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Serie: Ökonomen: Joseph Stiglitz: Der Querdenker

Märkte sind nicht perfekt, wusste Joseph Stiglitz bereits als Kind. Einige Jahre später belegte er diese Einsicht mit der Theorie, dass nicht alle Marktakteure gleich viel wissen – und revolutionierte damit die Ökonomie.

Von Markus Diem Meier
28.03.2006

Joseph Stiglitz wartet auf seine Limousine. In den Strassen von Davos erinnert vor acht Uhr morgens noch wenig an das hier stattfindende World Economic Forum. Dafür ist in der Lobby des Posthotels schon eine Menge los: Laufend werden Gäste für die Fahrt an den Zürcher Flughafen von bestellten Chauffeuren abgeholt. Das Forum dauert zwar noch zwei weitere Tage, und mit Bill Clinton hat sich für diesen Samstag ein prominenter Gast angekündigt. Doch Stiglitz wird seinen einstigen Chef nicht mehr sehen – auf den einst obersten ökonomischen Berater des ehemaligen US-Präsidenten warten bereits neue Verpflichtungen.

In der Posthotel-Lobby dreht sich niemand nach Stiglitz um, der zu den einflussreichsten lebenden Ökonomen gehört. Selbst beim Limousinenservice scheint sein Name nicht zu beeindrucken. Im Gegenteil: Der Wagen kommt nicht, die Bestellung scheint untergegangen zu sein. Erst nach einem energischen Telefonanruf von Anya Schiffrin erscheint ein Chauffeur. Die ehemalige Journalistin ist die Presseverantwortliche von Stiglitz und seine dritte Ehefrau. Dem BILANZ-Journalisten, der das Paar im Wagen bis zum Flughafen begleiten wird, erklärt sie, dass sie sich den Luxus einer solchen Fahrt hier zum ersten Mal leisteten.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden ist Joseph Stiglitz erst in den letzten Jahren – dank seinen wirtschaftspolitischen Tätigkeiten und seinen populären Büchern. Für die Administration Clinton war er von 1993 bis Anfang 1997 im Council of Economic Advisors tätig. Ab 1995 leitete er dieses oberste Beratergremium für Wirtschaftspolitik. Zwei Jahre später, im Februar 1997, wechselte er zur ebenfalls in Washington ansässigen Weltbank und wurde unter dem damaligen Weltbank-Chef James Wolfensohn Vizepräsident und Chefökonom dieser mächtigen Institution. Im Jahr 2000 musste Stiglitz diesen Posten auf Druck des US-Finanzministeriums verlassen. Seine Angriffe gegen den Internationalen Währungsfonds (IWF) und das Ministerium waren die Ursache dafür.

Diese Angriffe haben Stiglitz besonders berühmt gemacht. Um sie drehen sich unter anderem auch die beiden Bücher, die weltweit reissenden Absatz fanden und auch auf Deutsch erhältlich sind. «Die Schatten der Globalisierung» ist im Original 2002 erschienen, «Die Roaring Nineties» 2003. Beide Bücher enthalten gnadenlose Abrechnungen mit den Institutionen, denen Stiglitz in seiner Zeit als Chefberater besonders nahe stand.

Im ersten Buch greift der einstige Weltbank-Chefökonom vor allem den IWF an. Diesem wirft er vor, mit den harten wirtschaftspolitischen Programmen, die er Drittweltländern auferlegt, deren Lage zu verschlimmern. Ausserdem habe der Fonds schwere Wirtschaftskrisen nicht nur falsch gedeutet, sondern mit seinen Gegenmassnahmen die Lage sogar noch verschlimmert. Das gelte insbesondere für die Asienkrise 1998 und für den katastrophalen Übergang Russlands von der sowjetischen Planwirtschaft in eine scheinbare Marktwirtschaft. Tatsächlich hätten von diesem Übergang vor allem Wirtschaftskriminelle profitiert. Stiglitz wirft dem IWF unverblümt vor, vor allem die Interessen der US-Hochfinanz zu vertreten – auf Kosten der Ärmsten in den armen Ländern.

Stiglitz’ Kritik konnte der IWF nicht locker wegstecken. Die Weltbank, deren Chefökonom und Vizepräsident er bis Ende 1999 war, ist die Schwesterorganisation des Währungsfonds. Die Hauptsitze der beiden Institute befinden sich in Washington praktisch einander gegenüber. Stiglitz’ beissende Kritik am IWF war fast gleichbedeutend mit einem Schuldeingeständnis aus dem innersten Kreis des Fonds selbst.

Entsprechend heftig war die Reaktion des IWF. Dessen damaliger Chefökonom, Kenneth Rogoff, griff in einem offenen Brief Stiglitz sehr persönlich an. Der Brief gipfelte in einer bösen Anspielung: «Joe, als Akademiker bist du ein überragendes Genie. Wie John Nash, der ebenfalls den Nobelpreis gewonnen hat, hast du einen ‹beautiful mind›. Als Politiker bist du aber ein bisschen weniger beeindruckend.» Nash litt unter Schizophrenie, wovon der Oskar-gekrönte Film «A Beautiful Mind» handelt. Rogoff erklärte also auch Stiglitz für geistig verwirrt.

Dieser selbst reagiert heute gelassen auf den Angriff. Rogoff habe eben seinen Lehrer Stanley Fischer verteidigen müssen, sagt er auf dem Rücksitz der Limousine. Fischer war der Architekt der IWF-Politik, die Stiglitz kritisiert hat. Wichtiger für ihn ist: «Als Rogoff sich die Daten etwas genauer angeschaut hat, über die ich geschrieben habe, kam er zu denselben Schlussfolgerungen.» Tatsächlich kommt eine von Rogoff mitverfasste Studie des IWF vom März 2003 («Effects of Financial Globalization on Developing Countries») wie Stiglitz zum Schluss, dass ungehinderte globale Finanzmärkte in Drittweltländern zu wirtschaftlicher Instabilität führen können. Der IWF hat sich bis dahin für die Öffnung der Finanzmärkte stark gemacht.

In seinem zweiten populären Buch, «Die Roaring Nineties», rechnet Stiglitz mit der Wirtschaftspolitik der Regierung Clinton ab. Der Ökonom legt seinen Lesern dar, dass die Exzesse im ausgehenden 20. Jahrhundert – der Wunderglaube an eine New Economy, die Börsenblase und auch die Bilanzbetrügereien von Unternehmen wie Enron – durch eine fehlgeleitete Wirtschaftspolitik der Administration eher noch gefördert worden seien.

Kein Wunder, steht Stiglitz heute vor allem im linken Spektrum hoch im Kurs. Globalisierungsgegner und all jene, die sich gegen so genannte neoliberale Postulate wie Liberalisierungen, Privatisierungen oder einen Abbau des Staates wehren, sehen sich durch seine Texte bestätigt. Doch Stiglitz ist weit davon entfernt, die Globalisierung zu verteufeln, Protektionismus gutzuheissen oder die Märkte durch eine staatlich gelenkte Wirtschaft ersetzen zu wollen. Seine Kritik gilt einzig der Vorstellung, dass freie, unregulierte Märkte stets zum besten ökonomischen Resultat führen. Diese Skepsis ist das Ergebnis der Forschungen, denen sich Stiglitz in den Jahrzehnten vor seinem öffentlichen Wirken gewidmet hat.

Weit mehr als den erwähnten Büchern und seinen öffentlichen Tätigkeiten verdankt Joseph Stiglitz seinen Ruhm innerhalb der Ökonomenzunft der Forschung zu so genannten asymmetrischen Informationen. Für sie hat er im Jahr 2001 zusammen mit seinem einstigen Mitstudenten George A. Akerlof und mit Michael Spence den Nobelpreis erhalten. Für sie wurde er – damals erst 36-jährig – schon 1979 mit der John Bates Clark Medal ausgezeichnet, die in den USA alle zwei Jahre an einen Ökonomen unter 40 für die beste Forschungsarbeit verliehen wird und dort etwa gleich viel zählt wie der Nobelpreis.

Mit der Forschung zu asymmetrischen Informationen hat Stiglitz zusammen mit Akerlof die ökonomische Wissenschaft grundlegend verändert. Im Kern geht es um eine banale Erkenntnis: Auf vielen Märkten verfügt eine Seite – die Anbieter oder die Nachfrager – über umfassendere Informationen als die andere. Ein Arzt als Anbieter von medizinischer Leistung etwa weiss besser als der nachfragende Patient, was dieser braucht. Die Ökonomen haben das zuvor nicht ausgeschlossen. Doch haben sie es nicht für besonders wichtig gehalten.

Die alte Sichtweise der Ökonomen ging bis in die sechziger Jahre hinein davon aus, dass sich stets perfekt funktionierende Märkte etablieren lassen müssten. Tatsächlich auftretende Probleme konnten vielfach theoretisch wegargumentiert werden. Arbeitslosigkeit zum Beispiel wurde in dieser Sichtweise zumeist als Ergebnis von freiwilligen Entscheidungen aufgefasst: Bei einem Marktlohn, der einigen zu tief ist, wollen diese eben weniger arbeiten, wie ein Gemüsehändler bei zu tiefen Preisen lieber keinen Salat anbietet. Ein Eingriff in die Märkte erübrigt sich dann. Oder vielmehr: Ein Eingriff des Staates oder sonstiger Interessengruppen würde überhaupt erst zu Problemen führen. Um beim Beispiel Arbeitslosigkeit zu bleiben: Würden diejenigen, denen der Marktlohn zu tief ist, einen höheren Mindestlohn zwangsweise durchsetzen können, würde das einerseits mehr Arbeitssuchende anziehen, während die Unternehmen dank den höheren Produktionskosten weniger Leute einstellen könnten. Die Arbeitslosigkeit würde zunehmen, doch diesmal nicht mehr als Resultat einer freien Entscheidung. Denn die Beschäftigten würden gerne für tiefere Löhne arbeiten, was sie aber bei Mindestlöhnen nicht dürften. In jedem Fall wäre es besser, die Märkte einfach spielen zu lassen.

Schon seine Kindheitserfahrungen lehrten Stiglitz, dass an dieser Theorie etwas nicht stimmen kann. Die Stahlmetropole Gary im US-Bundesstaat Indiana hatte alle paar Jahre mit grosser Arbeitslosigkeit zu kämpfen, auch grassierte dort rassistische Diskriminierung. Die Ökonomie jener Zeit schloss nicht nur unfreiwillige Arbeitslosigkeit als Problem aus, sondern ebenso Diskriminierung. Denn würde jemand bei gleicher Leistungsfähigkeit bloss wegen seiner Hautfarbe weniger verdienen, wären Arbitragegewinne möglich: Profitorientierte Arbeitgeber würden sich gegenseitig einen solchen günstigeren, aber normal leistungsfähigen Beschäftigten so lange durch Lohnzuschläge abjagen wollen, bis er am Ende wieder den gewöhnlichen Lohn für seine Leistung erhielte. Tiefere Löhne konnten also im Gleichgewicht nur die Antwort auf schlechtere Leistung sein. Diskriminierung galt auf die Dauer als ausgeschlossen. Diese Theorie widersprach dem, was Stiglitz um sich herum beobachtet hatte, doch war ihm damals noch nicht klar, wo genau der Fehler lag.

Die einzige ökonomische Theorie, die der Sicht der perfekten Märkte anfänglich noch entgegenstand, war jene von John Maynard Keynes (siehe BILANZ 2/2006). Nach ihm war die Gesamtnachfrage in einer Volkswirtschaft zuweilen zu gering, um alle Produktionsfaktoren – etwa die vorhandenen Arbeitskräfte – zu beschäftigen. Das führt dann zu Rezessionen. Nur ein Zuwachs der Staatsausgaben oder zusätzliches Geld durch die Notenbank konnte die fehlende Nachfrage wieder schaffen. Doch die Theorie von Keynes war, wie die Ökonomen es nennen, nicht «mikrofundiert». Sie konnte nicht mit dem Verhalten der Einzelnen auf den Märkten erklärt werden. Noch während sich die Wirtschaftspolitiker in der westlichen Welt mit Berufung auf Keynes intensiv in konjunktureller Feinsteuerung versuchten – was ihnen immer weniger gelang –, kam die ursprüngliche Theorie von Keynes innerhalb der Ökonomenzunft in Verruf. Spätestens ab den achtziger Jahren hatte der Keynesianismus seinen Einfluss auch auf die Politik verloren.

Von da an dominierte mit Präsident Ronald Reagan in den USA und Premierministerin Margaret Thatcher in Grossbritannien der Glaube an perfekte Märkte das politische Denken. Unter den forschenden Ökonomen jedoch hatten die Arbeiten von Stiglitz und anderen zur selben Zeit dieser Ideologie bereits die Grundlage entzogen.

Anhand von Informationsproblemen hat Stiglitz nicht nur gezeigt, weshalb Märkte in der Praxis oft nicht funktionieren, er konnte zudem eine Menge Phänomene erklären, die zuvor den Ökonomen Rätsel aufgegeben hatten. Auf die Arbeitsmärkte bezogen, zeigte die Praxis, dass Firmen, anders, als es die Markttheorie annimmt, auch dann bei Absatzproblemen die Löhne nicht senken, wenn Gewerkschaften schwach oder überhaupt nicht vorhanden sind und auch wenn der Staat sich aus den Arbeitsmärkten heraushält. Ausserdem zeigt sich, dass Unternehmen vielfach ganz ohne äusseren Druck höhere Löhne als die marktüblichen bezahlen. Bei Arbeitslosigkeit ergreifen Firmen selten die Gelegenheit, Leute zu tieferen Löhnen zu beschäftigen, obwohl das doch offensichtlich ihre Kosten und zudem die Arbeitslosigkeit vermindern würde.

Asymmetrische Informationen liefern die Erklärung: Die Unternehmen können ihre Beschäftigten deshalb nicht mit Lohnsenkungen oder -erhöhungen für ihre produktive Leistung bestrafen oder belohnen, weil sie vielfach gar nicht wissen, wie produktiv ihre Beschäftigten wirklich sind beziehungsweise sein könnten. Sie können noch nicht einmal alle Tätigkeiten, die sie vom Arbeitnehmer im Detail erwarten, umfassend im Arbeitsvertrag regeln. Es hängt daher auch vom guten Willen eines Beschäftigten ab, ob er das Maximum für seine Firma leistet oder nur gerade jenes Minimum, das seine Chefs wahrnehmen können. Ein Lohn, der höher ist als der reine Marktlohn, gibt dem Beschäftigten einen Anreiz, mehr zu leisten. Denn verliert er den Job, verliert er auch diesen Aufschlag. Beim Marktlohn hat er wenig zu verlieren, denn diesen würde er bei einem anderen Unternehmen wieder verdienen. Deshalb sind nicht nur die Beschäftigten, sondern auch die Firmen an höheren Löhnen als den marktüblichen interessiert. In die ökonomische Wissenschaft ist diese Betrachtung unter dem Begriff der «Effizienzlöhne» eingegangen.

Da die Unternehmer oft weder die Leistungsfähigkeit noch die tatsächliche Leistung ihrer Beschäftigten genau kennen, schrecken sie auch vor Lohnsenkungen zurück. Denn in diesem Fall müssten sie befürchten, dass die Leistungsfähigsten die Ersten wären, die gehen würden, während die weniger Produktiven verblieben. Stiglitz und die anderen Pioniere der asymmetrischen Informationen haben für eine solche Reaktion auf Preisanpassungen den Begriff der «Adverse Selection» geprägt. Ganz im Gegenteil zu dem, was die Theorie perfekter Märkte voraussagt, führen hier Preissignale nicht zu besseren, sondern zu schlechteren Resultaten auf Märkten.

Stiglitz wird unter den Ökonomen auch als Neo-Keynesianer bezeichnet. Mit ihren Überlegungen haben er und seine Kollegen dem Altmeister John Maynard Keynes zu neuer Ehre in der Ökonomenzunft und letztlich in der Wirtschaftspolitik verholfen. Ihre Theorien zu Effizienzlöhnen und Adverse Selection lieferten die zuvor fehlende Mikrofundierung, mit der eine Unterauslastung der Gesamtwirtschaft sowie Arbeitslosigkeit auch auf Märkten ohne staatliche Einmischung und ohne Gewerkschaftsmacht erklärt werden können. Bei Informationsproblemen haben weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer ein Interesse an Lohnsenkungen (die zu Marktanpassungen führen würden), beide sind dann nicht an der Beschäftigung bisheriger Arbeitsloser zu tieferen Preisen interessiert.

Über den Arbeitsmarkt hinaus hat Stiglitz für eine Reihe anderer wichtiger Märkte gezeigt, wie Informationsprobleme die Ergebnisse massgeblich beeinflussen. So in Kapital- und Versicherungsmärkten. In der alten Sichtweise der perfekten Märkte müsste es für jedes Risiko und jede Chance einen Preis geben. Risiken können durch Versicherungen oder durch den Kapitalmarkt abgesichert werden. Je höher ein Risiko ist, desto höher der Preis für die Absicherung. Wo echte Chancen auf künftige Gewinne bestehen, müsste sich ebenfalls stets ein Kapitalgeber finden, der die nötigen Mittel vorstreckt. Doch Versicherungs- und Kapitalanbieter kennen die Risiken und Chancen meist weniger gut als die Nachfrager. Letztere haben zudem erstens einen Anreiz, ihre Situation besser zu präsentieren, als sie ist, und zweitens kann sie die Absicherung – sind sie einmal versichert – dazu verleiten, auf Kosten von Kapitalgebern oder Versicherungen höhere Risiken einzugehen. Stiglitz und seine Kollegen haben dafür den Begriff des «Moral Hazard» geprägt. Das ist der Anreiz, nach einer Absicherung grössere Risiken einzugehen.

Ein weiteres Problem auf Märkten ergibt sich bei Spezialisten aller Art. Anwälte, Ärzte oder Manager werden von Klienten, Patienten oder Aktionären gerade deshalb engagiert, weil sie besser informiert sind. Doch wieso sollten diese Spezialisten nicht ebenfalls an ihrem eigenen Vorteil interessiert sein? Diesen können sie auf Kosten ihrer Auftraggeber verfolgen. Welcher Klient kann schon beurteilen, ob die Leistung seines Anwalts den bezahlten Preis wert ist? Welcher Patient weiss schon, ob die verordnete Behandlung auch wirklich nötig ist? Und welcher Aktionär kann beurteilen, ob ein Manager die Millionen auch wert ist, die er und die anderen Aktionäre ihm bezahlen? Für Probleme dieser Art haben die Ökonomen den Begriff der «Prinzipal-Agenten-Theorie» geprägt. Die beauftragten Spezialisten sind die Agenten, die Auftraggeber die Prinzipale.

In seiner Forschung hat sich Stiglitz stets am ökonomischen Menschenbild des Homo oeconomicus orientiert, gemäss dem jeder Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten und unabhängig von den anderen rational seinen Nutzen zu maximieren trachtet. «Erst heute ist es möglich, selbst dieses Dogma in Frage zu stellen», sagt Stiglitz im Auto. Einer genaueren Erforschung des menschlichen Verhaltens, der Zusammenarbeit von Ökonomie, Psychologie und selbst Neurologie gehört die Zukunft der Wirtschaftswissenschaften.

Stiglitz und seine Kollegen haben sich bis auf die mathematische Modellierung noch strikt am hergebrachten Werkzeugkasten der Ökonomen orientiert. Aber ihr Vorgehen war neu. Im Unterschied zu ihren Vorgängern haben sie sich mit den Vorgängen auf realen Märkten auseinander gesetzt, um daraus dann allgemeine ökonomische Gesetzmässigkeiten abzuleiten. Zuvor ging man gerade umgekehrt vor: Die Lehre der perfekten Märkte wurde der Realität übergestülpt, und was nicht dazu passte, galt es wegzutheoretisieren.

Die beste theoretische Beschreibung perfekter Märkte stammt von den beiden Nobelpreisträgern Kenneth J. Arrow und Gerard Debreu. In ihrem mathematischen Modell zeigen sie exakt auf, unter welchen Bedingungen Märkte diejenigen Wohltaten erbringen, für die Ökonomen seit Adam Smith derart ins Schwärmen kommen. Im Kern ist ihr Modell eine Weiterentwicklung des allgemeinen Gleichgewichtsmodells von Léon Walras (siehe BILANZ 1/2006), man nennt das Modell deshalb zuweilen auch «Arrow-Debreu-Walras-Modell». Stiglitz hat sich an den Bedingungen für das Funktionieren dieses perfekten Marktgleichgewichts orientiert und untersucht, was passiert, wenn diese auch nur wenig vom Ideal abweichen. «Wir haben das Modell damals ernster genommen als jene, die von der Möglichkeit perfekter Märkte überzeugt waren», sagt er, «und wir haben gezeigt, dass allein die Informationsprobleme dieser Überzeugung die Basis entziehen.» Heute gehören die Theorien von Stiglitz und den anderen Informationsökonomen zum Stoff, den alle Studierenden der Ökonomie zu büffeln haben.

Doch die Erkenntnisse von Stiglitz führen keineswegs zum Resultat, dass Märkte grundsätzlich nicht funktionieren und staatliche Eingriffe stets besser sind. Auseinandersetzungen, die sich bloss um die Pole von «mehr Staat» oder «mehr Markt» drehen, haben für Stiglitz «nichts mehr mit einem vernünftigen Diskurs» zu tun. «Die modernen ökonomischen Modelle sind komplizierter geworden und zumeist stark von konkreten Umständen in einem Land oder einer Entscheidungssituation abhängig», erklärt Stiglitz, während die Limousine am Walensee entlangfährt. Die Komplexität des modernen ökonomischen Denkens überfordere allerdings die Politik: «Deshalb tut man dort die modernen ökonomischen Erkenntnisse als schöne theoretische Modelle ab und geht zurück zur Welt der perfekten Märkte ohne Informationsprobleme», erklärt er weiter, «eine solche Welt – so realitätsfern sie ist – versteht man einfacher, und alle haben eine klare Vorstellung davon, was richtig und was falsch ist.»

Aus diesen Worten am Ende der gemeinsamen Fahrt lässt sich der Frust erahnen, den Stiglitz als Mitglied der Clinton-Administration oder bei der Weltbank und dem IWF empfunden haben muss. Sein Leben lang hat er erforscht, was es braucht, damit wirtschaftliche Rezepte funktionieren. Und hier, an den Schalthebeln der wirtschaftlichen Macht, wird all dieses Wissen aus ideologischen Gründen und unter dem Druck von Sonderinteressen missachtet. Es werden Rezepte angewandt, von denen Stiglitz überzeugt war, dass sie scheitern würden. Doch mit diesem Frust müssen Forscher leben, die mit ihren Ergebnissen alte Dogmen aufbrechen: Man hat die Welt auch noch für eine Scheibe gehalten, als bereits bewiesen war, dass sie eine Kugel ist.

Die Hauptwerke

Whither Socialism?

Dieses im wissenschaftlichen Jargon verfasste Werk enthält die wichtigsten Erkenntnisse von Stiglitz. Anlass des Buches war die nach dem Fall der Berliner Mauer wieder populär gewordene Idee einer sozialistischen Marktwirtschaft. Stiglitz zeigt, dass diese Idee auf denselben Irrtümern über das Funktionieren von Volkswirtschaften beruht wie die Theorie der perfekten freien Märkte.

Die Schatten der Globalisierung

Zu den Werken, die seinen Ruhm begründet haben, gehört dieses Buch nicht. Dennoch ist es sein meistgelesenes. Stiglitz hat es nach seiner Zeit bei der Weltbank geschrieben und gibt hier der Frustration über die Politik des Internationalen Währungsfonds und des US-Finanzministeriums Ausdruck. Diese verfolgten mehr die Interessen der Wall Street als jene der Dritten Welt.

Wichtigste Bücher von Stiglitz

«Economic Role of the State» (1989).
«Whither Socialism?» (1994).
«Economics of the Public Sector» (3. Auflage 2000, Lehrbuch).
«Economics» (3. Auflage 2002, mit Carl Walsh, Lehrbuch).
«Globalization and its Discontents» (2002).
«Principles of Microeconomics» (3. Auflage 2002, mit Carl Walsh, Lehrbuch).
«The Roaring Nineties» (2003).
«Towards a New Paradigm in Monetary Economics» (2003, mit Bruce Greenwald).
«Fair Trade for All» (2005, mit Andrew Charlton).

Mit diesem Beitrag endet die neunteilige BILANZ-Serie über Ökonomen.

www2.gsb.columbia.edu/faculty/jstiglitz/

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