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Warum chinesische Managerinnen schneller aufsteigen

In China besetzen Frauen deutlich mehr Top-Positionen als in Europa. Die Ex-Managerin Bettina Al-Sadik-Lowinski hat untersucht, woran das liegt.

Constantin Gillies

Karrierefrau
Gelingt der Aufstieg den Frauen in China leichter? Brigitta Garcia Lopez

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In Chinas Topetagen arbeiten wesentlich mehr Frauen als in Europa. Herrscht in Asien nicht eine MΓ€nnerkultur?

Asien ist nicht gleich Asien! FΓΌr Japan mag das mit der MΓ€nnerkultur noch stimmen. Dort sind Frauen in FΓΌhrungspositionen tatsΓ€chlich nur schwach vertreten. Doch auf den Philippinen und in Thailand sieht das schon vΓΆllig anders aus – und in China erst recht! Die erste und zweite FΓΌhrungsebene ist dort zu 38 Prozent mit Frauen besetzt. Im Finanzressort liegt der Anteil sogar bei 61 Prozent. Die Schweiz kommt hier auf 5 Prozent, soweit ich weiss. In Asien vertraut man das Finanzielle traditionell gerne einer Frau an.

Woher kommt der hohe Frauenanteil im chinesischen Management?

ZunΓ€chst einmal ist es in China vΓΆllig normal, als Frau berufstΓ€tig zu sein. Die weibliche VollzeitbeschΓ€ftigungsquote liegt bei 89 Prozent β€“ so hoch wie in kaum einem anderen Land. Das ist eine SpΓ€tfolge der Kulturrevolution, in der die Geschlechtergleichheit massiv vorangetrieben wurde. Hausfrau zu sein und sich ausschliesslich um die Kinder zu kΓΌmmern, ist in China fast verpΓΆnt, zumindest in den Metropolen. Ich war letztens auf einem Symposium in China, wo das regelrecht als Problemthema behandelt wurde. Ausserdem ist es dort gesellschaftlich akzeptiert, dass Frauen im Beruf die FΓΌhrungsrolle einnehmen. Als die Zeitung Β«China DailyΒ» unlΓ€ngst fragte, wie das Idealbild einer Frau aussehe, sagte die Mehrheit: die erfolgreiche Businessfrau und Mutter.

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Lowinski
Bettina Al-Sadik-Lowinski ist Wirtschaftswissenschafterin, Autorin und zertifizierter internationaler Mentor Coach (MCC) fΓΌr FΓΌhrungskrΓ€fte. Nach mehrjΓ€hrigen Erfahrungen im Management multinationaler Unternehmen arbeitet sie als internationaler Executive Coach und Expertin fΓΌr Diversity-Forschungsprojekte in Japan, China, Frankreich und Deutschland.HZ
Lowinski
Bettina Al-Sadik-Lowinski ist Wirtschaftswissenschafterin, Autorin und zertifizierter internationaler Mentor Coach (MCC) fΓΌr FΓΌhrungskrΓ€fte. Nach mehrjΓ€hrigen Erfahrungen im Management multinationaler Unternehmen arbeitet sie als internationaler Executive Coach und Expertin fΓΌr Diversity-Forschungsprojekte in Japan, China, Frankreich und Deutschland.HZ

Und wer kΓΌmmert sich um die Kinder, wΓ€hrend die Mutter Karriere macht?

Das ΓΌbernimmt die Familie, vor allem die Grosseltern. Chinesische Frauen gehen in der Regel weiterhin mit 55 Jahren in Rente; die meisten GrossmΓΌtter sind also fit und kΓΆnnen sich voll der Betreuung der Enkel widmen. Das System Familie ist entscheidend fΓΌr den Erfolg chinesischer Managerinnen. Es wird meist durch Haushaltshilfen ergΓ€nzt, die zum Teil rund um die Uhr verfΓΌgbar sind.

In Ihrem Buch berichten Sie von einer Managerin, die ihr Kind mehrere Jahre nicht gesehen hat. In westlichen Ohren klingt das grausam …

Keine Frau tut so etwas gerne. Doch in China ist es mΓΆglich und gesellschaftlich eher akzeptiert. Niemand wΓΌrde die Managerin deshalb als Rabenmutter bezeichnen oder ihr einen Vorwurf machen. Man muss verstehen, dass der Erfolg einer weiblichen FΓΌhrungskraft in China auch immer einen Erfolg fΓΌr die ganze Familie darstellt. Und fΓΌr den mΓΌssen alle Opfer bringen.

Sie haben mit vielen chinesischen Managerinnen gesprochen, die in westlichen Unternehmen arbeiten. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

Ihre Doppelkompetenz: Sie bringen ein tiefes VerstΓ€ndnis fΓΌr den chinesischen Markt mit und haben gleichzeitig gelernt, sich perfekt an die Kultur des Arbeitgebers anzupassen. Die Chinesinnen haben zum Teil jahrelang im Ausland studiert, gelebt und gearbeitet. Dieses tiefe Eintauchen in eine andere Kultur ist in keiner anderen Managerinnengruppe zu beobachten. Dadurch sind die Chinesinnen in der Lage, mΓΌhelos zwischen den Welten zu wandern. Sie kΓΆnnen an einem Tag ein rein chinesisches Team fΓΌhren, am nΓ€chsten eines, das komplett mit AuslΓ€ndern besetzt ist. Ich bezeichne das als Global Mindset. Diese AnpassungsfΓ€higkeit haben sie nicht nur den europΓ€ischen Managerinnen voraus, sondern auch den chinesischen MΓ€nnern. Diese streben nicht so sehr danach, sich an fremde Kulturen anzupassen, sondern wollen lieber ein eigenes Unternehmen grΓΌnden.

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Sie haben herausgefunden, dass chinesische Managerinnen in Europa oft Karriereunterbrechungen hinnehmen mΓΌssen. Woran liegt das?

Diese sogenannten Stop-and-Go-Karrieren entstehen meist, wenn die Betroffene einen AuslΓ€nder heiratet. Bekommt das Paar dann Kinder, fehlt den Frauen die Familie als UnterstΓΌtzungssystem und ein Teil entscheidet sich dann, beruflich kΓΌrzerzutreten und sich den gesellschaftlichen Erwartungen im Gastland anzupassen. Andere lΓΆsen das Problem dadurch, dass sie Eltern oder Geschwister einfach in die neue Heimat holen.

In den Medien taucht immer wieder das Klischee von der Β«Tiger MomΒ» auf, von der asiatischen Mutter, die ihr Kind auf Hochleistung trimmt. ErmΓΆglicht das den Erfolg von TΓΆchtern?

Die LeistungsprΓ€gung ist in chinesischen Familien auf jeden Fall da. Und auch das Bildungssystem in China verlangt den Kindern einiges ab. Die Schule geht jeden Tag bis 16 Uhr, danach bΓΌffeln viele beim Nachhilfelehrer weiter. Bildung ist ein hohes Gut und chinesische Eltern investieren hier viel. Wer es sich leisten kann, bezahlt den Kindern ein Studium im Ausland oder an einer Top-Uni des Landes. TΓΆchter werden dabei genauso gefΓΆrdert wie SΓΆhne. Aussagen wie Β«Die Kinder sollen auch Zeit fΓΌr ihre Hobbys habenΒ» hΓΆrt man in China eher nicht.

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Was denken die Chinesinnen von ihren Kolleginnen in Europa?

Ich habe vor kurzem mit einer aus China stammenden AufsichtsrΓ€tin gesprochen, die mir schilderte, wie schwer es ist, in Europa den weiblichen Nachwuchs zu fΓΆrdern – weil manche einfach ein ruhiges Familienleben wollen. Viele Chinesinnen kΓΆnnen das nicht verstehen. Sie sind im Schnitt ein bisschen erfolgshungriger als europΓ€ische KrΓ€fte. Dabei spielt sicher auch der Umstand mit hinein, dass die derzeitige Generation der FΓΌhrungskrΓ€fte noch die Γ–ffnung des Landes miterlebt hat und sich den Wohlstand erst erkΓ€mpfen musste. Doch auch in China rΓΌcken JΓΌngere nach, die schon im Wohlstand aufgewachsen sind – zudem meistens als Einzelkinder. Wie leistungshungrig diese Generation sein wird, bleibt abzuwarten.

Sie schreiben in Ihrem Buch, Chinesinnen wΓΌrden konfuzianisches Management betreiben. Was heisst das?

Ihr Stil ist auf das Harmonisieren von Diversity, auf Langfristigkeit von Beziehungen und auf die Gruppe ausgerichtet. Die FΓΌhrungskraft strebt nicht danach, den eigenen Ruhm zu vermehren, sondern will die FΓ€higkeiten der Einzelnen kombinieren, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Gleichzeitig legen die Managerinnen grossen Wert auf lebenslanges Lernen. All diese Werte gehen auf die Philosophie von Konfuzius zurΓΌck – und entsprechen in einigen Punkten dem modernen transformationalen FΓΌhrungsstil.

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Welche SchwΓ€chen haben chinesische Managerinnen?

Viele geben an, dass sie zu Beginn ihrer Karriere Probleme mit der Selbstdarstellung und -vermarktung hatten. Doch damit hadern weibliche FΓΌhrungskrΓ€fte generell. Was die Chinesinnen mitunter lernen mΓΌssen, ist der westliche Umgang mit Konflikten. In China ist die Grundkultur von Harmonie geprΓ€gt; kommt es zu Konflikten, versucht man sie zu lΓΆsen, ohne dass ein Beteiligter sein Gesicht verliert. Im Westen dagegen werden sie auch mal direkt ausgetragen. Damit tun sich junge Managerinnen aus China mitunter schwer.

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