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Vivi Kola statt Coca-Cola

Warum Swissness derzeit boomt

Donald Trump, die explosive geopolitische Lage โ€“ jetzt wenden sich Schweizerinnen und Schweizer heimischen Produkten zu.

Rebecca Wyss, Ringier

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Trump lรถst viel Wut aus und fรถrdert die Nachfrage von Schweizer Alternativen zu US-Produkten. Swissness ist gefragt. Shutterstock

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Eine Geburtstagsrunde in einem Zรผrcher Cafรฉ. Ein Gast, 35 Jahre, IT-Fachmann, sagt, er hรคtte eigentlich gerne ein Cola. ยซDoch das geht jetzt nicht mehr.ยป Auf die Frage weshalb, murmelt er: ยซTrump.ยป Auf ihn, auf die USA, hat er eine Wut. Der US-Prรคsident schockt mit autoritรคrem Gebaren, lรคsst den Staatsapparat auseinandernehmen und attackiert Europa. Der Mann in Zรผrich fragt die Frau vom Service nach einer lokalen Cola-Alternative. Kurz darauf sitzt er vor einem Vivi Kola โ€“ das Softgetrรคnk aus dem Zรผrcher Unterland. Seit kurzem schenken auch die SBB in ihren Zugrestaurants nur noch dieses anstatt Coca-Cola aus.
Das passt zu einer ganz bestimmten Entwicklung, die gerade im Gang ist: Vermehrt wenden sich Schweizerinnen und Schweizer von US-Produkten und -Dienstleistungen ab โ€“ und heimischen zu. Swissness ist Trend. Das zeigt sich bei den hiesigen Unternehmen.
Die Zรผrcher Vicollective AG, die Vivi Kola herstellt, schreibt auf Anfrage von einer ยซwachsenden Nachfrageยป. Bei Goba AG heisst es, dass Goba Cola und Goba Cola Zero derzeit zu den ยซam stรคrksten wachsenden Produktenยป des Sortiments gehรถrten. Vor allem bei Freizeitanlagen, in der Hotellerie und Restaurants nehme das Interesse stark zu. Und der Sprecher der Twint AG sagt, dass das Schweizer Zahlungssystem ยซin den ersten Monaten des Jahres stark gewachsenยป sei. Twint wurde im stationรคren Handel โ€“ also in den Lรคden โ€“ rund 26 Prozent hรคufiger genutzt als im Vorjahr. Wie der Sprecher vermutet, auch deshalb: Mit der Onlinezahlmethode aus der Schweiz fรผhlen sich die Leute unabhรคngiger von den globalen Tech-Akteuren.

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Swissness ist auch bei Bezahlsystemen gefragt: Twint wird deutlich hรคufiger genutzt als noch letztes Jahr.
Swissness ist auch bei Bezahlsystemen gefragt: Twint wird deutlich hรคufiger genutzt als noch letztes Jahr.Keystone
Swissness ist auch bei Bezahlsystemen gefragt: Twint wird deutlich hรคufiger genutzt als noch letztes Jahr.
Swissness ist auch bei Bezahlsystemen gefragt: Twint wird deutlich hรคufiger genutzt als noch letztes Jahr.Keystone
Die explosive geopolitische Lage, der willkรผrliche US-Prรคsident, die mรคchtigen US-Techies โ€“ all das schรผrt Groll, schรผrt Verunsicherung.

Heimische Produkte geben Sicherheit

Marcel Zbinden, Dozent fรผr Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Luzern, hat wรคhrend der Corona-Pandemie zu Swissness geforscht. Fรผr ihn macht es Sinn, dass diese gerade jetzt wieder aufflammt, er sagt: ยซIn solchen Zeiten sind den Menschen Werte wie Sicherheit und Vertrauen extrem wichtig.ยป
Die Psychologie kennt das Phรคnomen. Forscher haben beobachtet: Kleinkinder, die von den Eltern nicht genug Geborgenheit erfahren, trauen sich nicht, auf eigene Faust die Umgebung zu erkunden, neue Erfahrungen zu sammeln. ร„hnlich ist es bei Erwachsenen, sagt Zbinden. ยซJe verunsicherter wir sind, desto mehr ziehen wir uns ins Schneckenhaus zurรผck.ยป Wir halten uns mehr an Vertrautes. An Lokales.
Das ist eine Erklรคrung. Eine andere gilt laut Zbinden vor allem fรผr den Boom der Schweizer Cola-Sorten. Dabei kommt die Moral ins Spiel. Tun wir etwas, was unseren moralischen Vorstellungen widerspricht, fรผhrt das zu einem inneren psychischen Konflikt. Um diesen aufzulรถsen, suchen wir eine Entschuldigung fรผr unsere Tat. Kaufen wir eine teure Uhr oder fliegen wir in die Ferien, kann man sich gut sagen: Das ist ja eine Ausnahme, ist nicht so schlimm! Bei Dingen, die man รถfter macht, Essen, Trinken, klappt das Schรถnreden weniger gut. Man verhรคlt sich eher moralisch korrekt. Die Folge: Wollen wir ein Zeichen gegen die Regierung Trump setzen, schlรผrfen wir Vivi Kola.

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Die Beliebtheit der Schweizer Vivi Cola wรคchst.
Die Beliebtheit der Schweizer Vivi Cola wรคchst.Vivi Kola / Webshot
Die Beliebtheit der Schweizer Vivi Cola wรคchst.
Die Beliebtheit der Schweizer Vivi Cola wรคchst.Vivi Kola / Webshot
Doch Swissness, die aktuelle Welle, das fing schon vor Trumps Amtseinsetzung an. Beide angefragten Schweizer Lokal-Cola-Hersteller betonen das. Die Leute achteten seit einer Weile mehr auf die Herkunft als auf den Preis, sagt Goba-CEO Kurt Widmer. ยซZu wissen, woher das Produkt stammt, und einen Bezug zu diesem Ort zu haben, ist wichtiger geworden.ยป Und Vicollective-CEO Ramon Schalch beobachtet, dass der Trend hin zu lokalen, nachhaltigen und natรผrlichen Produkten ยซmehr und mehr zur Bewegungยป wird.

Coop, Denner und Co. waren frรผh dran

Das haben jene frรผh erkannt, die uns tรคglich mit Alltรคglichem versorgen: die grossen Einzelhรคndler.
Denner fiel vergangenen Spรคtwinter mit Plakaten und Werbesprรผchen wie ยซMรผesli statt Mรผsliยป oder ยซNรผsslisalat statt Feldsalatยป auf โ€“ und doppelte mit ยซSchweizer Discount-Originalยป nach. Die Aktion ist eine Breitseite gegen die deutschen Discounterkonkurrenten Aldi und Lidl, die seit einigen Jahren mit explizit Schweizer Produkten werben. Seit Mai gibt es nun bei Lidl fรผr diese sogar eine extra geschaffene ยซQualitรฉ Suisseยป-Marke. Coop und Migros grenzen sich von den anderen zusรคtzlich รผber den regionalen Bezug ab โ€“ wer kennt ihn nicht, den Slogan: ยซAus der Region. Fรผr die Regionยป. Der Wirtschaftsdozent Zbinden sagt: ยซAlle Food Retailer bespielen Swissness.ยป

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Aus gutem Grund. Sie haben aus der Schweizer Geschichte gelernt. Aus jener Zeit, als man die Schweiz zur Marke machte. Die Zwischenkriegszeit.

Tells Armbrust

Am Anfang steht โ€“ wenig รผberraschend โ€“ Wilhelm Tells Armbrust. Als Friedrich Schiller die Geschichte 1803 aufschreibt, weiss er noch nicht, dass aus der Waffe hundert Jahre spรคter etwas ganze Grosses wird. Fรผr nichts weniger als die Schweiz sollte sie stehen.
1917 taucht die Armbrust zum ersten Mal als Symbol auf. Zum schweizerischen Ursprungszeichen wandelt sie sich nach dem Ersten Weltkrieg. Anstoss gibt die internationale Wirtschaftskrise, die die Schweiz erfasst. Die Betriebe darben. Die Bevรถlkerung soll unbedingt mehr Schweizer Waren kaufen, so wollen es die Industriellen und grรผnden 1931 die sogenannte Zentralstelle. Sie soll den inlรคndischen Absatz fรถrdern. Dazu muss man wissen: Noch um 1900 wรคre der Appell, Schweizer Gรผter zu kaufen, der Bevรถlkerung ziemlich exotisch erschienen โ€“ so offen war die hiesige Volkswirtschaft zu jener Zeit.
Das erste Label, das fรผr die Marke Schweiz stand, ist Tells Armbrust. Es wurde 1931 eingefรผhrt.
Das erste Label, das fรผr die Marke Schweiz stand, ist Tells Armbrust. Es wurde 1931 eingefรผhrt.Plakatsammlung Museum fรผr Gestaltung Zรผrich
Das erste Label, das fรผr die Marke Schweiz stand, ist Tells Armbrust. Es wurde 1931 eingefรผhrt.
Das erste Label, das fรผr die Marke Schweiz stand, ist Tells Armbrust. Es wurde 1931 eingefรผhrt.Plakatsammlung Museum fรผr Gestaltung Zรผrich
Die Zentralstelle wiederum macht aus der Armbrust ein Qualitรคtslabel fรผr Schweizer Gรผter. Jede Seife, jeder Kรผchenschรคler mit dem Symbol darauf ist fortan mit den typischen Schweizer Werten verknรผpft: Bodenstรคndigkeit, Naturverbundenheit, Sauberkeit, Zuverlรคssigkeit, Pรผnktlichkeit, Stabilitรคt, kulturelle Vielfalt.

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Die Marke Schweiz ist Gold wert

Auch wenn die Armbrust heute fast verschwunden ist, all das schwingt mit, wenn wir in einen Apfel aus dem Thurgau beissen. Oder Schoggi und Kรคse ins Ausland exportieren. Die Marke Schweiz schenkt ein โ€“ laut dem Staatssekretariat fรผr Wirtschaft jรคhrlich 1,4 Milliarden Franken. Die Marke Schweiz ist wie Gold, man will es schรผtzen.
Das tut die Swissness-Gesetzgebung, 2017 ist sie in Kraft getreten. Sie schreibt vor: Bei Lebensmitteln mรผssen 80 Prozent der Rohstoffe aus der Schweiz stammen, bei Milchprodukten 100 Prozent. Bei anderen Waren mรผssen mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen. Wer sich nicht daran hรคlt โ€“ egal, ob Auslรคnder oder Hiesige โ€“ der darf nicht mit der Schweiz werben. Gnade gibt es kaum.
Vergangenes Jahr hat die Schweizer Eishockey-Nati fast ihr Schweizerkreuz auf den Trikots verloren. Nur weil sie die Sonderbewilligung zu spรคt beantragt hat, wie es das wegen der Swissness-Gesetzgebung revidierte Wappengesetz vorsieht. Und seit 2023 fehlt auf der Toblerone das ikonische Matterhorn, weil der Snack-Riese Mondelez viel von der Produktion in die Slowakei verlegt hat. Nun krebst der Konzern gerade wieder zurรผck. Er will die Produktion in Bern ausbauen. Das heisst: Er darf wieder mit unserem Land werben. Erstmals soll sogar das Schweizerkreuz auf die hier produzierte Toblerone kommen.

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Wer weiss, vielleicht ist sie dann das nรคchste Produkt, das nach Vivi Kola, Goba Cola und Twint bei uns boomt.
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