brief aus Japan

Wie Genf zur Hauptstadt der Uhrenindustrie wurde

Während in den 1970er-Jahren Japan die Schweizer Uhrenindustrie in die Krise stürzte, machte sich Genf auf, den Markt zu erobern. Luxusuhren für den Export begründen den heutigen Erfolg.

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Der Wirtschaftshistoriker und Professor an der Universität Osaka Pierre-Yves Donzé verfasst viermal im Jahr einen «Brief aus Japan».
Der Wirtschaftshistoriker und Professor an der Universität Osaka Pierre-Yves Donzé verfasst viermal im Jahr einen «Brief aus Japan».PR

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Von Watches and Wonders über die Geneva Watch Days bis zum Grand Prix d'Horlogerie de Genève (GPHG): Die Calvin-Stadt hat sich als unbestrittene Hauptstadt der zeitgenössischen Uhrenindustrie etabliert. Heute kommen hier die verschiedenen Akteure der Branche zusammen und präsentieren Kunden und Medien aus aller Welt ihre Kreativität. Wertschöpfung entsteht nicht mehr allein in den über den Jurabogen verstreuten Fabriken und Ateliers, sondern auch bei den grossen Veranstaltungen in Genf.
Genf war nicht immer die Hauptstadt der Schweizer Uhrenindustrie. Im 20. Jahrhundert bildeten vielmehr die Städte im Jura, vor allem La Chaux-de-Fonds und Biel, das Herz der Branche. Zwar hatten sich die Uhrenunternehmen dafür entschieden, ihre grosse jährliche Fachmesse auf neutralem Boden in Basel abzuhalten. Doch die führenden Uhrenhersteller, die auch die Chronometriewettbewerbe der Observatorien dominierten, waren in den Städten des Jurabogens ansässig. Dort hatten sich auch die wichtigsten Organisationen der Uhrenindustrie niedergelassen, etwa der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie (FH), ebenso die Swatch Group bei ihrer Gründung im Jahr 1983.
Pierre-Yves Donzé Professor für Unternehmensgeschichte an der Universität Osaka.
Wie Genf zum Zentrum der Schweizer Uhrenindustrie wurde, lässt sich besonders deutlich an den Uhrenexporten ablesen. Die Entwicklung des Anteils des Kantons Genf an den gesamten Schweizer Uhrenexporten zwischen 1972 und 2025 zeigt zwei markante Wendepunkte.

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Der erste fällt ziemlich genau in jene Zeit, die gemeinhin als «Uhrenkrise» bezeichnet wird. Zwischen 1972 und 1985 stieg Genfs Anteil an den Uhrenexporten von lediglich 12,7 auf 37 Prozent. Dieser Erfolg war eindeutig eine Folge des Wachstums von Rolex in dieser Zeit. Während die Schweizer Uhrenindustrie insgesamt angesichts der japanischen Konkurrenz, die hohe Qualität zu niedrigen Preisen anbot, einbrach, erwies sich Rolex als bemerkenswert widerstandsfähig. Rolex verkaufte keine Uhren, sondern Symbole sozialen Status. Dagegen konnten Seiko, Citizen und Casio wenig ausrichten. Im Schatten von Rolex hielten zudem Patek Philippe und eine Handvoll unabhängiger Uhrmacher die mechanische Uhrmacherei in Genf am Leben.
Der Anteil Genfs am Schweizer Export (rote Kurve) stieg bis Mitte der 80er-Jahre rasant an und verharrte auf einem Niveau von knapp unter 40 Prozent bis 2015. Dann kletterte der Anteil erneut. Gleichzeitig nahm der Wert der Uhren (Balken) mit Schwankungen signifikant zu.
Der Anteil Genfs am Schweizer Export (rote Kurve) stieg bis Mitte der 80er-Jahre rasant an und verharrte auf einem Niveau von knapp unter 40 Prozent bis 2015. Dann kletterte der Anteil erneut. Gleichzeitig nahm der Wert der Uhren (Balken) mit Schwankungen signifikant zu.RMS
Der Anteil Genfs am Schweizer Export (rote Kurve) stieg bis Mitte der 80er-Jahre rasant an und verharrte auf einem Niveau von knapp unter 40 Prozent bis 2015. Dann kletterte der Anteil erneut. Gleichzeitig nahm der Wert der Uhren (Balken) mit Schwankungen signifikant zu.
Der Anteil Genfs am Schweizer Export (rote Kurve) stieg bis Mitte der 80er-Jahre rasant an und verharrte auf einem Niveau von knapp unter 40 Prozent bis 2015. Dann kletterte der Anteil erneut. Gleichzeitig nahm der Wert der Uhren (Balken) mit Schwankungen signifikant zu.RMS
Seit Mitte der 1980er-Jahre stiess Genf allerdings an eine gläserne Decke. In den folgenden drei Jahrzehnten blieb die Stellung des Kantons innerhalb der Schweizer Uhrenindustrie relativ stabil: Zwischen 1985 und 2015 lag sein durchschnittlicher Anteil an den Exporten bei 35,6 Prozent. Rolex war inzwischen nicht mehr das einzige grosse Unternehmen, das seine Uhren als Symbole sozialen Status vermarktete. Nach und nach folgte die gesamte Branche diesem Modell, insbesondere Omega, das in den 1990er-Jahren ein bemerkenswertes Comeback feierte. Genfs Anteil an den Schweizer Uhrenexporten sank denn auch von 37,1 Prozent im Jahr 1994 auf 30,5 Prozent 1998.

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Vor diesem Hintergrund entstand 1991 der Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH), gegründet von Cartier und mehreren eng mit dem Unternehmen verbundenen Marken. Ziel war es, sich in Genf zusammenzuschliessen, um die Ausstrahlung und Entwicklung der Luxusuhrmacherei zu fördern und sich von der breiten Masse abzuheben, die die Uhrmacherei weiterhin in Basel feierte. Die Auswirkungen blieben allerdings zunächst mehrere Jahre lang begrenzt.
Der zweite Wendepunkt kam 2015. Seither hat Genf seinen Einfluss innerhalb der Schweizer Uhrenexporte erneut deutlich ausgebaut. Das Wachstum ist eindrücklich. Seit 2021 wird mehr als jeder zweite Exportfranken in Genf erwirtschaftet. 2025 erreichte der Anteil des Kantons mit 54,4 Prozent einen historischen Höchststand.
Auch diese Entwicklung lässt sich teilweise mit dem aussergewöhnlichen Erfolg von Rolex erklären, seit Jean-Frédéric Dufour 2015 die Führung übernommen hat. Doch Rolex ist nicht der einzige Faktor. Patek Philippe, Vacheron Constantin, Hublot, Chopard und zahlreiche weitere Marken, die im vergangenen Jahrzehnt erfolgreich waren, exportieren aus Genf.
Das Jahr 2015 markierte zugleich einen Wendepunkt in der jüngeren Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie. Damals begann ein deutlicher Rückgang der Stückzahlen: Wurden 2015 noch 28,1 Millionen fertige Uhren exportiert, waren es 2025 nur noch 14,6 Millionen. Gleichzeitig stieg der Wert der Exporte stark an.

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Was aus industrieller Sicht im Jurabogen als Krise erscheint (der Einbruch der Stückzahlen und die Verlagerung hin zum Luxussegment), erweist sich für Genf als Vorteil. Heute wird der mit der Luxusuhrmacherei verbundene Wert zunehmend in dieser Stadt geschaffen und konzentriert.

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