Vas Narasimhan hat einen neuen Nebenjob. Der Novartis-CEO übernimmt einen Sitz im Verwaltungsrat des US-Tech-Konzerns Anthropic. Dass sich Anthropic jemanden von Narasimhans Kaliber angelt, hat Signalwirkung für die Zukunft von KI.
Während noch vor zwei Jahren kein Weg am KI-Unternehmen Open AI, seinem Chatbot Chat GPT und CEO Sam Altman vorbeiging, spricht heute die ganze Welt von Anthropic, Claude und Dario Amodei. Unterdessen soll Anthropic auch umsatzmässig Open AI überholt haben. Nicht unabhängig überprüfbare Schätzungen gehen von einem Jahresumsatz von 30 Milliarden Dollar aus.
Kopf an Kopf geht es auch in der Produktentwicklung voran: Open AI lancierte im Januar eine Chat-GPT-Version für medizinische Belange. Ebenfalls im Januar zog Anthropic mit «Claude for Healthcare» nach, einem KI-Assistenten, der Fitness- und Gesundheitsdaten analysiert und darauf basierend personalisierte Tipps gibt.
Die Zukunft von KI ist kein Chatbot
Wer aber denkt, dass das nun der grosse Coup ist, der denkt zu kurz. Die Zukunft der KI findet nämlich ausserhalb des Chatfensters statt. Anfang April kaufte Anthropic für 400 Millionen Dollar das Biotech-Start-up Coefficient Bio, das KI-gestützte Forschungswerkzeuge für die Pharmaindustrie entwickelt. Anthropic arbeitet bereits mit Eli Lilly, Novo Nordisk und Genmab zusammen. Das erklärte Ziel: neue Medikamente schneller entwickeln. Und dieser Ehrgeiz trifft auf ein reales, strukturelles Problem.
In der Technik von Halbleiterchips, auf der KI läuft, herrscht Moore’s Law. Dieses besagt, dass sich die Kapazität von Chips alle zwei Jahre verdoppelt. In der Pharmaindustrie herrscht Eroom’s Law. Das ist Moore’s Law rückwärts, weil die Kurve sich ebenso verhält: Eroom’s Law besagt, dass die Medikamentenforschung immer langsamer und kostenintensiver wird. Mitunter ein Grund dafür ist, dass die Anzahl an zur Verfügung stehenden Studien ansteigt. Je mehr Forschung akkumuliert wird, desto länger brauchen Forschende, um den aktuellen Wissensstand zu erreichen.
Genau hier kommt KI zum Zug, denn ihre Stärke liegt in der Datenanalyse. Forscherinnen und Forscher können damit umfangreiche Studien und Datensätze in kurzer Zeit auswerten. Was daraus resultiert, ist ein handfestes, messbares Geschäftsmodell: geringere Kosten und kürzere Entwicklungszyklen.
Anthropic gewinnt mit Narasimhan Zugang zu einer der komplexesten und kapitalintensivsten Branchen der Welt mit einer klaren Herausforderung. Nicht zuletzt rechnet sich die Partnerschaft für Novartis.
Der Pharmakonzern sendet ein klares Signal an seine Aktionäre: Wir sitzen am Gestaltungstisch. Mit Blick auf einen möglichen Börsengang des KI-Unternehmens im Herbst eine durchaus interessante Position. Anthropic kratzt an einer Bewertung von 800 Milliarden Dollar.