Während die Schweiz über Fachkräftemangel, «Lifestyle-Teilzeit», die fortschreitende Akademisierung, abnehmende Arbeitsanreize und immer wieder über Digitalisierungsängste wegen der fortschreitenden Durchdringung des Arbeitsmarktes durch künstliche Intelligenz (KI) diskutiert, wechseln Zehntausende Erwerbstätige, meist am Monatsende, still und leise ihren Job.
Übers Jahr gerechnet sind mehr als eine Million Personen in Bewegung. Von den gegenwärtig fast 5,4 Millionen Erwerbstätigen entscheiden sich jährlich gut 700’000 für einen neuen Arbeitgeber oder eine neue Rolle. Über 300’000 verlassen den Arbeitsmarkt endgültig – wegen Pensionierung mit steigender Tendenz oder wegen Rückwanderung ins Herkunftsland. Übergänge in die vorübergehende Erwerbslosigkeit machen weitere rund 100’000 Bewegungen aus. Gleichzeitig nimmt die Beschäftigung laufend zu: Es entstehen mehr neue Stellen, als verloren gehen. Besetzt werden sie aus dem Bestand, von nachrückenden Jungen, von Zuwandernden und Personen aus der Nichterwerbstätigkeit oder der Erwerbslosigkeit.
Was diese Bewegung antreibt, ist im Kern simpel: Unternehmen entstehen, wachsen, schrumpfen oder verschwinden permanent – und mit ihnen die Zahl der Stellen, die sie anbieten. Diese Dynamik ist nicht Ausdruck von Marktversagen, sondern der Mechanismus, über den sich Arbeit von weniger produktiven zu produktiveren Verwendungen verschiebt. Jeder Stellenwechsel mit Lohnsprung – und das betrifft laut Bundesamt für Statistik gut einen Drittel aller Wechselnden – ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass jemand seine Fähigkeiten produktiver einsetzt als zuvor. Arbeitnehmende nehmen ein besseres Angebot an, monetarisieren eine Weiterbildung, ziehen um oder lösen sich aus einem unbefriedigenden Arbeitsverhältnis.
Der Gastautor
Boris Zürcher war bis Ende 2024 Direktor für Arbeit beim Seco und ist regelmässig Gastautor der Handelszeitung.
Bemerkenswert ist das Altersprofil: Die Mobilität ist bei Jüngeren am höchsten und nimmt mit dem Alter kontinuierlich ab. Jüngere haben einen längeren Amortisationshorizont für Suchkosten, testen die Passung der eigenen Fähigkeiten zur Stelle und korrigieren schnell. Mit steigendem Alter wachsen firmenspezifisches Humankapital, Seniorität und Pensionskassenbindung – ein Stellenwechsel wird teurer. Die Mobilität folgt einem individuell rationalen Kalkül.
Kumuliert über Hunderttausende solcher Einzelentscheidungen ergibt sich das, was man gemeinhin Strukturwandel nennt: die kontinuierliche Neuausrichtung und Neuzusammensetzung der Wirtschaftsstruktur entlang steigender Produktivität. Dieser Strukturwandel ist eine essenzielle Voraussetzung für Wirtschaftswachstum und höheren Wohlstand.
In der öffentlichen Debatte dominiert derzeit ein anderer Tonfall: KI werde Stellen vernichten, Berufe verdrängen, den Arbeitsmarkt destabilisieren. Diese Sorge übersieht, was die Mobilitätszahlen eigentlich zeigen. Der Schweizer Arbeitsmarkt bewegt sich seit Jahrzehnten in dieser Grössenordnung, ohne dass daraus Massenarbeitslosigkeit entstanden wäre. Technologischer Wandel ist keine neue Zumutung, sondern ein Prozess, den der Arbeitsmarkt seit jeher absorbiert. Die entscheidende Frage ist nicht, ob KI Stellen kosten wird – das hat jede grössere Technologie seit der Dampfmaschine getan –, sondern ob genügend neue und bessere Stellen entstehen, die die alten ersetzen.
Genau das ist der Kern von Strukturwandel: nicht Verlust, sondern Verschiebung. Diese stetige Umwälzung des Arbeitsmarktes erfolgt in der Schweiz bei praktischer Vollbeschäftigung. Die jährlich über eine Million Menschen in Bewegung sind der beste Beweis dafür, dass dieser Prozess mit zwar moderater staatlicher Flankierung, aber ohne staatliche Steuerung funktioniert – mit einem langfristig fairen Ergebnis: steigenden Löhnen, höherer Beschäftigung, besseren Arbeitsbedingungen und letztlich zunehmendem Wohlstand.