Man muss es wohl als Pech bezeichnen, was Harry Hohmeister zum Ende seiner gut sechsjรคhrigen Amtszeit als Chef der Swiss widerfahren ist: Da ergibt sich gleich zweimal die Chance, ein neues Flugzeugmodell zu bestellen und in die Flotte zu integrieren โ ein Ereignis, das die Mehrzahl der Airline-Bosse auf der Welt niemals erleben darf. Hohmeister hat sowohl
das neue Schweizer Langstreckenflaggschiff Boeing 777 (ยซTriple Sevenยป) als auch den komplett neu entwickelten Kurzstreckenjet Bombardier C-Series geordert โ und durchaus erwartungsvoll auf die Neuankรถmmlinge hingefiebert. Doch dummerweise verpasst er nun den Arbeitsantritt des neuen Luftgeschwaders.
Die C-Series, ursprรผnglich fรผr 2014 erwartet, verspรคtet sich bis Mitte des laufenden Jahres, der erste von Boeings Grossraumfliegern landet Ende Januar in Zรผrich. Und Hohmeister hat sich vor wenigen Wochen nach Frankfurt verabschiedet; hier in der Lufthansa-Zentrale
wird er Oberboss der drei ยซPremiumยป-Airlines im Konzern: Lufthansa, Swiss und Austrian. Sein Nachfolger Thomas Klรผhr, bisher Leiter des Lufthansa-Drehkreuzes Mรผnchen, startet erst Anfang Februar; wรคhrend des Interregnums liegt das Chefzepter im Bรผro von Flugbetriebsleiter Rainer Hiltebrand, der kรผnftig das Training von Piloten und Crews konzernweit verantworten wird.
Drei Bosse in wenigen Wochen โ und die Boeing 777-300ER, wie sie genau heisst, wird auch noch einige kรผnftige Chefs der Swiss รผberleben. Dabei ist sie nicht einfach ein neues Arbeitspferd in der Flotte: Die erste der neun bestellten Boeings, die am 29.โJanuar in Zรผrich landet und wenige Tage spรคter die Arbeit aufnimmt, markiert eine echte Zeitenwende im Geschรคft der Schweizer Fluglinie.
Gรผnstige Umsteigertickets
Der Riesenvogel ist mit 74 Metern nicht nur fast zehn Meter lรคnger als der aktuelle Swiss-Langstreckenflieger Airbus A340-300, den die Boeing nach und nach ablรถsen wird, er hat auch 120 Sitze mehr an Bord. รber 100 davon stehen in der Economy-, der Rest in der Business-Klasse โ im Rรผckraum der Maschine steigt das Platzangebot schlagartig um zwei Drittel oder, anders gesagt, im Umfang eines kompletten Regionalflugzeugs.
Diese Sitze kann Kommerzchef Markus Binkert unmรถglich schon ab Markteinfรผhrung mit Schweizer Reisenden fรผllen, auch wenn ยซhier der Hauptfokus liegtยป. Werbung mit Billigangeboten und den Abverkauf der Sitze um jeden Preis schliesst Binkert aus, das vertrage sich nicht mit der Swissness โ er gibt aber zu, dass ยซwir in der Anfangsphase einen Teil der Zusatzkapazitรคten auch mit dem Via-Verkehr abdecken mรผssenยป. Das heisst: Anwerben von Umsteigern. Hier und da dรผrften also in den Buchungsmaschinen ungewohnt gรผnstige Swiss-Flugpreise auftauchen, um Langstreckenreisende aus dem Ausland zu รผberzeugen, ihre Ziele mit einer Swiss-Boeing via Zรผrich anzufliegen.
Mittelfristig ist jedoch Wachstum gefragt โ und das Potenzial ist vorhanden. Schliesslich glรคnzt die Swiss schon bislang auf Langstrecken mit hohen Auslastungsraten; diese Nachfrage will Binkert noch etwas ankurbeln. Darรผber hinaus wird Swiss auch vom grรถsseren Bauch der Boeing profitieren โ sie kann wesentlich mehr Nutzlast befรถrdern als der Airbus, und die Fracht im Untergeschoss der Flieger trรคgt immerhin rund zehn Prozent zu den Einnahmen bei.
Lange Zeit der Vorbereitung
Doch bevor die Vermarktung beginnen kann, hat der liebe Gott eine lange Zeit der Vorbereitung gesetzt. ยซVor รผber drei Jahren haben wir mit der Planung angefangenยป, sagt Operationschef Hiltebrand. Er verantwortet auch die Schulung des Personals โ die Besatzungen in Cockpit und Kabine mรผssen bereit sein, wenn die Flieger geliefert werden. Sechs der fest bestellten neun Maschinen treffen bis Ende Juli 2016 ein.
Fรผr diese sechs werden insgesamt 150 Piloten geschult, aktuell sind bereits 44 fertig ausgebildet, was zugleich bedeutet: Sie fallen fรผr die Airbusse aus. Wรคhrend der Swiss-Maschinenpark, von den Avro-Regionaljets abgesehen, bisher eine homogene Airbus-Flotte war, bei der die Piloten mit kleinen Einschrรคnkungen zwischen den verschieden grossen Fliegern kurzfristig wechseln konnten, geht das mit einer Mischflotte Airbus/Boeing nicht mehr. Damit erhรถht sich der Abstimmungsbedarf fรผr die Crewplanung, zudem kosten die Umschulungen Zeit und Geld.
Hiltebrand fรคngt das zum Teil mit einem angepassten ยซReservekonzeptยป auf, also dem Pikettdienst, der fรผr kurzfristig ausfallende Piloten einspringt. Die Zusatzausgaben beim Personal fรผr die Umstellung beziffert er auf einen einstelligen Prozentbetrag, die konkreten Kosten der Umschulung auf das neue Flugzeugmuster betragen pro Pilot rund 40'000 Franken. Bis ein Pilot wieder voll produktiv eingesetzt werden kann, verstreichen teilweise mehr als vier Monate.
Aufwendige Planungs- und Rechenarbeiten
Die Zeit des Flottenumbaus ist eine Zeit aufwendiger Planungs- und Rechenarbeiten. Nicht nur bei der Personalplanung, auch fรผr die Organisation der Reisewรผnsche der Kunden: Um eine Langstreckendestination stรคndig mit demselben Flugzeugtyp zu bedienen, benรถtigen Airlines, wie ein Aviatiker vorrechnet, je nach Entfernung zwei bis drei Maschinen.
Anfรคnglich wird Swiss also die Flugzeugtypen mischen mรผssen โ wenn aber einer 120 Sitze weniger als der andere mitbringt, kann es zu Engpรคssen kommen. In der รbergangszeit braucht es einen zweiten Satz Ersatzteile, der allein eine zweistellige Millionensumme kostet, und auch die Mechaniker mรผssen am neuen Gerรคt ausgebildet werden. Kostenmรคssig neutrale Teilflotten umfassen erfahrungsgemรคss mindestens acht, besser zehn Maschinen desselben Flugzeugtyps โ solange es weniger sind, weist eine homogene Flotte Kostenvorteile auf.
Boeing als deutlich grรถsseres KMU
Insgesamt sollen es bei der Swiss 15 Boeing 777 werden, exakt so viele also, wie die Airline derzeit Airbusse vom Typ A340 betreibt. Diese sind bereits 15 Jahre alt und mit vier Triebwerken bestรผckt; nur zwei Grรผnde, warum die 777-300ER gut 20 Prozent gรผnstiger zu betreiben ist โ gemessen an der zentralen Luftfahrts-Kenngrรถsse ยซKosten pro angebotenem Sitzplatz-Kilometerยป, in die alle Ausgabenposten wie Spritverbrauch oder Personalbedarf einfliessen.
Und das, obwohl die Boeing ein deutlich grรถsseres KMU ist als der Airbus, nicht nur punkto Platzangebot. Auch in Bezug auf Beschรคftigung ist mehr geboten. Neun bis zehn Besatzungen, so die Faustregel, finden auf einer Langstreckenmaschine Arbeit. Die Zahl der Piloten bleibt gleich (je nach Streckenlรคnge sind es zwei oder drei), verglichen mit dem A340 steigt aber in der grรถsseren Boeing-Kabine der Personalbedarf von 10 auf 14 Flugbegleiter โ pro Triple Seven werden 40 zusรคtzliche Jobs geschaffen.
Vergleichbar mit dem Umsatz eines KMU ist auch der Kaufpreis: Der aktuelle Listenpreis einer Boeing 777-300ER betrรคgt fast 340 Millionen Dollar. Der deutlich gรผnstigere A340 wird seit vier Jahren nicht mehr gebaut.
Schnรคppchenpreis
Swiss dรผrfte aber kaum den Listenpreis bezahlt haben โ in der Luftfahrt sind hohe Discounts ohnehin die Regel, und im Fall der 777-300ER kommt hinzu, dass Boeing bereits mit Hochdruck an den Nachfolgemodellen namens 777-X arbeitet. Sie sollen Ende des Jahrzehnts abheben โ ยซvorausgesetzt, dass alles pรผnktlich entwickelt und ausgeliefert wirdยป, gibt sich Hiltebrand skeptisch; mehrjรคhrige Verspรคtungen sind im Flugzeugbau die Regel.
Um die Werke auszulasten, wรคhrend viele Kunden das neue Modell abwarten, ist Boeing zu weiteren Rabatten gezwungen. Gemรคss Branchenschรคtzungen kรถnnte Swiss den Kaufpreis unter 180 Millionen Dollar, ziemlich sicher aber unter 200 Millionen gedrรผckt haben. Hiltebrand und Binkert geben den dazu รผblichen Kommentar ab: keinen.
Boeing-Order ยซein bisschen spรคtยป
Gรผnstige Preisgestaltung dรผrfte ein Teil der Erklรคrung sein, warum die Swiss einen Flugzeugtyp bestellt hat, der bereits am Ende seines Produktionszyklus angelangt ist. Dazu kommen konzernweite Synergien; auch Austrian und Lufthansa Cargo fliegen Triple Seven. Zudem muss sich Hiltebrand bereits bei der Bombardier C-Series auf Kinderkrankheiten gefasst machen โ die hat er bei der zuverlรคssigen Boeing nicht zu befรผrchten: ยซWir erwarten eine unkomplizierte Einfรผhrung und einen reibungslosen Betrieb.ยป Letztlich brauchte er den neuen Flieger zรผgig, die 777-X und der รคhnlich grosse Airbus A350-1000 kommen schlicht zu spรคt.
Thomas Jaeger, Chef der Branchenberatung CH-Aviation, bestรคtigt, auch ihm komme die Boeing-Order ยซein bisschen spรคt vorยป, andererseits sei die 777-300ER kostenseitig ยซdas attraktivste fliegende Langstreckenflugzeugยป. Und so wird Swiss ihrem Lieferanten Airbus seit vielen Jahren erstmals untreu.
Eine Handvoll Chefs fรผr ein einziges Flugzeug
Zunรคchst, im Februar, wird die Boeing aber Ziele wie Genf, Hannover, Frankfurt oder London ansteuern: Die Piloten mรผssen mรถglichst schnell Starts und Landungen รผben kรถnnen. Erste lรคngere Flรผge sind Richtung New York und Montreal geplant, wo bei Technikproblemen schnell reagiert werden kann. Im Liniendienst wird die erste Boeing 777 dann vor allem die Strecken nach Bangkok, Hongkong und Los Angeles bedienen.
Am 29.โJanuar soll das neue Swiss-Flaggschiff mit der Immatrikulation HB-JNA (einen Namen gibt es noch nicht) in Zรผrich eintreffen. Hohmeister, Klรผhr, Hiltebrand und Binkert werden dabei sein. Eine Handvoll Chefs fรผr ein einziges Flugzeug โ das zeigt, welche Bedeutung fรผr Swiss diese Landung hat.