1. Home
  2. Unternehmen
  3. Telekom-Rating 2012: Colt schiesst nach vorn

 
Telekom-Rating 2012: Colt schiesst nach vorn

Es tut sich was in der Schweizer Telco-Landschaft. Trotzdem gibt es kaum Anbieter, die sich mit Innovationen profilieren.

Das 13. Telekom-Rating bringt neue Sieger im Fixnet und im Internet. Die grossen Anbieter verlieren an Boden.

Von Marc Kowalsky
04.09.2012

Der Ausbau der Glasfasernetze rollt. Die ersten Antennen für den neuen Mobilfunkstandard LTE sind aufgestellt. Das Cloud Computing boomt, die Datenleitungen dafür werden immer dicker. Wahrlich, es tut sich was im Telekomland Schweiz. Welcher Anbieter kommt mit den neuen Verhältnissen am besten zurecht, wer bietet seinen Geschäftskunden Top-Qualität, den besten Support, die neuesten Dienste, die günstigsten Preise und die grösste Flexibiltät? Zum 13. Mal geht BILANZ diesen Fragen nach in Zusammenarbeit mit der Telekomberatung Ocha (siehe «So wurde bewertet»). In den letzten beiden Jahren wurden die Tableaus jeweils ordentlich durcheinandergewürfelt. Dieses Jahr sind die Resultate stabiler. Auch weil viele der eingangs genannten Neuerungen noch nicht beim Businesskunden ankommen. «Es gibt kaum einen Anbieter, der sich mit Innovationen profiliert», sagt Jörg Halter von Ocha. «Die meisten bieten ihren Kunden Standardprodukte.»

Swisscom verliert Firmenkunden. Zum Standardrepertoire gehört im Fixnet etwa die IP-Telefonie. Von den fünf Top-Platzierten sind vier reine IP-Anbieter, Colt auf Rang drei verfolgt ein hybrides Modell. Den Spitzenplatz zurückgeholt hat sich nach zwei Jahren E-Fon auf Kosten von VTX. Die grossen Anbieter wie Swisscom, Sunrise oder Orange, die noch stark auf leitungsbasierte Dienste setzen, landen auf den hinteren Plätzen. Die Swisscom hat bisher rund 130  000 Firmenanschlüsse an die IP-Anbieter ver­loren, schätzt Halter – eine Zahl, die Swisscom-Chef Carsten Schloter nicht bestätigen will. «Wir tun uns schwer, auf alle Bedürfnisse gleichermassen gut einzugehen», gibt er aber zu, schliesslich seien die kleinen und jungen Anbieter meist sehr viel stärker spezialisiert als der Ex-Monopolist. Als Gegenreaktion investiert Swisscom vermehrt in die IP-Architektur ihrer Netze und baut spezialisiertes IT-Know-how auf, etwa durch die Übernahme des Softwarespezialisten Axept. «Eine fundamentale Transformation, die im Hintergrund läuft», nennt Schloter das. Klar ist: «Swisscom und auch Sunrise müssen mit ihren eigenen IP-Angeboten reagieren», sagt Halter. «Sonst droht eine rapide Verschiebung der Marktanteile.»

Unverändert ist die Reihenfolge im Mobilfunk: Es gewinnt Swisscom vor Sunrise und Orange. «Hier ist die Wettbewerbssituation weiterhin unbefriedigend, besonders bei den Preisen», sagt Martin Steinmann, Co-Autor der Studie. Entsprechend unzufrieden im Vergleich mit den anderen Kategorien sind die ­Befragten. Immerhin nehmen sich die Anbieter nun aggressiver die Kunden weg, auch das Zusammenlegen der Antennennetze von Orange und Sunrise etwa ist kein Thema mehr. Auf dem Markt dringt das aber noch nicht wirklich durch.

Orange hat den Abstand nach Punkten deutlich verringert. Auch weil die Firma in der letzten Zeit wieder mehr ins Netz und in den Service investiert hat. So stellt sie etwa jedem Firmenkunden unabhängig von der Grösse einen eigenen Kundenberater an die Seite. «Diese Investitionen machen sich nun bezahlt», sagt der abtretende CEO (und zukünftige VR-Präsident) Thomas Sieber. Fraglich ist jedoch, wie sich dieser und die zahlreichen ­anderen jüngsten Managementwechsel bemerkbar machen werden. Die Zu­sammenarbeit mit dem Fixnetanbieter Orange Business Services, der nach dem Verkauf der Mobilfunksparte bei France Télécom verblieben ist, soll sich laut Sieber jedenfalls «überhaupt nicht ändern».

Cablecom top. Im Bereich Corporate Networks, der Datendienste für Unternehmen, geht der Spitzenplatz einmal mehr an UPC Cablecom – bereits zum sechsten Mal in den letzten neun Jahren (siehe dazu auch «Da läuft nichts falsch»). Der grosse Aufsteiger ist Finecom. Der Bieler Kabelnetzanbieter ist durch Kooperationen und Übernahmen in letzter Zeit stark gewachsen und zählt bereits 290 000 Kunden. Nicht genug für Firmenchef Nicolas Perrenoud: Eine halbe Million Kunden bis 2015 ist sein Ziel, dann würde die Firma endgültig im Quartett der Grossen (Swisscom, Sunrise, Orange, Cablecom) mitspielen.

Im Markt der Internetdienste hat sich Colt den Spitzenplatz zurückgeholt. Auch in den Kategorien Fixnet und Corporate Networks hat die englische Firma Plätze gewonnen, was sie zum klaren Aufsteiger des Ratings 2012 macht. Und das, obwohl sie durch unruhige Zeiten gegangen ist: Ein guter Teil des Schweizer Managements hat Colt im letzten Jahr verlassen. Immerhin sind die Unsicherheiten über die Zukunft des Anbieters jetzt beseitigt. «Wir konzentrieren uns nun weniger auf uns selbst und viel mehr auf unsere Kunden», sagt der neue Länderchef Jörg Dannheim. So hat er viele wichtige Kunden «zwecks Verbrüderung» (Dannheim) zu Mitarbeitermeetings eingeladen. Und er hat der Londoner Konzernleitung die Eigenheiten des Schweizer Marktes nahebringen können und so mehr Freiheit für sich und seine Kunden herausgeholt. Colt ist neben Orange Business Services der einzig verbleibende internationale Anbieter im Rating. Die anderen globalen Player haben sich in den letzten Jahren aus der Schweiz mehr oder weniger verabschiedet.

Auffällig ist auch der Sprung von Green.ch um fünf Plätze nach vorne auf Rang 6. Das hat auch mit der Medienpräsenz von CEO Franz Grüter zu tun. «Green.ch ist sehr laut, wenn es um Datacenter und Cloud Computing geht», sagt Halter. «Also billigt man ihnen dort auch die notwendige Komptenz zu.»

Sunrise hat als Internetprovider leicht zugelegt, ebenso im Fixnet. Dort hat man nach den Ergebnissen des letzten Ratings massiv investiert – offenbar mit Erfolg. «CEO Oliver Steil macht es ähnlich wie Cablecom-Chef Eric Tveter», sagt Halter: «Er führt die Firma ruhig, beharrlich und ohne grosse Showeffekte wieder nach oben.» Bei den Datendiensten aber hat Sunrise zwei Plätze verloren. Vielleicht hängt es mit dem Wechsel des Techno­logielieferanten von Alcatel-Lucent zu Huawei zusammen. «Ein solcher Wechsel bringt immer eine gewisse Unruhe», sagt Geschäftskundenleiter Jon Erni.

Eine Unruhe, die im nächsten Jahr auch dem Schweizer Telekommarkt als Ganzem erhalten bleiben dürfte.

Anzeige