Das passt zu einer ganz bestimmten Entwicklung, die gerade im Gang ist: Vermehrt wenden sich Schweizerinnen und Schweizer von US-Produkten und -Dienstleistungen ab β und heimischen zu. Swissness ist Trend. Das zeigt sich bei den hiesigen Unternehmen.
Die ZΓΌrcher Vicollective AG, die Vivi Kola herstellt, schreibt auf Anfrage von einer Β«wachsenden NachfrageΒ». Bei Goba AG heisst es, dass Goba Cola und Goba Cola Zero derzeit zu den Β«am stΓ€rksten wachsenden ProduktenΒ» des Sortiments gehΓΆrten. Vor allem bei Freizeitanlagen, in der Hotellerie und Restaurants nehme das Interesse stark zu. Und der Sprecher der Twint AG sagt, dass das Schweizer Zahlungssystem Β«in den ersten Monaten des Jahres stark gewachsenΒ» sei. Twint wurde im stationΓ€ren Handel β also in den LΓ€den β rund 26 Prozent hΓ€ufiger genutzt als im Vorjahr. Wie der Sprecher vermutet, auch deshalb: Mit der Onlinezahlmethode aus der Schweiz fΓΌhlen sich die Leute unabhΓ€ngiger von den globalen Tech-Akteuren.
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Die explosive geopolitische Lage, der willkΓΌrliche US-PrΓ€sident, die mΓ€chtigen US-Techies β all das schΓΌrt Groll, schΓΌrt Verunsicherung.
Heimische Produkte geben Sicherheit
Marcel Zbinden, Dozent fΓΌr Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Luzern, hat wΓ€hrend der Corona-Pandemie zu Swissness geforscht. FΓΌr ihn macht es Sinn, dass diese gerade jetzt wieder aufflammt, er sagt: Β«In solchen Zeiten sind den Menschen Werte wie Sicherheit und Vertrauen extrem wichtig.Β»
Die Psychologie kennt das PhΓ€nomen. Forscher haben beobachtet: Kleinkinder, die von den Eltern nicht genug Geborgenheit erfahren, trauen sich nicht, auf eigene Faust die Umgebung zu erkunden, neue Erfahrungen zu sammeln. Γhnlich ist es bei Erwachsenen, sagt Zbinden. Β«Je verunsicherter wir sind, desto mehr ziehen wir uns ins Schneckenhaus zurΓΌck.Β» Wir halten uns mehr an Vertrautes. An Lokales.
Das ist eine ErklΓ€rung. Eine andere gilt laut Zbinden vor allem fΓΌr den Boom der Schweizer Cola-Sorten. Dabei kommt die Moral ins Spiel. Tun wir etwas, was unseren moralischen Vorstellungen widerspricht, fΓΌhrt das zu einem inneren psychischen Konflikt. Um diesen aufzulΓΆsen, suchen wir eine Entschuldigung fΓΌr unsere Tat. Kaufen wir eine teure Uhr oder fliegen wir in die Ferien, kann man sich gut sagen: Das ist ja eine Ausnahme, ist nicht so schlimm! Bei Dingen, die man ΓΆfter macht, Essen, Trinken, klappt das SchΓΆnreden weniger gut. Man verhΓ€lt sich eher moralisch korrekt. Die Folge: Wollen wir ein Zeichen gegen die Regierung Trump setzen, schlΓΌrfen wir Vivi Kola.
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Vivi Kola / Webshot
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Doch Swissness, die aktuelle Welle, das fing schon vor Trumps Amtseinsetzung an. Beide angefragten Schweizer Lokal-Cola-Hersteller betonen das. Die Leute achteten seit einer Weile mehr auf die Herkunft als auf den Preis, sagt Goba-CEO Kurt Widmer. Β«Zu wissen, woher das Produkt stammt, und einen Bezug zu diesem Ort zu haben, ist wichtiger geworden.Β» Und Vicollective-CEO Ramon Schalch beobachtet, dass der Trend hin zu lokalen, nachhaltigen und natΓΌrlichen Produkten Β«mehr und mehr zur BewegungΒ» wird.
Coop, Denner und Co. waren frΓΌh dran
Das haben jene frΓΌh erkannt, die uns tΓ€glich mit AlltΓ€glichem versorgen: die grossen EinzelhΓ€ndler.
Aus gutem Grund. Sie haben aus der Schweizer Geschichte gelernt. Aus jener Zeit, als man die Schweiz zur Marke machte. Die Zwischenkriegszeit.
Tells Armbrust
Am Anfang steht β wenig ΓΌberraschend β Wilhelm Tells Armbrust. Als Friedrich Schiller die Geschichte 1803 aufschreibt, weiss er noch nicht, dass aus der Waffe hundert Jahre spΓ€ter etwas ganze Grosses wird. FΓΌr nichts weniger als die Schweiz sollte sie stehen.
1917 taucht die Armbrust zum ersten Mal als Symbol auf. Zum schweizerischen Ursprungszeichen wandelt sie sich nach dem Ersten Weltkrieg. Anstoss gibt die internationale Wirtschaftskrise, die die Schweiz erfasst. Die Betriebe darben. Die BevΓΆlkerung soll unbedingt mehr Schweizer Waren kaufen, so wollen es die Industriellen und grΓΌnden 1931 die sogenannte Zentralstelle. Sie soll den inlΓ€ndischen Absatz fΓΆrdern. Dazu muss man wissen: Noch um 1900 wΓ€re der Appell, Schweizer GΓΌter zu kaufen, der BevΓΆlkerung ziemlich exotisch erschienen β so offen war die hiesige Volkswirtschaft zu jener Zeit.
Plakatsammlung Museum fΓΌr Gestaltung ZΓΌrich
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Die Zentralstelle wiederum macht aus der Armbrust ein QualitΓ€tslabel fΓΌr Schweizer GΓΌter. Jede Seife, jeder KΓΌchenschΓ€ler mit dem Symbol darauf ist fortan mit den typischen Schweizer Werten verknΓΌpft: BodenstΓ€ndigkeit, Naturverbundenheit, Sauberkeit, ZuverlΓ€ssigkeit, PΓΌnktlichkeit, StabilitΓ€t, kulturelle Vielfalt.
Die Marke Schweiz ist Gold wert
Auch wenn die Armbrust heute fast verschwunden ist, all das schwingt mit, wenn wir in einen Apfel aus dem Thurgau beissen. Oder Schoggi und KΓ€se ins Ausland exportieren. Die Marke Schweiz schenkt ein β laut dem Staatssekretariat fΓΌr Wirtschaft jΓ€hrlich 1,4 Milliarden Franken. Die Marke Schweiz ist wie Gold, man will es schΓΌtzen.
Das tut die Swissness-Gesetzgebung, 2017 ist sie in Kraft getreten. Sie schreibt vor: Bei Lebensmitteln mΓΌssen 80 Prozent der Rohstoffe aus der Schweiz stammen, bei Milchprodukten 100 Prozent. Bei anderen Waren mΓΌssen mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen. Wer sich nicht daran hΓ€lt β egal, ob AuslΓ€nder oder Hiesige β der darf nicht mit der Schweiz werben. Gnade gibt es kaum.
Vergangenes Jahr hat die Schweizer Eishockey-Nati fast ihr Schweizerkreuz auf den Trikots verloren. Nur weil sie die Sonderbewilligung zu spΓ€t beantragt hat, wie es das wegen der Swissness-Gesetzgebung revidierte Wappengesetz vorsieht. Und seit 2023 fehlt auf der Toblerone das ikonische Matterhorn, weil der Snack-Riese Mondelez viel von der Produktion in die Slowakei verlegt hat. Nun krebst der Konzern gerade wieder zurΓΌck. Er will die Produktion in Bern ausbauen. Das heisst: Er darf wieder mit unserem Land werben. Erstmals soll sogar das Schweizerkreuz auf die hier produzierte Toblerone kommen.
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Wer weiss, vielleicht ist sie dann das nΓ€chste Produkt, das nach Vivi Kola, Goba Cola und Twint bei uns boomt.