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Swiss-Re-Patron Kielholz plant seine Ablöse - ohne Eile

Patron Walter Kielholz: Gibt den Takt vor und sorgt für seine Schäfchen. Keystone

Klotzen statt kleckern: Unter Walter Kielholz leistet sich der Rückversicherer Swiss Re eine patronale und grosszügige Firmenkultur. Doch per 2018 soll der allmächtige Präsident seinen Rückzug planen.

Von Erik Nolmans
04.10.2016

Sie brauchen ein neues Velo, sind aber gerade knapp bei Kasse? Kein Problem, wenn Sie bei der Swiss Re arbeiten: Die Firma zahlt Ihnen die Hälfte des Kaufpreises. Sollten Sie lieber etwas schneller unterwegs sein und mit einem Tesla liebäugeln, so wird Ihnen der Kauf des schnittigen Elektroautos ebenfalls subventioniert – mit bis zu 5000 Franken. «COyou2» heisst das Programm, mit dem der Rückversicherungsgigant private Investitionen seiner Mit­arbeitenden unterstützt, die geeignet sind, den CO2-Ausstoss zu senken. Wenn Sie sich auf dem Velo erkälten, ist das auch kein Problem: Die Swiss Re zahlt jedem Mitarbeiter 200 Franken im Monat an die Krankenkassenprämie.

Patronale Touch ­hat Tradition

In Sachen Fringe Benefits ist der Rückversicherer grosszügig wie sonst kein Schweizer Finanzkonzern. Die Swiss Re schaut zu ihren Mitarbeitern – fast wie zu 
Zeiten des patronalen Wirtschafts­systems des 19. Jahrhunderts, als die ­Industriefürsten für ihre Mitarbeiter in Fabriknähe Häuschen bauten und die Krankenversorgung sicherstellten.

Bei der Swiss Re hat der patronale Touch ­Tradition: Bis vor wenigen Jahrzehnten, als der Konzern noch «Schweizerische Rückversicherung» hiess, bekam jeder Mitarbeiter beim Eintritt ein Firmenbüchlein, vom Herrn Generaldirektor persönlich mit Füllfederhalter unterschrieben. Heute, da 12'700 Personen weltweit für den Konzern tätig sind, ist dies nicht mehr üblich.

Doch das Patronale ist geblieben – verkörpert in der Person von Walter Kielholz, dem allmächtigen Präsidenten. Er, der Mann mit der breiten Brust, schon seit 27 Jahren bei der Firma, Dreh- und Angelpunkt des Konzerns und das Gesicht nach innen wie gegen aussen, ist einer der letzten Manager der alten Garde: autoritär, macht­bewusst, eigensinnig. Ganz nach dem Motto: Swiss Re, c’est moi.

Grossverdiener

Geschätzte 80 Millionen hat er sich in der Zeit addiert an Salären auszahlen lassen. Doch ganz im Sinne des patronalen Systems sollen auch die Mitarbeitenden einige durchaus knusprige Krümel des ­Kuchens bekommen: Im Gegensatz zu anderen Firmen leistet sich das Management Grosszügigkeit nicht nur für sich, sondern auch für weite Kreise der Untergebenen.

Bei anderen ­Finanzkonzernen wurde diesbezüglich viel Geschirr zerschlagen: Als die Credit Suisse den Mitarbeitern die Zimmerpflanzen strich oder die UBS das Kantinenessen verteuerte, ging ein Schwall von Missmut durch die Belegschaften. Natürlich wurde in diesen ­Fällen prompt auf die Löhne der Chefs verwiesen. Derlei kann schnell zum Rohrkrepierer werden, vor allem weil die damit erzielbaren Einsparungen in keinem Verhältnis zum Mass an Demotivation bei den Mitarbeitern stehen. Solche Fehler weiss Kielholz zu vermeiden.

Kielholz gibt den Takt vor

Swiss Re – das ist bis heute vor allem Kielholz, der als Präsident nicht nur die Oberaufsicht über das Management wahrnimmt, sondern laut Insidern auch sonst bis ins Detail vorgibt, was im Konzern passiert. Strategisch gibt er den Takt vor – das operative Management ist vor allem ausführendes Organ. Nicht alle können gut damit umgehen. So trat 2011 der damalige CEO Stefan Lippe nach nur zwei Jahren und erst 56-jährig zurück, um sich frühpensionieren zu lassen. Die Diskussionen mit dem Verwaltungsrat unter Kielholz sollen ihn nach und nach zermürbt haben. Mit seinem bewusst autoritären Auftreten lässt der Präsident keine Zweifel daran, wer das Sagen hat.

Doch dieses System wird möglicherweise bald eine Zäsur erfahren: Laut Insidern soll Kielholz seinen Rücktritt auf die Generalversammlung vom Frühling 2018 planen. Er wäre dann 67 Jahre alt und genau 20 Jahre im Verwaltungsrat.

Seit 1998 im Gremium

1998 war es, als er ins Gremium gewählt wurde. Zunächst zusätzlich zur Funktion des CEO, die er damals ebenfalls innehatte. Nach 2003 war er exe­kutiver Vizepräsident und de facto der starke Mann, kümmerte sich der branchenfremde Präsident Peter Forstmoser doch vor allem um allgemeine Fragen der Corporate Governance. 2009 löste Kielholz Forstmoser als Präsident ab.

20 Jahre Amtszeit in einem Verwaltungsrat gelten als überholt, nimmt man die ­Gepflogenheiten moderner Corporate Governance als Grundlage. Diese Obergrenze wird selten überschritten. Auch der neben Kielholz zweite mächtige Vertreter der alten Managergarde, Nestlé-Präsident Peter Brabeck, verlässt sein Unternehmen im kommenden Frühling nach genau 20 Jahren im VR.

Geplanter Abgang

Die Swiss Re kennt in den Statuten zwar weder eine Amtszeitbeschränkung noch eine Alterslimite. Doch dass Kielholz durchaus in solchen Kategorien denkt, zeigt sich daran, dass er bei der Credit 
Suisse, wo er von 2003 bis 2009 Präsident war, eigens eine Amtszeitbeschränkung – in diesem Fall von 15 Jahren – einführte. Er wurde sogar eines der ersten Opfer davon: 2014 trat er bei der Grossbank aus dem Gremium aus, zusammen mit Peter Brabeck.

Dass bei der Swiss Re ein gewisser Zeitdruck herrscht, hat aber auch mit der von ihm selbst vorgespurten Nachfolgeregelung zu tun. So holte Walter Kielholz 2011 den vormaligen Finanzchef der Credit ­Suisse, Renato Fassbind, zur Swiss Re und machte ihn im Jahr darauf zum Vizepräsidenten. Ähnlich hatte er schon seine Nachfolge bei der CS vorgespurt, wo Urs Rohner 2009 Vizepräsident und dann 2011 Präsident wurde.

Beide, Fassbind wie Rohner, waren 2004 von Kielholz persönlich zur Bank geholt worden, im Rahmen des damaligen Revirements des Managements der Bank. Zeitweise galt Fassbind ebenfalls als möglicher Nachfolger als Präsident der CS. Doch der zielbewusste Rohner machte das Rennen, auch weil er bei Kielholz immer dringlicher seine Ernennung einforderte.

Geduld von Fassbind nicht unendlich

Auf der operativen Ebene hat Kielholz bei der Swiss Re den Generationenwechsel bereits eingeläutet. Mit dem 47-jährigen Christian Mumenthaler, der am 1. Juli dieses Jahres Michel Liès ersetzte, ist ein bestandener Interner – er leitete zuvor jahrelang den Kernbereich Reinsurance – für die operativen Geschicke des Konzerns verantwortlich.

Will Kielholz den Führungswechsel staffeln, ist es sinnvoll, mit dem Präsidiumswechsel noch etwas zuzuwarten. Allerdings dürfte die Geduld von Fassbind nicht unendlich sein. Er ist heute 61 Jahre alt – will er noch einige Jahre an der Konzernspitze fungieren, darf Kielholz den Präsidentensessel nicht noch lange besetzt halten. Kielholz war für eine Stellungnahme zu Fragen um seinen mö­glichen Rücktritt nicht erreichbar.

Definitiv noch bis Herbst 2017

Sein Umfeld hat Walter Kielholz aber wissen lassen, dass er auf jeden Fall noch die auf den Herbst 2017 terminierte Neueröffnung des derzeit im Umbau befindlichen Hauptsitzes der Swiss Re als Präsident wahrnehmen wolle. Dies ist eines der Prestigeprojekte des Konzerns.

Klar ist, dass Kielholz bei der Swiss Re auch architektonisch bleibende Spuren hinterlassen möchte. Grosszügige bau­liche Statements wurden in den letzten ­Jahren kennzeichnend für den Rückversicherer. Sie gehören zu den Massnahmen der Bildung einer Corporate Identity. Auch das hat etwas Patronales.

Architektonische Zeichen

Ex-Präsident Peter Forstmoser wies treffend darauf hin, dass ein Rückversicherer keine konkret fassbaren Produkte herstelle und dabei irgendwie gesichts- und geruchlos bleibe. Mit Bauten wie «The Gherkin» in London, einem Hochhaus in Form einer gläsernen Gurke, bekam die Firma ein auffälliges Gesicht. Jetzt brauchen die Swiss-Re-Leute in London nur noch zu sagen, sie arbeiteten in «The Gherkin» – und jeder weiss, was gemeint ist. «Ich hoffe, dass es zum Erfolg unserer Firma beiträgt», bemerkte der ehemalige CEO John Coomber vor zehn Jahren gegenüber der Presse allerdings nüchtern.

Wenige Jahre zuvor hatte der Konzern bereits in der Schweiz einen Prestigebau hingeklotzt: Das Swiss Re Centre for Global Dialogue hoch über dem Zürichsee in Rüschlikon kostete laut Zeitungsberichten rund 100 Millionen Franken. Für die im Jahr 2000 eröffnete, als Veranstaltungs- und Begegnungszentrum genutzte Anlage wurden allein für Kunst in und am Bau rund zwei Millionen investiert. Es ist ein Relikt aus den Tagen vor der Krise, als die Rückversicherer den Marktakteuren mit derlei Prunkbauten nicht zuletzt ihre finanzielle Solidität vermitteln wollten.

Mit den Mächtigen der Welt

Heute nutzt Kielholz das Swiss Re Centre auch, um sich mit den Mächtigen der Welt zu vernetzen. So leistet sich das Centre eine Gruppe von Advisors, eine Art Beirat also, in dem Persönlichkeiten wie die Ex-Notenbankchefs Jean-Claude Trichet von der Europäischen Zentralbank oder Paul Volcker vom amerikanischen Fed sowie Politschwergewichte wie Ex-US-Senator Bill Bradley Einsitz haben.

Zweimal jährlich wird das zwölfköpfige Gremium first class eingeflogen für ein zweitägiges Seminar, um mit zugewiesenen Referaten Themen aufzuarbeiten. Dafür erhalten die einzelnen Mitglieder laut Insidern 30 000 Franken. Rechnet man die Spesen dazu, kostet der Beirat der Swiss Re also mehrere hunderttausend Franken im Jahr.

Einzelfiguren als Berater

Der Rat gilt vor allem als teure Liebhaberei des Managements, gelten Beiräte doch generell als Relikte aus der Vergangenheit, deren Nutzen umstritten ist. Die CS zum Beispiel, die sich Ende der neunziger Jahre gleich zwei Beiräte leistete und darin Persönlichkeiten wie Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl versammelte, hat diese Gremien 2007 abgeschafft. Zuvor hatte es von allen Seiten her Kritik gehagelt. Das Ganze sei eine Form der «institutionalisierten Korruption», liess der damalige CS-Grossaktionär Martin Ebner wissen.

Der Trend geht heute eher zu Einzelfiguren als Beratern, wie bei der Bank Julius Bär, die sich die Dienste des ehemaligen israelischen Verteidigungsministers Ehud Barak sicherte. Er soll ­allerdings mit geschätzten 200'000 bis 300'000 Franken im Jahr deutlich mehr als die Swiss-Re-Advisors bekommen.

In Rüschlikon wird geklotzt

Hat der Konzern schon beim Bau der Anlage in Rüschlikon mit der grossen Kelle angerichtet, so steht der Neubau des Hauptsitzes dem in wenig nach. 220 Millionen kostet das Ganze. Angesichts der Nutzfläche von 21'500 Quadratmetern liegt der Quadratmeterpreis mit 10'230 Franken beim Zwei- bis Dreifachen der für Bürobauten üblichen Preise. Auch hier wird also geklotzt.

Der Abbau der 
Gerüste im September 2017 wird ein 
Gebäude enthüllen, welches das gängige Selbstbewusstsein der Firma spiegelt: einen gläsernen, 25 Meter hohen Quader, die Fassade gewellt wie die Oberfläche des gegenüber der Strasse liegenden Sees. 377 Tonnen wiegen die insgesamt 914 Glaswellen. Die Verbindung mit See und Wellen soll es auch Kielholz persönlich angetan haben. Sein Hobby: Segeln.

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