«Es gab einige Aufwachmomente für die Schweizer Uhrenindustrie»
Der CEO von A. Lange & Söhne spricht über Uhren und Automobile, kontrolliertes Risiko in der Unternehmensführung – und die bewegte Geschichte der legendären Manufaktur aus Glashütte (Deutschland).
Wenn sich einmal im Jahr die schönsten Automobile der Welt auf den grünen Rasenflächen der grossen Concours d’Élégance versammeln, ist auch A. Lange & Söhne mit von der Partie. Seit 2012 engagiert sich die sächsische Manufaktur beim Concorso d’Eleganza Villa d’Este am Comer See – mittlerweile ist die Marke auch bei Hampton Court und dem Audrain Concours in den USA präsent. Für Wilhelm Schmid, seit 2011 CEO von A. Lange & Söhne, ist diese Nähe zur automobilen Welt keine Frage des Marketings, sondern eine Herzensangelegenheit: Er selbst ist begeisterter Autofahrer und leidenschaftlicher Uhrensammler zugleich. Wir haben am Rande dieses Get-together mit ihm gesprochen.
Herr Schmid, sind Sie ein Auto-Enthusiast?
Ja, absolut. Ich komme ursprünglich aus der Automobilindustrie und bin aus Leidenschaft Fahrer, kein Sammler. Bei Uhren ist es anders. Dort bin ich tatsächlich Sammler.
Sie kamen von BMW zu A. Lange & Söhne. Welche Beziehung hatten Sie damals bereits zur Marke?
Eine sehr persönliche. Ich hatte Uhren gesammelt, lange bevor ich zu Lange kam, schon 1994, als die ersten Modelle vorgestellt wurden. Die Lange 1 wollte ich immer haben, konnte sie mir aber zunächst nicht leisten. 1997 oder 1998 habe ich mir meine erste A. Lange & Söhne gekauft, eine 1815. Sie war nicht meine erste Uhr, aber eine der teuersten in meiner Sammlung.
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Woher kommt diese Leidenschaft für Mechanik?
Für mich gehören mechanische Dinge einfach zusammen: Autos, Uhren – beides lebt von Technik, Präzision und Emotion. Das hat mich immer fasziniert.
Ist A. Lange & Söhne deshalb bei den Concours-Veranstaltungen präsent?
Nein, Privates und Geschäftliches sollte man nicht vermischen, sonst beschädigt man beides. Als ich zur Marke kam, haben wir analysiert, welche Plattformen ausserhalb der Uhrenwelt zu uns passen. Wir wollten nicht einfach als Sponsor beliebiger Events auftreten, sondern einen inhaltlichen Zusammenhang erkennen. Der Ursprung war der Concorso d’Eleganza Villa d’Este, der am Comer See stattfindet und an dem wir uns seit 2012 beteiligen. Wir haben uns bewusst auf solche Concours fokussiert: Hampton Court, Villa d’Este und zuletzt Audrain in den USA.
Sie sind seit Januar 2011 CEO. Ihre Meilensteine?
Alles ist Teamleistung, keine One-Man-Show. Aber es gibt Momente, die bleiben: Der Bau des neuen Manufakturgebäudes, das inzwischen zehn Jahre alt ist, gehört fraglos dazu. Auch die Grand Complication von 2013, die komplizierteste Armbanduhr, die je in Deutschland gebaut wurde. Zudem die Odysseus von 2019. Sie war ein grosses Risiko, weil etwas völlig Neues. Es hätte auch schiefgehen können, aber es hat funktioniert.
Ich glaube an kontrolliertes Risiko. Ich habe einmal einen Freeclimbing-Kurs gemacht. Und abgesehen davon, dass ich den Muskelkater meines Lebens hatte (lacht), hat der Instruktor damals gesagt, die goldene Regel der alten Freeclimber laute: drei Stellen für den Körper und eine für den nächsten Schritt. Wenn man einen Arm und zwei Füsse festhat, kann man mit der anderen Hand den nächsten Griff suchen. Ist dieser fest, kann man wieder eine der anderen drei Stellen lösen. Genau so sehe ich Unternehmensführung: Wer sich zu schnell bewegt, stürzt. Wer stehen bleibt, auch. Aber wer sich vorsichtig in die richtige Richtung bewegt, bleibt lebendig und kommt weiter.
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Die Wurzeln von A. Lange & Söhne reichen ins Jahr 1845 zurück, als Ferdinand Adolph Lange seine Manufaktur in Glashütte gegründet hat. Die Marke war aber nach der Enteignung zwischen 1948 und 1990 unterbrochen. Ist das Teil der Identität?
Sehr stark. Man sagt, ein Boxer müsse einmal am Boden gewesen sein, um wirklich gut zu werden. Unsere Geschichte ist geprägt von Aufstieg, Enteignung, Stillstand und Wiederaufstieg. Dieses «Never stand still» ist tief verankert. Der Stolz auf das Erreichte speist sich auch aus den Niederlagen.
Wie wurde dieser Geist bei der Neugründung 1990 geweckt?
Das ist Walter Lange und Günter Blümlein zu verdanken, die die Marke neu gründeten. Walter Lange verstand sich selbst als Brücke zur Vergangenheit. Sein Verdienst war es, die Werte des alten Familienunternehmens zu bewahren. Günter Blümlein erklärte Menschen, die 40 Jahre Kommunismus hinter sich hatten, dass eine Uhr 100’000 Mark kosten soll. Viele dachten, das könne nicht funktionieren. Aber die Zuversicht der beiden und später die Gewissheit, dass es möglich ist, haben alle Zweifel ausgeräumt. Walter Lange war das Herz, Blümlein der Verstand.
Wie reagierte die Schweizer Konkurrenz auf die Rückkehr einer deutschen Luxusmanufaktur?
Ich glaube, es gab einige Aufwachmomente. Spätestens mit dem 1999 vorgestellten Datograph haben sie verstanden, dass sie nicht allein auf dem Markt sind. Wir wurden aber nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als Bereicherung. Ein bisschen exotisch, aber genau deshalb attraktiv. Heute wissen die Schweizer, dass wir nichts wegnehmen, sondern etwas hinzufügen. Und als Teil der Richemont-Gruppe sind wir nun ohnehin verbunden.
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Was macht A. Lange & Söhne für Sie so besonders?
Unsere Uhren haben zwei Gesichter. Auf der Zifferblattseite sind sie zurückhaltend, fast leise. Dreht man sie um, offenbart sich eine opulente, reich dekorierte Welt. Jeder Träger entscheidet selbst, ob er das teilen möchte oder nur für sich behält. Diese Zurückhaltung in der Öffentlichkeit bei maximaler Perfektion im Verborgenen schätzen viele Sammler sehr.
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