GMT avant la lettre: Taschenuhr «Hora-Universa», Schweiz, um 1880, mit Weltzeitindikation. Die seitliche Krone dient dem Stellen der drehbaren Tag-Nacht-Scheibe über dem Ortsverzeichnis. Lesebeispiel: Wenn die Kirchenglocken in Wien die volle Stunde um sechs Uhr abends schlugen, war es in Genf erst Viertel nach fünf. Deutsches Uhrenmuseum
Als der Reiseschriftsteller Ernst von Hesse-Wartegg (1851–1918), der die letzten drei Jahrzehnte seines Lebens als Schweizer Konsul in Venezuela diente, 1892 eine Zeitentabelle studierte, war die Welt noch ungetaktet: «Zwischen 30 europäischen Hauptstädten werden nicht weniger als 900 verschiedene Zeitdifferenzen angeführt», notierte er in seinem Werk «Einheitszeit nach Stundenzonen». Grund dafür war, dass die Sonne von jedem Ort aus betrachtet ein wenig anders am Himmel steht. Damals hatte beinahe jede Stadt, jedes Dorf, jede Kirche, jeder landwirtschaftliche Betrieb, jede Manufaktur die eigene Zeit. Nur die Bahnhöfe und die Telegrafenämter tickten in der Schweiz bereits im Gleichklang.
Eine solche Zeitwirrnis erscheint uns heute surreal. Doch die Einheitszeit ist ein Konstrukt – und ihre Erfindung liegt gar noch nicht so lange zurück.
Rhythmus des Lebens
Grundlegend für die Tagesstrukturierung waren in der ländlichen Schweiz bis weit ins 19. Jahrhundert der Wechsel von Hell und Dunkel und der Stand der Sonne; dieser konnte etwa mithilfe von Geländeerhebungen – Bergnamen wie Dents du Midi oder Einshorn zeugen davon – oder, vorausgesetzt, der Himmel war nicht wolkenverhangen, mit Sonnenuhren ermittelt werden. Im Winter waren die Tage kurz, im Sommer lang.
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Im Spätmittelalter kamen die ersten mechanischen Uhren auf: Eine Hemmungs- und Regulierungskonstruktion machte die konstante Drehung einer Welle möglich. Anders als die Sonnenuhren konnten sie die Zeit auch nachts anzeigen und mit Schlägen an eine Glocke hörbar machen. In den Städten gab es fortan Referenzuhren, nach denen sich die lokale Zeit zu richten hatte, in Zürich zum Beispiel ab 1366 das gegen die Limmat gerichtete Zifferblatt von St. Peter. Eine der ältesten erhaltenen öffentlichen Uhren der Schweiz ist der Zeitmesser im Berner Zytglogge von 1530. Solche mechanischen Uhren teilten den Tag in 24 gleich lange Stunden und bestimmten den Rhythmus des Lebens in den jeweiligen Städten. Behörden, Handel, Gerichte und Klerus richteten ihre Aktivitäten nach den Schlägen der Stundenglocke. Eine einschneidende gesellschaftliche Innovation, welche die innere Uhr der Bürgerinnen und Bürger verdrängte und deren Schritte beschleunigte.
Zeit ist Geld
Wirtschaft und Handel zwangen zu einer exakteren Synchronisation. Auch die Koordination zwischen verschiedenen Regionen wurde mit der Einführung einheitlicher Zeitstandards erleichtert. Für das Funktionieren der Eisenbahn etwa ist Zeitmessung essenziell: Es gibt Fahrpläne, damit die Leute wissen, wann sie sich am Perron einzufinden haben, um zeitig am Ziel anzukommen, das Rollmaterial muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort bereitstehen, und zeitliche Missverständnisse wären fatal. Für den Eisenbahnbetrieb galt schweizweit die Berner Zeit, doch in vielen Städten und Dörfern wurde weiterhin parallel die Lokalzeit verwendet.
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Die Genfer Tour de l’Île 1880 mit den drei Zifferblättern: in der Mitte die Genfer Lokalzeit, rechts die Berner Zeit, nach der sich die Schweizer Eisenbahn richtete, links die Pariser Zeit, nach der die französischen Züge verkehrten.Adrien Champion, Genève
Die Genfer Tour de l’Île 1880 mit den drei Zifferblättern: in der Mitte die Genfer Lokalzeit, rechts die Berner Zeit, nach der sich die Schweizer Eisenbahn richtete, links die Pariser Zeit, nach der die französischen Züge verkehrten.Adrien Champion, Genève
Wer beispielsweise mit dem Zug von Genf nach Frankreich reiste, musste drei Zeiten im Auge behalten. Die Genfer Tour de l’Île, Relikt einer mittelalterlichen Burg auf einer Rhoneinsel im Stadtzentrum, hatte deshalb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drei Zifferblätter: Sie zeigten die Berner Zeit entsprechend der Uhrzeit der Schweizer Bahnhöfe an, ausserdem die Genfer Lokalzeit und diejenige von Paris, nach der die französischen Züge verkehrten.
Zeitmessung begann die Arbeit zu takten und trieb die Industrialisierung voran. So kam es, dass sie zur Grundlage für die Erfassung von Arbeitsstunden sowie Löhnen nach Arbeitsleistung wurde und eine effizientere Organisation von Arbeitsabläufen in Fabriken ermöglichte. Sie half, Produktionsschritte zu koordinieren und zu optimieren, was die Produktivität steigerte, was wiederum die Margen erhöhte, da mehr Output mit weniger Ressourcen erzeugt werden konnte. Zeit wurde zur Währung.
Die Arbeitstage in den Fabriken waren lang, die Löhne niedrig. Die Einführung fester Arbeitszeiten änderte die sozialen Strukturen, da sich Freizeit und Lebensrhythmen diesen anzupassen hatten. Kapitalismuskritiker richten ihren Fokus auf die Frage der Macht: Wer legt fest, wann und wie schnell die Belegschaft zu arbeiten, wann sie zu essen und zu schlafen hat? Die Normierung der Zeit habe, so die Kritik, zu einer stärkeren Kontrolle über die Lebensweise der arbeitenden Menschen geführt, die sich an die festgelegten Arbeitszeiten halten mussten. Wer sich nicht an die Fabrikzeit hielt, wurde bestraft.
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The American System of Watchmaking: Eine der ersten mechanisierten Manufakturen des Landes war Longines in Saint-Imier. Sie begann nach amerikanischem Vorbild Uhren zu produzieren, die durch Serienfertigung und Austauschbarkeit von Komponenten billiger waren als diejenigen der Konkurrenz.zVg
The American System of Watchmaking: Eine der ersten mechanisierten Manufakturen des Landes war Longines in Saint-Imier. Sie begann nach amerikanischem Vorbild Uhren zu produzieren, die durch Serienfertigung und Austauschbarkeit von Komponenten billiger waren als diejenigen der Konkurrenz.zVg
Das Wendejahr 1894
Die Zeitwirrnis in der Schweiz nahm 1894 schliesslich ihr Ende. Die Beschleunigung und die internationale Verflechtung von Verkehr und Kommunikation verlangten nach einer weltweiten Synchronisation der unterschiedlichen Einheits- oder Landeszeiten: Die zunehmend globalisierte Welt brauchte einen Takt.
1884 hatte sich die Konferenz von Washington auf den Meridian von Greenwich im Südosten Londons als internationalen Nullmeridian geeinigt und damit den Weg für die weltweite Einführung der Stundenzonenzeit geebnet. Für den vollen Erdumfang und eine Tageseinteilung von 24 Stunden ergibt sich alle 15 Längengrade ein Zonenwechsel um eine Stunde. In der Schweiz wandte sich der Bundesrat in einem Bericht vom 17. Juni 1892 ans nationale Parlament: «Die Verhältnisse gestatten es nicht, aus der Schweiz eine Insel zu machen im wogenden Meere des Verkehrs.» Seit 1894 richtet sich die ganze Schweiz nach der Mitteleuropäischen Zeit.
«Biep»
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Wecker, Taschen- und dann auch Armbanduhren zu unabdingbaren Alltagsgegenständen. Ihre Werke gingen noch nicht sehr präzis und mussten regelmässig gerichtet werden. Zu diesem Zweck bot die damalige PTT die «Sprechende Uhr» an. Über die Dienstnummer 161 konnte die genaue Zeit konsultiert werden: «Beim nächsten Ton ist es zwölf Uhr dreiunddreissig Minuten null Sekunden … biep.»
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Der beliebteste Uhrzeit-Service-public im Land war freilich ab den 1930er-Jahren das «Zeitzeichen der Sternwarte Neuenburg». Jeweils um 12.30 Uhr vor den Mittagsnachrichten und um 16 Uhr wurde die genaue Zeit von den Landessendern als getaktetes Tonsignal ausgestrahlt. «Die durchschnittliche Genauigkeit des Zeitzeichens von Beromünster betrug drei Hundertstelsekunden», weiss das Berner Museum für Kommunikation. Das Einstellen der exakten Zeit an der Armbanduhr wurde in den Schweizer Haushalten zum kollektiven Ritual. Tempi passati.
Nachtrag: «Unrueh» in Saint-Imier
Der Zürcher Regisseur Cyril Schäublin landete 2022 einen grossen Erfolg mit «Unrueh», einem Spielfilm, der die Synchronisierung der Zeit thematisiert. Dafür suchte er einen der zentralen Schauplätze auf: Saint-Imier im Berner Jura, von wo aus Longines als erste mechanisierte Manufaktur der Region während der grossen Industrialisierungswelle des späten 19. Jahrhunderts zum internationalen Anbieter für Taschenuhren aufstieg. Longines war eines der ersten Uhrenunternehmen der Schweiz, welche die gesamte Wertschöpfungskette von der Herstellung von Komponenten bis zur Endmontage übernahmen. Die Fabrik brachte willkommene Arbeitsplätze auch für Ungelernte in die Talschaft.
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Der Film spielt im Jahr 1877: Die Zeitmessung wurde gerade essenziell für die Anfänge des industriellen Kapitalismus. Insbesondere in den USA wurde die Produktion von Uhren nach und nach standardisiert. Die hiesigen Uhrenhersteller reagierten mit einer Doppelstrategie: Einerseits setzten sie weiter auf Luxusuhren, Edelmetalle, Komplikationen und spezielle Endbearbeitungen in den traditionellen Zentren wie Genf, dem Vallée de Joux oder La Chaux-de-Fonds. Anderseits ging die Produktion im mittleren und unteren Preissegment von der Handarbeit zur maschinellen Fertigung von Einzelteilen und zur Serie über. Es begann eine Umstrukturierung.
Suche nach der verlorenen Zeit: Standbild aus Cyril Schäublins Film «Unrueh» (2022), der die sozialen Veränderungen, welche die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit sich brachte, thematisiert. Der Film ist zurzeit in der Mediathek von Play Swiss abrufbar.filmcoopi
Suche nach der verlorenen Zeit: Standbild aus Cyril Schäublins Film «Unrueh» (2022), der die sozialen Veränderungen, welche die Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit sich brachte, thematisiert. Der Film ist zurzeit in der Mediathek von Play Swiss abrufbar.filmcoopi
Schäublins Film erzählt vom russischen Kartografen Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842–1921), Spross aus dem Moskauer Hochadel, der im Berner Jura die Landschaft vermass und im Kontakt mit den Uhrenarbeitern und -arbeiterinnen in Saint-Imier zu seiner politischen Gesinnung fand. Er setzte sich fortan für eine gewalt- und herrschaftsfreie Gesellschaft ein und ging in die Geschichte ein als einer der einflussreichsten Theoretiker des kommunistischen Anarchismus. Eines Systems also, das postuliert, dass sich die Arbeiterschaft in Verbünden selbst reguliert, vorausahnend, dass zentralistische Strukturen zu Entfremdung führen würden. Unter den Arbeitenden der Uhrenfabrik – im Film wie auch im richtigen Leben – waren solche Theorien verbreitet, wenn auch von den Patrons nicht eben wohlgelitten. Um für mehr Rechte einzustehen, griffen zwischen 1884 und 1914 schweizweit allein die Arbeiterinnen und Arbeiter in Uhrenfabriken 193-mal zum Mittel des Streiks, wie die Historikerinnen Estelle Fallet und Béatrice Veyrassat fürs «Historische Lexikon der Schweiz» nachgezählt haben.
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Der Filmtitel «Unrueh» spielt denn auch nicht nur auf das Herz von Zeitmessern an, das deren Mechanik in Schwung hält, sondern steht als Metapher für das Gegenteil von Ruhe und Ordnung.
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