Das Start-up Circleg entwickelt Prothesen für Menschen, die keinen Zugang dazu haben. Eine Geschichte über den Mut zur Naivität, Schweizer Engineering und echte Langlebigkeit.
Der Kontrast könnte kaum grösser sein. Hier die sauberen Werkbänke in Zürich, Tausende Kilometer entfernt die staubigen Strassen von Nairobi, Kenia. Für Simon Oschwald, Mitgründer von Circleg, sind diese Welten untrennbar miteinander verbunden. Sein Team produziert keine Lifestyle-Produkte, sondern Prothesenkomponenten. Sie sind das Ergebnis eines radikalen Umdenkens in Sachen Kreislaufwirtschaft – und einer steilen Lernkurve.
Die Illusion vom Abfall-Bein
Wer über zirkuläres Design spricht, landet oft bei der romantischen Vorstellung, man müsse nur genug Plastikmüll einsammeln, um daraus neue Produkte zu erschaffen. Circleg ist diesen Weg konsequent gegangen – und hat ihn korrigiert. «Ein Teil unserer frühen Produktentwicklung basierte auf der Idee, Prothesen aus rezyklierten Kunststoffen herzustellen», erklärt Simon Oschwald. Man sammelte und rezyklierte in Nairobi. Doch eine Lebenszyklusanalyse brachte die Ernüchterung: Bauteile aus Primärkunststoff hielten deutlich länger.
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Für ein Start-up, das langlebige Mobilität garantieren muss, war dies ein Wendepunkt. «Heute setzen wir dort, wo es sinnvoll ist, auf Materialien, die die höchste Lebensdauer und Zuverlässigkeit ermöglichen», so Oschwald. Kreislaufwirtschaft bedeute bei Circleg seither weit mehr als die blosse Materialwahl. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz: «Unser Fokus liegt auf langlebigem Design, Reparierbarkeit und dem Mitdenken von Materialkreisläufen über den gesamten Lebenszyklus hinweg.»
Dabei wird der ökologische Kreislauf nicht isoliert betrachtet, sondern ist Teil eines grösseren Gesamtbildes, genauso wie der soziale Impact. «In der Praxis bedeutet das, dass wir kontinuierlich Abwägungen treffen. Entscheidungen entstehen selten entlang eines einzelnen Kriteriums, sondern im Zusammenspiel von Qualität, Zugänglichkeit, Langlebigkeit und Wirtschaftlichkeit», erklärt Oschwald. Für Circleg geht es darum, ein inklusives Modell zu verfolgen, das ökonomischen Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung als gegenseitige Verstärkung begreift. In einem Marktsystem, das oft primär auf Effizienz und kurzfristige finanzielle Rendite ausgerichtet ist, erfordere dieser Weg eine klare Wertebasis, Disziplin in strategischen Entscheidungen und die richtigen Partnerinnen und Partner.
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Wo das System an seine Grenzen stösst
In der Schweiz bewegen wir uns in etablierten Infrastrukturen für Rücknahme, Recycling und Qualitätssicherung. In vielen Regionen Ostafrikas sieht die Realität anders aus, denn solche Systeme sind dort nicht existent oder erst im Aufbau. «Das bedeutet, dass gewisse Prozesse – etwa Materialkreisläufe oder Reparaturnetzwerke – nicht einfach übernommen, sondern neu gedacht und lokal angepasst werden müssen», weiss Oschwald. Darin sieht er jedoch nicht nur Hindernisse, sondern auch Gestaltungsspielräume: «Wir können Strukturen von Grund auf mitentwickeln und stärker auf die tatsächlichen Bedürfnisse vor Ort ausrichten.»
Das Unternehmen
Das 2018 aus einem ZHDK-Projekt entstandene Start-up Circleg entwickelt modulare Prothesen für Schwellenländer. Mit Hauptsitz in Zürich sowie einem Produktions-Hub in Nairobi (Kenia) verbindet das Team Schweizer Engineering mit sozialem Impact. Im Fokus steht ein ganzheitlicher zirkulärer Ansatz: Durch extreme Langlebigkeit und lokale Reparierbarkeit fördert Circleg die Mobilität und wirtschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Für seine Pionierarbeit wurde das Unternehmen, das derzeit in rund zehn Ländern in Afrika und Lateinamerika aktiv ist, mehrfach ausgezeichnet und plant 2026 die globale Skalierung über eine neue Finanzierungsrunde.
Dabei macht das Start-up keine Kompromisse bei der Sicherheit. Als ISO-zertifiziertes Unternehmen gelten überall dieselben hohen Standards. Die Herausforderung besteht darin, technologische Sorgfalt mit der nötigen Flexibilität vor Ort in Einklang zu bringen. Das Bewusstsein für die «zirkuläre Herkunft» ist dabei vor Ort noch kein Verkaufsargument. Im Gegenteil: «In vielen Märkten wird sie eher noch mit geringerer Qualität verbunden», gesteht Oschwald. Was zählt, ist der konkrete Nutzen: «Reparierbarkeit und Langlebigkeit. Diese Aspekte sind unmittelbar spürbar, reduzieren Folgekosten und erhöhen die Verlässlichkeit im täglichen Leben.»
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Dass ein solches Projekt in Zürich flügge wurde, ist kein Zufall. Die Schweiz bietet ein dichtes Netz an Know-how; Circleg arbeitet eng mit Hochschulen wie der ZHDK oder der ETH zusammen. Oschwald betont, dass sie mehr exportieren als nur reines Engineering: «Wir exportieren somit kein starres Modell, sondern einen systemischen Lösungsansatz – eine Denkweise, die darauf ausgerichtet ist, Probleme durch intelligentes Design statt durch hohen Ressourceneinsatz zu lösen.»
Doch Strategie und Engineering allein reichten nicht aus. Im Nachhinein betrachtet war es vielleicht gerade auch eine gewisse Unbedarftheit, die den Erfolg ermöglichte. «Wir sind mit einer grossen Portion Naivität an das Vorhaben herangegangen», erinnert sich Simon Oschwald. «Wir wussten sehr wenig und haben unterschätzt, wie viel Zeit, Ressourcen und Abstimmung ein solches Unternehmen tatsächlich erfordert.» Doch genau diese ursprüngliche Offenheit war der Treibstoff, um überhaupt loszulegen, Dinge auszuprobieren und Unsicherheiten zu akzeptieren. «Rückblickend war genau diese Kombination entscheidend: Genug Struktur, um konsequent voranzukommen, und genug Unvoreingenommenheit, um überhaupt zu starten.»
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