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Carte Blanche

Das fragile Fundament des intelligenten Zeitalters

Wir stehen vor einer dramatischen, aber wenig greifbaren Krise. Wenn die Wahrheit instabil wird, verliert die Gesellschaft ihre Orientierung.

Klaus Schwab

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Β«FΓΌr die BΓΌrger wird es immer schwieriger, zu bestimmen, ob das, was sie sehen und hΓΆren, authentisch istΒ», sagt WEF-GrΓΌnder Klaus Schwab. AP

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Unter der OberflΓ€che politischer VolatilitΓ€t und technologischer Beschleunigung erodieren zwei Grundlagen: Wahrheit und Vertrauen.
In den vergangenen Jahrzehnten konnten sich Gesellschaften auf ein gemeinsames VerstΓ€ndnis verlassen, dass es sich lohnte, nach der Wahrheit zu streben, wie umstritten sie auch sein mochte. Institutionen – wissenschaftliche, journalistische, juristische – schufen Mechanismen, durch die Fakten festgestellt, korrigiert und ΓΆffentlich anerkannt wurden.
Dieser Rahmen hat sich geschwΓ€cht. Digitale Netzwerke und algorithmische Themenauswahl haben das ΓΆffentliche Leben in Informationsuniversen fragmentiert. Das Aufkommen generativer kΓΌnstlicher Intelligenz hat diese Fragmentierung beschleunigt. FΓΌr die BΓΌrger wird es immer schwieriger, zu bestimmen, ob das, was sie sehen und hΓΆren, authentisch ist. Infolgedessen schwΓ€cht sich die Vorstellung einer gemeinsamen RealitΓ€t ab.
Klaus Schwab (87) ist GrΓΌnder des World Economic Forum (WEF). Anfang Januar ist sein neuestes Buch erschienen: Β«Restoring Truth and Trust: An Agenda for the Intelligent AgeΒ».
Dieser Wandel fΓΌhrt nicht nur zu einer Zunahme von Falschinformationen. Er verΓ€ndert auch den Charakter der ΓΆffentlichen Argumentation selbst. Wenn die Wahrheit instabil wird, verlieren Gesellschaften ihre Orientierung. Meinungsverschiedenheiten werden unlΓΆsbar, da sie zumindest einige vereinbarte Bezugspunkte voraussetzen. Fehlen diese, verkommt das politische Leben zu einer Show, zu IdentitΓ€tsbekundungen und gegenseitigem Misstrauen.

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Parallel zu diesem Niedergang schwindet auch das Vertrauen. Der Vertrauensverlust ist auf allen Kontinenten zu beobachten: in demokratischen Institutionen, Medien, UnternehmensfΓΌhrungen und sogar in der Wissenschaft. Er schafft ein Umfeld, in dem AutoritΓ€t geschwΓ€cht und LegitimitΓ€t vergΓ€nglich wird.
Das Zeitalter der kΓΌnstlichen Intelligenz droht diese Trends noch zu verstΓ€rken. Wenn algorithmische Entscheidungen undurchsichtig erscheinen, kΓΆnnen selbst geringfΓΌgige Fehler unverhΓ€ltnismΓ€ssiges Misstrauen hervorrufen. Das Paradox des intelligenten Zeitalters besteht darin, dass eine grΓΆssere InformationskapazitΓ€t mit einer abnehmenden gesellschaftlichen KohΓ€renz einhergehen kann.
Diese KohΓ€renz kann nicht allein durch Technologie wiederhergestellt werden. Die zentrale Herausforderung ist institutioneller und kultureller Natur. Gesellschaften mΓΌssen Wege finden, um gemeinsame Bezugspunkte wiederherzustellen – sei es durch transparente Beratungen, glaubwΓΌrdige Wissensinstitutionen oder gemeinsame zivilgesellschaftliche Normen. Das Vertrauen muss von Institutionen zurΓΌckgewonnen werden, die das Ausmass der Herausforderung erkennen: Transparenz nicht als Leistung, sondern als Praxis; Rechenschaftspflicht nicht als Rhetorik, sondern als Routine.

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Das Zeitalter der kΓΌnstlichen Intelligenz wird jede aus dem Industriezeitalter ΓΌbernommene Annahme auf die Probe stellen. Wenn die Wahrheit weiter zerbricht und das Vertrauen weiter schwindet, lΓ€uft die Welt Gefahr, in eine Phase chronischer InstabilitΓ€t zu geraten – politisch, wirtschaftlich und sozial. Umgekehrt kΓΆnnte das intelligente Zeitalter sein Versprechen des Fortschritts noch erfΓΌllen, wenn diese Grundlagen gestΓ€rkt werden kΓΆnnen, sei es auch nur teilweise.
Die Warnung ist eindeutig: Keine Gesellschaft, keine Institution, kein technologisches System kann lange auf Fundamenten bestehen, an die niemand mehr glaubt. Wahrheit und Vertrauen bleiben die unverzichtbaren SΓ€ulen der modernen Zivilisation – und das Ausmass, in dem sie wiederhergestellt oder neu gedacht werden kΓΆnnen, wird die Konturen unserer Zukunft bestimmen.

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