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Machtkampf um Doc Morris

Drei Männer und ein Unternehmen

Walter Oberhänsli kämpft um die von ihm aufgebaute Onlineapotheke Doc Morris. Nächste Woche kommt es zum Showdown. Es dürfte knapp werden.

Marcel Speiser, Ringier AG

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Walter Oberhänsli, Präsident von Doc Morris, und seine Widersacher Fritz Oesterle und Jacek Szwajcowski (v.l.). Getty Images/zVg

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Die Frage ist banal: Warum bloss will der polnische Unternehmer Jacek Szwajcowski bei der Schweizer Onlineapotheke Doc Morris die Macht übernehmen? Schliesslich ist Doc Morris – bis zum Verkauf des Schweizer Geschäfts an die Migros als Zur Rose bekannt – ein notorisch defizitäres Unternehmen, dessen Aktienkurs sich asymptotisch der Nulllinie annähert. Allein in den letzten fünf Jahren haben sich Verluste von rund 750 Millionen Franken aufgetürmt.
Die Antwort auf die Frage nach dem Warum ist dann kompliziert. Es geht – natürlich! – um Macht und Expansion. Aber da ist noch mehr. In der Causa Szwajcowski versus Doc Morris geht es auch um Rache und Genugtuung.

Szwajcowski will die ganze Macht

Zum grossen Showdown kommt es am kommenden Dienstag im Zürcher Hotel Marriott. Szwajcowski, der aktuell rund 15 Prozent der Doc-Morris-Aktien hält, geht mit Maximalforderungen ins Rennen. Drei von sechs Verwaltungsräten will er bestimmen, das Präsidium obendrein. Und den aktuellen Vorsitzenden des Gremiums will er kurzerhand in die Wüste schicken. Kurz: Er will die ganze Macht. Ohne aber noch mehr Kapital in die Hand zu nehmen.
Doc Morris, immerhin ein Unternehmen mit knapp 1,2 Milliarden Franken Umsatz, über 12 Millionen Kundinnen und Kunden sowie über 1400 Angestellten, würde Szwajcowskis bereits bestehendes Imperium namens Pelion bestens ergänzen. Pelion ist vergleichbar mit der Schweizer Galenica und ist in Polen, den baltischen Staaten sowie Schweden aktiv – im Grosshandel mit Medikamenten, im Apothekengeschäft und im Onlinehandel mit Medikamenten. Ausserdem beliefert Pelion Spitäler und bietet der Pharmaindustrie logistische Dienstleistungen an.

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Oberhänsli kämpft um sein Lebenswerk

Doc Morris will von Szwajcowskis Machtanspruch nichts wissen. Insbesondere Präsident Walter Oberhänsli kämpft dabei um sein Lebenswerk – und um sein persönliches Überleben als Geschäftsmann. Er gehört zu den Gründern von Zur Rose, hat das Unternehmen an die Börse gebracht, hat es lange Jahre als Konzernchef geführt. Oberhänsli ist Doc Morris. Die grosse Frage aber ist: Halten ihm die arg gebeutelten Aktionäre, von denen die meisten den grössten Teil ihres Einsatzes bereits verloren haben, die Stange? Oder setzen sie auf einen Neuanfang unter polnischer Ägide?
Klar ist: Es dürfte knapp werden. Üblicherweise erscheinen an den Generalversammlungen von Doc Morris rund 40 Prozent der Stimmrechte. Bleibt das auch am kommenden Dienstag so, muss Pelion bloss gut 5 Prozent der anderen Aktionäre davon überzeugen, dass Doc Morris unter einer neuen Führung bessere Entwicklungschancen hat als bei einer Fortsetzung der Ära Oberhänsli. Das ist machbar.
Eine entscheidende Rolle spielen dabei zwei Aktionäre. Einerseits die UBS, die rund 5,6 Prozent der Aktien hält. Macht sie mit Pelion gemeinsame Sache, ist das Ding gelaufen, Oberhänsli entmachtet. Ebenfalls wichtig ist, wie sich der vom Tessiner Financier Tito Tettamanti gegründete Sterling Strategic Value Fund verhält; Sterling besitzt rund 3,2 Prozent der Aktien. Gegenüber der «Finanz und Wirtschaft» hat Sterling allerdings bereits durchblicken lassen, die Ansinnen von Szwajcowski nicht zu unterstützen. Oberhänsli selbst kann nur hoffen: Er und die weiteren Mitglieder des Verwaltungsrates und des Managements halten keine 2 Prozent der Stimmrechte.

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Doppelte Rache

Gelingt Szwajcowski am Dienstag der Coup, sich mit 15 Prozent des Kapitals 100 Prozent Einfluss zu sichern, wäre das gleichzeitig eine späte Rache an Oberhänsli, noch dazu eine doppelte. Denn Oberhänsli hatte ihm Doc Morris bereits einmal vor der Nase weggeschnappt und ihm nach einem kritischen Blick in die Pelion-Bücher erst kürzlich eine Abfuhr erteilt.
Hier kommt Szwajcowskis Compagnon und Mitstreiter Fritz Oesterle, ein Urgestein im europäischen Medikamentenhandel, ins Spiel. Der Deutsche war einst Chef des Pharmagrosshändlers Celesio und hat anno 2007 die damalige Onlineapotheke Doc Morris übernommen. Wenige Jahre später musste er Doc Morris wieder verkaufen. Die Schweizer Zur Rose machte damals das Rennen – gegen Pelion. Und wie das «Manager Magazin» berichtet, soll Oesterle Oberhänsli im vergangenen Herbst eine Fusion mit Pelion schmackhaft gemacht haben. Oberhänsli habe das Ansinnen abgeblockt, nachdem er die Zahlen von Pelion studiert gehabt habe.

Kritiker werfen Oberhänsli «Halluzinationen» vor

Oesterle selbst hält von der aktuellen Führung von Doc Morris gar nichts. Gemäss «Manager Magazin» lässt er kein gutes Haar an Oberhänsli und Co. Die Aussage, wonach «Visionen ohne Umsetzung zu Halluzinationen führen», gehöre zu seinem wertschätzenden Urteil.

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Die Ausgangslage ist vor dem Showdown klar. Der Ausgang hängt in der Schwebe.
Über die Autoren
Marcel Speiser, Ringier AG
Marcel Speiser
Marcel Speiser ist Stv. Chefredaktor bei der Handelszeitung und arbeitet seit 1999 im Wirtschaftsjournalismus. Er gilt als Kenner der Uhrenindustrie und der Luxusgüterbranche.

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