Der klassische Gipfelwein gilt vielen heute als veraltet oder gefährlich. Doch mit seinem Rückzug droht auch ein Stück alpines Wir-Gefühl verloren zu gehen.
Tina Fischer
Bier, Drinks und Wein, so soll es sein. Wir stossen an.Tessy Ruppert
Sie sind selten geworden, aber es gibt sie noch: die Ur-Wanderer. Die mit den schweren Lederschuhen und roten Socken, den karierten Hemden und abgewetzten Mammut-Rucksäcken. Oben angekommen, öffnen diese Ur-Wanderer die Rucksäcke und servieren Salsiz und Käse auf einem Brettli. Dazu zaubern sie schwere silberne Zinnbecher hervor und entkorken zur Feier des Tages den Gipfelwein. Wenn die Zinnbecher dann dumpf aneinanderstossen, blicken andere Wanderer und Bergläuferinnen neidisch auf diese Genussrunde und wünschen sich insgeheim, dass auch sie einen Schluck Rotwein bekämen.
Doch den wenigsten wäre es zu Hause in den Sinn gekommen, Gläser und eine Flasche Wein einzupacken. Der Gipfelwein scheint ein Relikt. Im Zug des Rückgangs des Weinkonsums verschwindet leider auch diese Tradition.
Dabei hat sie eine lange Geschichte: Die ersten «Gipfelbücher» in den Alpen – allen voran im österreichischen Raum – waren keine Bücher, sondern Weinflaschen, in denen man das eigene Visitenkärtli hinterlegen konnte. «Ich, Weinkolumnistin Tina Fischer, war bereits hier oben.» Wie die Flaschen dabei auf den Gipfel gelangten – mit Wein oder bereits ausgetrunken –, ist nicht überliefert.
Heute hat das Gipfelbuch die Weinflasche und das isotonische Getränk den Gipfelwein abgelöst. Viel lieber erklimmen Berggängerinnen und -gänger möglichst viele Gipfel und jagen den nächsten KOM (King of the Mountain). Solche Ziele lassen sich nicht mit Alkohol vereinbaren. Und irgendwie ist der Rückgang auch sonst verständlich: Alkohol und Berge sind eine gefährliche Kombination. Der Luftdruck sinkt, der Sauerstoff wird knapper, und der Alkohol fährt schneller ein. Eine unglückliche Mischung, wenn es neben dem Wanderweg steil in die Tiefe geht.
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Trotzdem haftet dem Gipfelwein ein Hauch Romantik an. Es geht darum, oben gemeinsam auf das Erreichte anzustossen, das Wir-Gefühl zu stärken und den Moment zu geniessen. Das geht im Rekordrausch unter. Und genau deshalb lasse ich gerne die Tradition wieder aufleben. Es geht darum, den Moment ins Zentrum zu stellen. Auf dem Gipfel innezuhalten und mit einem guten Tropfen das Erreichte zu feiern.
Die richtige Weinwahl ist dabei gar nicht so einfach: Der Wein wandert im Rucksack mit; bis zum Gipfel wird er durchgeschüttelt, und bei den aktuellen Temperaturen erwärmt er sich zudem. Ein Weisswein ist deshalb nur auf Skitouren die richtige Wahl. Ein leichter Rotwein bringt Abhilfe: wenig Holz, eine leichte Traube, viel Fruchtaromatik. Und lieber etwas mit weniger Volumenprozenten – man muss schliesslich wieder sicher runter. Ob der Wein dann aus dem Zinnbecher oder dem Plastikgläsli getrunken wird, spielt keine Rolle. Oben auf dem Gipfel – stolz auf das Erreichte und mit Blick auf die Alpen – schmeckt sowieso alles besser.
Hart an der Grenze von den Volumenprozenten her, dafür mit vollem Gipfelgenuss vor der Alpenkulisse: ein klassischer Beaujolais aus Frankreich. Er wird aus Gamay-Trauben gekeltert und verbringt kurze Zeit im grossen Holzfass. So erhält der Fleurie kaum Holznoten und überzeugt mit Beerenaromatik.
In dieser Kolumne schreiben Redaktor Michael Heim, Redaktorin Olivia Ruffiner und Autorin Tina Fischer alternierend über Bier, Wein und Drinks. Fischers Familie besitzt eine Weinhandlung.