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Unsichtbares Gold

Schatzsuche im Elektroschrott

Alte Platinen enthalten oft mehr Gold als Golderz. Das macht das Recycling hoch rentabel.

Matthias Niklowitz

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Vor allem ältere PCs entpuppen sich als wahre Goldmine. Getty Images

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Gold ist viel zu wertvoll, um es nach der Nutzung zu entsorgen: Von den knapp 5000 Tonnen, die gemäss World Gold Council weltweit jährlich in den Umlauf kommen, stammen rund 3600 Tonnen aus Minen. Der Rest, rund 1400 Tonnen, ist Recyclinggold. Den mit 90 Prozent weitaus grössten Anteil hiervon stellen weiterverarbeitete Barren, Münzen und Schmuck. 2 bis 3 Prozent entfallen auf Zahngold. Und der Rest, 7 bis 8 Prozent, kommt aus der Industrie und wird aus Elektroschrott gewonnen. Dieser Anteil wächst von niedrigem Niveau aus – und wird in Zukunft immer wichtiger werden.
Denn Gold eignet sich aufgrund seiner exzellenten Leitfähigkeit nicht nur gut für elektrische Verbindungen, sondern besitzt auch besonders langlebige Eigenschaften, denn es korrodiert nicht und läuft nicht an. Am ergiebigsten sind die Leiterplatten älterer Grosscomputer, die vor dem Jahr 2000 in Betrieb genommen wurden. Pro Tonne älterer PC-Leiterplatten – auch aus Windows-95- und davorliegenden Zeiten – lassen sich etwa 300 Gramm Gold gewinnen. Gold befindet sich hier meist auf der Leiterplattenoberfläche, bei Steckerkontakten mit ihren galvanisch vergoldeten Kontakten sowie bei den sehr vielen kleinen und dicht gesetzten Chips. Auch Netzwerk- und Servertechnik enthält viele Platinen und viele Kontakte – und entsprechend viel Gold. Eine weitere Quelle sind gemäss der Deutschen Scheideanstalt die Prozessoren, wobei die Goldmenge heute je nach Alter und Typ des Geräts stark variiert. In älteren Modellen kann der Goldgehalt eines Prozessors zwischen 0,2 und 0,5 Gramm liegen, während moderne Komponenten oft nur noch Bruchteile eines Gramms enthalten.

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Seit längerem in Betrieb stehende Goldminen arbeiten oft mit tieferem Goldgehalt im Gestein; eine Tonne Computerschrott kann deshalb mehr Gold enthalten als eine LKW-Ladung Golderz. Leiterplatten befinden sich auch in Fahrzeugen. Eine Studie an der Empa hat gezeigt, dass bei korrekter Entnahme der elektronischen Geräte pro Jahr bis zu vierzig Kilo Gold aus Fahrzeugen für Sekundärrohstoffe zur Verfügung stehen.

Kreislauf mit Potenzial

Das Recycling von Elektroschrott bleibt zwar aufwendiger als klassisches Altgoldrecycling, wird aber mit steigendem Goldpreis und besserer Sortiertechnologie zunehmend attraktiver. Und ist in der Schweiz auch Gegenstand aktiver Forschung, etwa an der ETH Zürich. Auch der ökologische Vorteil des Goldrecyclings ist gross. Bei einem Kilogramm Feingold aus Minengoldförderung werden etwa 16 300 Kilogramm CO₂ freigesetzt. Bei recyceltem Altgold sind es im Schnitt nur rund 53 Kilogramm CO₂, also knapp 0,3 Prozent der Belastung von neu gefördertem Minengold.
Laut einer Studie der Firma Refurbed, die sich auf Smartphones bezieht, sind in der Schweiz allein in diesen Gerätetypen 176 Kilogramm Gold versteckt, was etwa so viel ist, wie man für über 13 Millionen Smartphones braucht. «Die Wiedergewinnung ist oftmals nicht teuer, aber zeitaufwendig», sagt Kilian Kaminski, einer der Gründer von Refurbed. «Daher wird sie oft in Drittländer verlagert.»

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Wirtschaftlichkeit entscheidet über Zukunft

Ein bei Fraunhofer entwickeltes, innovatives thermochemisches Aufbereitungsverfahren soll in Ghana die manuelle und mechanische Trennung als zusätzliche Downstream-Technologie ergänzen. Hierbei werden die Metalle unter Ausschluss von Sauerstoff thermisch zersetzt und die Metalle in einem festen Rückstand angereichert. Aus dem Metallkonzentrat der Kupferrecyclingroute können neben Kupfer bis zu 19 weitere Metalle wie Gold oder Platin gewonnen werden. Die Kosten-Nutzen-Rechnung lässt sich überschlagsmässig am Beispiel eines Desktop-PCs verdeutlichen: Während ein solches Gerät auf einer Deponie für umgerechnet etwa 1,54 Euro gehandelt wird, können allein durch den thermochemischen Prozess in Kombination mit dem nachgeschalteten Metallrecycling Metalle im Wert von rund 20,80 Euro zurückgewonnen werden.
«Die Rückgewinnung kritischer Metalle hängt massgeblich von ihrer Wirtschaftlichkeit ab», sagt Kirsten Remmen. Sie ist Recyclingexpertin an der Empa und forscht im Bereich Verfügbarkeit, Rückgewinnung und effiziente Nutzung von Sekundärrohstoffen. Für Metalle wie Gold, Silber, Platin und Kupfer bestehen Märkte mit etablierten Recyclingtechnologien. «Für viele andere kritische Metalle sind die Verfahren teilweise vorhanden, aber oft noch nicht ausreichend entwickelt», so Remmen. «Mit zunehmender Nachfrage und Anwendung dieser Metalle ist jedoch mit Fortschritten bei der Recyclingtechnologie zu rechnen. Hinzu kommt, dass die EU mit Initiativen wie dem Critical Raw Materials Act gezielte Massnahmen ergriffen hat, um die Kreislaufwirtschaft für kritische Elemente innerhalb der EU zu stärken. Und auch in der Schweiz gab es in letzter Zeit vermehrt parlamentarische Initiativen, welche kritische Rohstoffe und seltene Erden einschliesslich deren Recycling zum Thema hatten.

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