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GAFA 
Warum die Internetgiganten zu mächtig sind

Gafa Internetgiganten
Unheimliche Dominanz: Wer stoppt diese Männer?Quelle: Bilanz

Die jüngste Datenaffäre zeigt: Google, Amazon, Facebook und Apple haben mehr Macht als jede andere Firmenballung in der Geschichte der Menschheit. Wie kann man sie aufhalten?

Marc Kowalsky
Von Marc Kowalsky
20.03.2018

Am 27. Oktober wurden Frankreich und Grossbritannien überrannt. Vier Wochen zuvor war bereits Indien hinweggefegt worden. Brasilien hatte es im Februar erwischt, Italien schon am 10. Januar. Das nächste Ziel ist Deutschland. Geht es in dem Tempo weiter, ist Europas grösste Wirtschaftsnation Ende 2018 dran.

Nichts, so scheint es, kann sie aufhalten, die vier Internetgiganten Apple, Facebook, Amazon und die Google-Mutter Alphabet. Ihr Börsenwert steigt und steigt. Kombiniert ist er seit dem 27. Oktober grösser als das Bruttoinlandsprodukt der fünftgrössten Wirtschaftsmacht der Welt: 2691 Milliarden Dollar beträgt er, unfassbare zweieinhalbmal so viel wie der gesamte SMI zusammen.

Die GAFA, wie sie kurz genannt werden, stellen vier der fünf wertvollsten Firmen der Welt (auf Platz drei liegt Microsoft, ebenfalls ein Techkonzern), die alte Industrie haben sie längst abgehängt. Und ihre Firmengründer Jeff Bezos (Amazon), Mark Zuckerberg (Facebook) und Larry Page (Google) belegen mit einem Vermögen von 112, 71 bzw. 48 Milliarden Dollar die Plätze 1, 5 und 12 auf der Liste der reichsten Menschen der Welt (Apple-Chef Tim Cook schafft es als Angestellter immerhin auch noch auf über 800 Millionen Dollar).

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Überragende Marktstellungen

«Wir erleben die grösste Konzentration von Finanzkapital aller Zeiten», sagt Scott Galloway, Marketingprofessor an der New Yorker Universität Stern. Er untersucht die Internetgiganten seit Jahren. «The four horsemen» nennt er sie, übersetzt: die vier apokalyptischen Reiter. «Sie haben mehr Macht und Einfluss als jede andere Organisation der Geschichte», so Galloway. Und: Sie sind eine Gefahr.

Dies dank ihrer überragenden Marktstellungen: Google verarbeitet in Europa 90 Prozent aller Suchanfragen im Internet (weltweit sind es 80 Prozent), die Firma weiss mehr über Sie als Ihr Lebenspartner, Ihr Anwalt, Ihr Arzt, Ihr Chef – zusammen. Das Imperium von Facebook (einschliesslich Messenger, Instagram und WhatsApp) wickelt 77 Prozent aller mobilen Chats ab; zählt man die aktiven Nutzer der vier Dienste zusammen, kommt man auf unglaubliche 5,6 Milliarden Menschen. Entsprechend gross ist die Meinungsmacht von Zuckerbergs Konzern, was sich in der Debatte um russische Anzeigen im US-Wahlkampf ebenso manifestiert wie in jener um Fake News: «Es gab in der Geschichte nie ein stärkeres Medienunternehmen als Facebook», sagt Galloway. Kein Wunder, ziehen Google und Facebook zusammen 61 Prozent der Online-Werbung auf ihre Seiten, schlucken sie 25 Prozent des gesamten weltweiten Werbeumsatzes.

Mark Zuckerberg
Mark Zuckerberg gebietet mit Facebook über das stärkste Medienunternehmen aller Zeiten.
Quelle: Paul Marotta/Getty Images

Apple wiederum kann auf eine Milliarde aktive Smartphones schauen, gebietet im App Store über 2,2 Millionen Apps, ist im Musikdownload mit iTunes (40 Millionen Songs) dominant und auch im Streaminggeschäft mit Apple Radio ein starker Player.

Oder Amazon: 55 Prozent aller Produktsuchen starten auf der Plattform (bei Google sind es «nur» 28 Prozent), über 300 Millionen aktive Kunden hat die Firma. Jedes zweite Buch in den USA wird über Amazon verkauft. Aber vor allem: Amazon kontrolliert die Infrastruktur des E-Commerce. Weltweit nutzen vier Millionen Händler den Marketplace als Vertriebsplattform für ihre eigenen Waren. Kommt hinzu: Im explodierenden – und sehr lukrativen – Markt des Cloud Computing ist die Firma mit 34 Prozent Marktanteil die klare Nummer eins, bei den intelligenten Lautsprechern, der wohl wichtigsten B2C-Technologie der nächsten Jahre, sind es gar 70 Prozent Marktanteil. Doch Amazon ist auch Hardwarehersteller, Filmproduzent, Musiksender, Verleger, Finanzdienstleister, Werbevermittler und, und, und.

«The winner takes all»-Effekt

Klar, die Firmen kommen aus ganz verschiedenen Ecken des Internets, haben unterschiedliche Kerngeschäfte. Aber sie treffen auf immer mehr Feldern aufeinander, gleichen sich immer mehr an. Und alle profitieren sie von den Besonderheiten der Datenökonomie. So spielen Skaleneffekte im Internet eine viel grössere Rolle als in der analogen Welt. Ist eine Website erst mal programmiert oder eine Software geschrieben, steigt der Nutzen für das Unternehmen mit jedem weiteren Anwender, ohne dass zusätzliche Kosten entstehen – besonders hilfreich für Facebook und Google.

Noch stärker wirkt der sogenannte Netzwerkeffekt, bei dem jedes weitere Mitglied in einem Netzwerk den Nutzen für alle Beteiligten weiter steigert. Man geht auf Facebook, weil die Freunde auch schon dort sind; man benutzt WhatsApp, weil es die andern auch tun; man bietet seine Waren auf Amazon an, weil hier die meisten potenziellen Kunden registriert sind; Programmierer veröffentlichen ihre Apps im Apple App Store und auf Google Play, weil man so an 98 Prozent der Smartphone-User herankommt.

Tim Cook
Tim Cook erwirtschaftet mit Apple mehr Profit als jemals eine Firma in der Geschichte.
Quelle: Scot Olson/Getty Images

«Mit jedem Klick wird der Stärkste noch stärker», sagt Boris Beaude, Professor an der Universität Lausanne und GAFA-Experte. Deswegen gibt es im Internet nur eine dominante Zahlungsplattform (PayPal), nur einen dominanten Fahrdienstvermittler (Uber), nur eine dominante Versteigerungsplattform pro Land (in der Schweiz Ricardo, im Rest der Welt eBay) – es ist der sogenannte «The winner takes all»-Effekt.

Profitieren von der Plattformökonomie

Alle vier Internetstars profitieren zudem von der Plattformökonomie: Sie bringen Verkäufer und Käufer zusammen, sei es für Waren und Filme (Amazon), Apps und Musik (Apple, Google) oder Werbung (Google, Facebook). Die Konditionen dafür können sie dank ihrer Marktmacht selbst festlegen: Apple etwa nimmt von jeder verkauften App stolze 30 Prozent Kommission, Amazon je nach Warengruppe 15 bis 20 Prozent. Und die GAFA wissen mehr über die Gewohnheiten der Menschen als jede andere Firma der Welt.

«Sie verfügen über sämtliche Kommunikations- und Transaktionsdaten, die auf ihrer Plattform erzeugt werden, und erlangen dadurch einen Wettbewerbsvorteil», sagt Michael Pachmajer von der Unternehmensberatung PwC. So kann Amazon Produktempfehlungen («Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch...») noch genauer zielen, können Google und Facebook noch präzisere Werbung schalten. Um den Datenschatz weiter anzuhäufen, besetzen die vier immer mehr Schnittstellen im täglichen Leben des Menschen, vom Thema Unterhaltung über die Gesundheit bis zur Bezahlung. Im aufziehenden Zeitalter der künstlichen Intelligenz wird der Wert dieser Daten sogar noch zunehmen.

Gafa Geschäfte

Die Folge all dieser Effekte: Die Internetgiganten sind nicht mehr einzuholen. «Jede dieser Firmen hat einen unglaublichen Festungsgraben um ihr Geschäft errichtet», sagt Silicon-Valley-Legende Andreas von Bechtolsheim, einst Gründer von Sun Microsystems und heute Investor: «Ich sehe nicht, wie es möglich sein soll, ein soziales Netzwerk zu bauen, das Facebook ersetzt, oder eine Suchmaschine zu entwickeln, die Google überflüssig macht. Gleiches gilt für Amazon oder Apple.» Selbst Microsoft gelang es trotz Milliardenaufwand nicht, die Suchmaschine Bing ausserhalb der USA zu einer valablen Google-Alternative zu machen. «Wettbewerb ist etwas für Verlierer», predigt Silicon-Valley-Investor Peter Thiel: Wer Werte schaffen wolle, müsse in Marktlücken stossen und sich dort eine Alleinstellung aufbauen. Den GAFA ist es gelungen.

Profitabelste Firma der Geschichte

Auch deshalb erwirtschaften sie so hohe Gewinne. Apple (Ebitda-Marge 2017: 31,2 Prozent) hat bei Smartphones einen weltweiten Marktanteil von 15 Prozent, sammelt aber rund 80 Prozent der Branchengewinne ein (der kümmerliche Rest geht an Samsung und Huawei). Die Firma aus Cupertino gilt als profitabelste Firma der Geschichte: Derzeit werden jede Sekunde 1445 Dollar Gewinn in ihre Kassen gespült. Die Cash-Reserven betragen mittlerweile 261 Milliarden Dollar, mehr als die Wirtschaftsleistung von ganz Finnland und so viel, dass das Geld gar nicht mehr sinnvoll ins Kerngeschäft investiert werden kann. Apple sei nun «ein Investment-Fonds mit angehängter Innovationsmaschine», sagt der Ökonom und Publizist Martin Wolf.

Google-Mutter Alphabet ist mit 33,7 Prozent Ebitda ähnlich profitabel. Facebook verzeichnet mit einem Ebitda von 57 Prozent gar «die grössten Margen in der amerikanischen Geschichte für eine Firma ähnlicher Grösse», sagt Roger McNamee, ein früher Grossinvestor von Facebook. Amazon fällt mit 8,8 Prozent Ebitda etwas aus dem Bild, aber dies ist gewollt: Jeff Bezos investiert seinen gewaltigen Cashflow von 17 Milliarden Dollar pro Jahr lieber in neue Geschäftsfelder, anstatt einen Gewinn auszuweisen. Dass trotz dieser gewaltigen Profite die Kurs-Gewinn-Verhältnisse der GAFA zwischen 19 und 298 (und damit weit jenseits des Üblichen) liegen, zeigt: Die Börse erwartet künftig noch stärkere Monopolstellungen der vier Akteure, welche die Gewinne weiter steigen lassen werden.

Larry Page Google
Larry Page weiss dank der Datenberge von Google mehr über Sie als Ihr Lebenspartner, Ihr Anwalt, Ihr Arzt, Ihr Chef – zusammen.
Quelle: Justin Sullivan/Getty Images

Das Zittern der Banken

Ihre Kernmärkte haben die vier Superstars bereits disrumpiert. Jetzt dringen sie in immer weitere Gebiete vor. Auch hier sind die Datenschätze von zentraler Bedeutung: «Sie sind der Kern für alle zukünftigen Aktivitäten der GAFA», sagt Beaude. Dabei wird geklotzt, nicht gekleckert: Amazon (16,1 Milliarden Dollar) und Google-Mutter Alphabet (13,9 Milliarden) sind die beiden Firmen mit den weltweit höchsten Forschungsausgaben, selbst Facebook (5,9 Milliarden) investiert mehr in neue Aktivitäten als Siemens oder IBM.

So zittert die Automobilindustrie vor den selbstfahrenden Autos, die Google-Tochter Waymo im November in Arizona gezeigt hat. Volkswagen, Toyota und Co. wissen: Bei der Mobilität der Zukunft geht es nicht um PS-Stärke, sondern um Datensätze und deren Vernetzung. Niemand kennt sich da besser aus als Google. Aber auch die wichtigste Schweizer Industrie, das Banking, ist in Gefahr.

«Wir dachten, Fintechs wären die grösste digitale Bedrohung», hält die Unternehmensberatung McKinsey im jüngsten alljährlich erscheinenden «Banking Report» fest. Stattdessen habe man nun erkannt, dass E-Commerce-Händler wie Amazon «eine Industrie nach der anderen umformen und die Grenzen zwischen den Branchen verwischen, indem sie alles für jeden anbieten wollen».

Alibaba, das chinesische Gegenstück zu Amazon, ist bereits ein mächtiger Player in der Finanzindustrie. Amazon selber betreibt ein Kreditgeschäft für Firmenkunden. Auch Google, Apple und Facebook haben mit ihren Bezahldiensten einen Fuss in der Bankentür. Gut möglich, dass es nicht bei diesem einen Fuss bleibt: Laut einer Studie der Unternehmensberatung Accenture würden weltweit 31 Prozent der Konsumenten Bankdienstleistungen von Google, Amazon, Facebook oder Apple nutzen.

Danach sind die Versicherungen dran

Danach dürften die Versicherungen dran sein. «Allianz, Zurich, Generali und andere sind die Wettbewerber von heute. Ich habe aber sehr klare Indizien, dass die Wettbewerber von morgen Google, Apple und Facebook heissen», sagt etwa Thomas Buberl, Chef der Axa. «Im Verhältnis zwischen Produzent und Endkunden geniessen sie viel mehr Vertrauen als etablierte Player wie wir.» So investiert Google viel Geld in die Medizintechnik, vor allem für chronische Krankheiten wie Diabetes, um Medikamente und Apparaturen eines Tages deutlich günstiger anbieten zu können und das traditionelle Krankenkassengeschäft zu disrumpieren. DeepMind, die Alphabet-Sparte für künstliche Intelligenz, kooperiert bereits mit dem britischen Gesundheitsdienst NHS.

Jeff Bezos, Chef von Amazon
Jeff Bezos gründete den E-Commerce-Giganten Amazon und wurde so zum reichsten Menschen der Welt.
Quelle: Keystone

Alle vier Techstars drängen auch in den Medienmarkt: Für die Unterhaltungsplattform Prime investiert Amazon dieses Jahr 4,5 Milliarden Dollar in eigenen Content, nur Streaminggigant Netflix gibt mehr aus. Amazon hält auch die Audio-Übertragungsrechte der deutschen Fussball-Bundesliga und jene der amerikanischen NFL, Facebook hat alleine im ersten Halbjahr weltweit über 3500 Sportevents gestreamt. In der Logistikbranche wiederum gilt es als ausgemacht, dass Amazon mit den Verteilzentren, 40 Frachtflugzeugen und Tausenden Lieferwagen in naher Zukunft als Konkurrenz zu DHL, UPS, FedEx und Co. auftreten wird.

Und eben erst hat Facebook ihre Plattform als Umschlagplatz für Gebrauchtartikel zu nutzen begonnen: Mit dem Marketplace tritt man nun in Konkurrenz zu eBay, Ricardo und Co. Das entsprechende Icon finden auch Schweizer Benutzer seit ein paar Wochen in ihrer Facebook-App. Aber all das dürfte erst der Anfang sein: «Gerade Google und Facebook haben noch viel Luft nach oben», sagt Boris Beaude. «Sie entfernen sich immer weiter vom Kerngeschäft.»

Jobvernichter

Die vier Giganten haben enormen gesellschaftlichen Einfluss, wie sich am aktuellen Facebook-Skandal zeigt: Rund 50 Millionen Datensätze des sozialen Netzwerkes soll die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica widerrechtlich entwendet haben, um die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu beeinflussen. Zu lange hat Facebook dazu geschwiegen. Nun aber steigt der politische Druck auf Mark Zuckerberg – und in dem sozialen Netzwerk die Anzahl der Aufrufe, Facebook den Rücken zu kehren.

Der Siegeszug der Techgiganten hat auch profunde Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Jeder der Giganten des Industriezeitalters wie Siemens, GE oder Volkswagen beschäftigt Hunderttausende von Angestellten. Bei den vier Internetgiganten sind es total 762'000 Angestellte (wobei das Gros auf das Konto von Amazon mit 541'000 Mitarbeitern geht). Sie erwirtschaften zusammen 556 Milliarden Dollar Umsatz. Mit anderen Worten: Die Wirtschaftsleistung von Polen wird erbracht von der Bevölkerung des Waadtlandes.

Natürlich sind die Angestellten bei Apple, Google und Facebook hervorragend bezahlt, bei Amazon gilt das zumindest für das Management. Aber weil sie vergleichsweise wenige sind, sinkt die Lohnsumme. «In den USA und in vielen Ländern Westeuropas hat das Erstarken der Superstar-Firmen dazu geführt, dass der Anteil der Arbeitnehmer am Gesamteinkommen zurückgegangen ist», sagt David Dorn, Professor an der Universität Zürich, der eine entsprechende Studie erstellt hat.

Amazon Hauptsitz in Seattle
Amazon baut unter Glaskugeln ein künstliches Biotop am Hauptsitz in Seattle. Gleichzeitig ist der Konzern auf der Suche nach einem zweiten Firmensitz mit Platz für 50'000 Mitarbeiter.
Quelle: JOHN G. MABANGLO

Kommt hinzu: Weil die GAFA so viel effizienter sind als traditionelle Konzerne, zerstören sie per saldo Stellen. 138'000 Jobs in der Kommunikations- und Medienbranche sollen weltweit bereits Google und Facebook zum Opfer gefallen sein. Amazon, so schätzt NYU-Stern-Professor Galloway, vernichtet allein dieses Jahr 76 000 Stellen bei traditionellen Händlern. Und die Zahl steigt von Jahr zu Jahr.

«Schöpferische Zerstörung»

Google, Apple, Facebook und Amazon sind nicht die ersten Firmen, die sich eine dominante Marktstellung erarbeitet haben. GE, Siemens, IBM, Nokia oder Microsoft waren einst ebenfalls allmächtig. Doch irgendwann verpassten sie einen Technologiesprung und verloren den Anschluss: IBM etwa beim PC, Microsoft beim Internet, Nokia beim Smartphone.

An ihre Stelle rückten neue, junge Player – der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter prägte dafür bereits 1942 den Begriff der «schöpferischen Zerstörung». Also sind auch die GAFA nur ein vorübergehendes Phänomen? Wird sich ihre Vorherrschaft bald von selbst erledigt haben? Nicht unbedingt, warnt Boris Beaude: «Derartig grosse Technologiesprünge gibt es selten.»

Künstliche Intelligenz und Virtual Reality könnten in den nächsten Jahren zwar ein ähnliches Disruptionspotenzial haben wie PC, Smartphone und Internet. Doch genau deshalb sind alle vier Player auf diesen Zukunftsfeldern bereits stark präsent. Denn sie haben aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt: «Irgendwer lauert irgendwo in einer Garage auf uns», warnt Alphabet-Chairman Eric Schmidt schon seit Jahren. «Aber das nächste Google wird nicht tun, was Google tut. Der Wandel kommt von dort, wo man ihn am wenigsten erwartet.»

Hauptsitz Apple Park Cupertino
Apple hat den neuen Hauptsitz Apple Park im kalifornischen Cupertino dieses Jahr bezogen. Fünf Milliarden Dollar liess sich der Konzern das Bauwerk von Stararchitekt Norman Foster kosten.
Quelle: Keystone

Hemmungslos kopiert

Was ihnen irgendwie gefährlich werden könnte, kaufen die Internetgiganten mit ihrer gewaltigen finanziellen Feuerkraft sowieso vom Markt: Facebook etwa übernahm die Konkurrenten Instagram und WhatsApp, Google schluckte YouTube und den Kartendienst Waze, Amazon kaufte die Konkurrenten Quidsi und Zappos, Apple verleibte sich die Firma Beats ein, die nicht nur Kopfhörer herstellt, sondern auch einen eigenen Musikdienst betreibt. Ausser bei Quidsi flossen jeweils Milliardenbeträge, im Falle von WhatsApp sogar 19 Milliarden für eine Firma mit damals 50 Angestellten. Und wer nicht verkaufen will, dessen Produkt wird einfach kopiert: Im Falle des sozialen Netzwerkes Snapchat ging Facebook dabei so hemmungslos vor, dass der Konkurrent in wenigen Monaten 40 Prozent seines Börsenwertes verlor.

Kommt hinzu: Die vier Internetgiganten setzen sich wiederholt über Gewohnheiten und Gesetze hinweg, mal bewusst, mal achtlos. (Facebook hatte die Aufforderung dazu sogar lange Zeit im Firmenmotto «Move fast and break things», hat dieses aber inzwischen geändert.) So zeigen Google und Facebook in den Suchergebnissen oder im Newsfeed urheberrechtlich geschützte Textausrisse und Vorschaubilder aus Onlinemedien – sehr zum Unwillen der Medienkonzerne. Ein entsprechender Rechtsstreit tobt seit Jahren in verschiedenen europäischen Ländern.

Auch als Google Zigtausende Bücher für die Suchmaschine scannte, fragte man vorher weder Autoren noch Verlage. Gegenüber den US-Behörden versprach der Konzern, keine Daten zwischen der Suchmaschine, der übernommenen Videoplattform YouTube, dem E-Mail-Dienst Gmail oder dem Werbeprogramm Double-Click auszutauschen – und tat es dennoch.

Facebook versicherte bei der Übernahme von WhatsApp, es sei technisch gar nicht möglich, die Daten der beiden Plattformen auszutauschen und so die Netzwerkmacht noch weiter zu erhöhen. Nur drei Monate später gelang es dennoch. Diesmal verhängte wenigstens die EU eine Busse: lächerliche 122 Millionen Euro – sechs Promille des Kaufpreises.

«Wir haben diese Firmen dazu erzogen, dass es aus Aktionärssicht das Richtige ist, zu lügen und das Gesetz zu brechen», sagt Scott Galloway. Dass die vier Giganten trotz Milliardengewinnen kaum Steuern zahlen, weil sie die Erträge dank ausgeklügelter Firmenkonstrukte in Steueroasen verschieben, ist zwar nicht illegal, trägt aber ebenfalls nicht zur Beliebtheit der GAFA bei.

Googleplex Hauptsitz
Google und die Muttergesellschaft Alphabet haben ihren Firmensitz auf dem 290 000 Quadratmeter grossen Gelände Googleplex in Mountain View eingerichtet.
Quelle: Bloomberg Finance LP

Zarter Widerstand

Doch nun regt sich zarter Widerstand. Präsident Obama sah die Internetfirmen als natürliche Verbündete, in seiner Administration arbeiteten zahlreiche frühere Google-Angestellte. Doch nun sind es ausgerechnet die Demokraten, welche die Giganten bremsen wollen. Ihre Führungsfigur Elizabeth Warren warnte letztes Jahr davor, dass Google, Amazon und Apple «den Wettbewerb ersticken». Sie will schärfere Gesetze durch den Kongress bringen. Der Vizechef der Demokraten, Keith Ellison, verlangt gar, dass Amazon die Cloud-Computing-Sparte AWS verkaufen müsse. Auch das Open Market Institute, ein liberaler Think Tank, will bestehende Antitrust-Gesetze härter angewendet sehen. Zuletzt forderte sein Chef Barry Lynn ein Akquisitionsverbot für Facebook.

Gehören die GAFA also zerschlagen, wie auch Professor Galloway fordert? Historische Beispiele gibt es: John D. Rockefellers Ölimperium Standard Oil wurde 1911 von der Regierung und den Gerichten entflochten (woraus u.a. die Konzerne Exxon und Chevron hervorgingen). In den achtziger Jahren teilten die Behörden den Telefongiganten AT&T auf. Auch Microsoft drohte dieses Schicksal in den späten neunziger Jahren – der Konzern wurde letztendlich zwar nicht zerschlagen, aber er war durch das Verfahren so gelähmt, dass er das aufkommende Internet verpasste und so erst der Aufstieg von Firmen wie Google möglich wurde.

Massives Lobbying

Doch mit einer Zerschlagung der GAFA ist nicht zu rechnen. Donald Trump ist dem Silicon Valley gegenüber zwar kritisch eingestellt – die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Doch in Zeiten der von ihm proklamierten Handelskriege wird sich der Präsidentendarsteller hüten, die wertvollsten Firmen des Landes allzu hart anzufassen, sorgen sie doch für gut bezahlte Jobs und Exporte. Und wegen der Popularität der GAFA wird sich auch jeder andere Politiker zweimal überlegen, ob er sich an dem Thema die Finger verbrennen soll. Zumal die Firmen aus den Fehlern von Microsoft gelernt und ihre Lobbyingaktivitäten zuletzt massiv erhöht haben: Dieses Jahr wird Google-Mutter Alphabet mehr Geld für politische Einflussnahme in Washington ausgeben als jede andere Firma.

Amazon-Gründer Jeff Bezos, Google-Gründer Larry Page, Facebook-COO Sheryl Sandberg (v.l.) bei US-Präsident Donald Trump und seinem Vize Mike Pence.

Zudem ist das US-Wettbewerbsrecht nicht darauf ausgerichtet, die Konkurrenz zu schützen. Es zielt darauf ab, die Konsumenten vor Monopolpreisen zu schützen. Doch – und das ist der Unterschied zu früheren Fällen – die Preise für IT-Produkte fallen regelmässig. Oder sie sind sowieso bei null: Die Dienste von Google und Facebook erhält der Verbraucher umsonst, finanziert werden sie durch die Anzeigenkunden.

Auch Europa kann wenig tun. Zwar hat die EU-Wettbewerbskommission unter Margrethe Vestager im Sommer eine Strafe von 2,4 Milliarden Euro gegen Google verhängt, weil der Konzern in den Suchergebnissen eigene Verkaufsangebote bevorzugt hat. Doch dieser Betrag macht gerade einmal drei Prozent der Barreserven aus, bei der Urteilsverkündigung reagierte die Aktie der Google-Mutter Alphabet kaum. Und auf eine Schliessung der Steuerschlupflöcher kann sich die EU gegen den Widerstand der Profiteure Irland, Niederlande und Luxemburg ebenso wenig einigen wie auf eine Digitalsteuer zur Gewinnabschöpfung der GAFA. Die Schweiz ist für jegliche Intervention sowieso zu klein.

Auf eigene Fehler hoffen

«Es gibt keine offensichtliche Lösung», sagt Michael Wade, Professor für Digital Business Transformation an der renommierten Lausanner Business School IMD. «Eine globale Regulierung wäre eine Möglichkeit, wenn man das hinbekäme. Aber in der Praxis ist das sehr schwierig durchzusetzen.»
Wer also kann die vier «apokalyptischen Reiter», wie sie Galloway nennt, noch stoppen? Man muss wohl auf deren eigene Fehler hoffen. Apple ist noch am verwundbarsten: Rund 60 Prozent des Umsatzes hängen vom iPhone ab. Eine falsche strategische Weichenstellung, zwei, drei verkorkste Modelle oder eine neue Geräteklasse, die die Smartphones ablöst – und die Vormachtstellung wäre dahin. «Die Cloudservices und das Ökosystem schützen Apple vielleicht noch eine Weile», sagt Boris Beaude. «Doch es kann dann sehr schnell gehen.» Wie rasch man in diesem Markt weg vom Fenster sein kann, musste Nokia erleben.

Amazon ist bereits zu weit diversifiziert, als dass Fehler in einem Bereich den Giganten ins Wanken bringen könnten. Doch angesichts der Breite der Aktivitäten besteht die Gefahr, dass sich der Konzern verzettelt und so an Bedeutung verliert, wie etwa einst Sony. Facebook als Kleinster der GAFA dürfte noch eine ganze Weile vom Wachstum der sozialen Medien und vom Netzwerkeffekt profitieren. Auch Google dürfte mit den Datenschätzen und der Kompetenz in künstlicher Intelligenz weiter an Bedeutung gewinnen.

Facebook Firmenzentrale in Menlo Park
Facebook residiert seit März 2015 in der neuen Firmenzentrale, die Architekt Frank Gehry in Menlo Park errichten liess. 2800 Angestellte teilen sich dort Grossraumbüros, Mark Zuckerberg sitzt mittendrin.
Quelle: Corbis

GAFA vs. GAFA

Klar ist aber auch, dass sich die vier Titanen immer stärker ins Gehege kommen werden. Bereits jetzt konkurrieren Apple und Google bei Smartphones, Amazon und Google bei intelligenten Lautsprechern und bei Cloud Computing, Facebook und Google bei Onlinewerbung, Amazon und Google bei der Produktsuche – die Liste liesse sich noch lange fortsetzen. Die grösste Gefahr für die GAFA sind die GAFA selber. Gut möglich auch, dass andere Firmen zu ihrem Kreis hinzustossen: Microsoft etwa, die unter CEO Satya Nadella wieder stark an Bedeutung gewinnt, oder der Streamingdienst Netflix, der das TV-Geschäft gerade mit solcher Wucht disrumpiert, dass sogar Branchenveteran Rupert Murdoch zum Rückzug bläst. Vielleicht auch Uber, wenn das Unternehmen sich von den hausgemachten Turbulenzen der letzten zwei Jahre erholt.

Und dann sind da ja noch die chinesischen Gegenstücke der GAFA, die BAT: Baidu, Alibaba und Tencent. Sie konzentrierten sich bislang auf den gewaltigen chinesischen Markt und haben alleine dort eine Grösse erreicht, die mit ihren westlichen Vorbildern vergleichbar ist. So liegt Alibaba auf der Liste der wertvollsten Unternehmen der Welt auf Platz sechs direkt hinter Facebook. «Sollten diese Firmen wirklich entschlossen ausserhalb Chinas expandieren, könnten sie noch dominanter werden als die GAFA», sagt IMD-Professor Wade. Doch danach sieht es derzeit nicht aus.

Wenn nicht ein veritabler Börsencrash dazwischenkommt, wird als Nächstes Deutschland überrannt werden, die grösste Wirtschaftsnation Europas. Spätestens in einem Jahr.

Dieser Text erschien in abgeänderter Form in der Januar-Ausgabe 01/2018 der BILANZ.