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Flotte

Das Flaggschiff der Swiss ist gewachsen

Am Freitag stellt die Swiss die erste von 15 Boeing 777 in Dienst. Dabei ist sie nicht einfach ein neues Arbeitspferd in der Flotte: Sie markiert eine Zeitenwende und eine Verpflichtung zum Wachstum.

Dirk-Ruschmann

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Ein kleines KMU im Swiss-Konzern: die neue Boeing 777-300ER.Β Β PR RMS

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Man muss es wohl als Pech bezeichnen, was Harry Hohmeister zum Ende seiner gut sechsjΓ€hrigen Amtszeit als Chef der Swiss widerfahren ist: Da ergibt sich gleich zweimal die Chance, ein neues Flugzeugmodell zu bestellen und in die Flotte zu integrieren – ein Ereignis, das die Mehrzahl der Airline-Bosse auf der Welt niemals erleben darf. Hohmeister hat sowohl das neue Schweizer Langstreckenflaggschiff Boeing 777 (Β«Triple SevenΒ») als auch den komplett neu entwickelten Kurzstreckenjet Bombardier C-Series geordert – und durchaus erwartungsvoll auf die NeuankΓΆmmlinge hingefiebert. Doch dummerweise verpasst er nun den Arbeitsantritt des neuen Luftgeschwaders.
Die C-Series, ursprΓΌnglich fΓΌr 2014 erwartet, verspΓ€tet sich bis Mitte des laufenden Jahres, der erste von Boeings Grossraumfliegern landet Ende Januar in ZΓΌrich. Und Hohmeister hat sich vor wenigen Wochen nach Frankfurt verabschiedet; hier in der Lufthansa-Zentrale wird er Oberboss der drei Β«PremiumΒ»-Airlines im Konzern: Lufthansa, Swiss und Austrian. Sein Nachfolger Thomas KlΓΌhr, bisher Leiter des Lufthansa-Drehkreuzes MΓΌnchen, startet erst Anfang Februar; wΓ€hrend des Interregnums liegt das Chefzepter im BΓΌro von Flugbetriebsleiter Rainer Hiltebrand, der kΓΌnftig das Training von Piloten und Crews konzernweit verantworten wird.

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Drei Bosse in wenigen Wochen – und die Boeing 777-300ER, wie sie genau heisst, wird auch noch einige kΓΌnftige Chefs der Swiss ΓΌberleben. Dabei ist sie nicht einfach ein neues Arbeitspferd in der Flotte: Die erste der neun bestellten Boeings, die am 29. Januar in ZΓΌrich landet und wenige Tage spΓ€ter die Arbeit aufnimmt, markiert eine echte Zeitenwende im GeschΓ€ft der Schweizer Fluglinie.

GΓΌnstige Umsteigertickets

Der Riesenvogel ist mit 74 Metern nicht nur fast zehn Meter lΓ€nger als der aktuelle Swiss-Langstreckenflieger Airbus A340-300, den die Boeing nach und nach ablΓΆsen wird, er hat auch 120 Sitze mehr an Bord. Über 100 davon stehen in der Economy-, der Rest in der Business-Klasse – im RΓΌckraum der Maschine steigt das Platzangebot schlagartig um zwei Drittel oder, anders gesagt, im Umfang eines kompletten Regionalflugzeugs.
Diese Sitze kann Kommerzchef Markus Binkert unmΓΆglich schon ab MarkteinfΓΌhrung mit Schweizer Reisenden fΓΌllen, auch wenn Β«hier der Hauptfokus liegtΒ». Werbung mit Billigangeboten und den Abverkauf der Sitze um jeden Preis schliesst Binkert aus, das vertrage sich nicht mit der Swissness – er gibt aber zu, dass Β«wir in der Anfangsphase einen Teil der ZusatzkapazitΓ€ten auch mit dem Via-Verkehr abdecken mΓΌssenΒ». Das heisst: Anwerben von Umsteigern. Hier und da dΓΌrften also in den Buchungsmaschinen ungewohnt gΓΌnstige Swiss-Flugpreise auftauchen, um Langstreckenreisende aus dem Ausland zu ΓΌberzeugen, ihre Ziele mit einer Swiss-Boeing via ZΓΌrich anzufliegen.

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Mittelfristig ist jedoch Wachstum gefragt – und das Potenzial ist vorhanden. Schliesslich glΓ€nzt die Swiss schon bislang auf Langstrecken mit hohen Auslastungsraten; diese Nachfrage will Binkert noch etwas ankurbeln. DarΓΌber hinaus wird Swiss auch vom grΓΆsseren Bauch der Boeing profitieren – sie kann wesentlich mehr Nutzlast befΓΆrdern als der Airbus, und die Fracht im Untergeschoss der Flieger trΓ€gt immerhin rund zehn Prozent zu den Einnahmen bei.

Lange Zeit der Vorbereitung

Doch bevor die Vermarktung beginnen kann, hat der liebe Gott eine lange Zeit der Vorbereitung gesetzt. Β«Vor ΓΌber drei Jahren haben wir mit der Planung angefangenΒ», sagt Operationschef Hiltebrand. Er verantwortet auch die Schulung des Personals – die Besatzungen in Cockpit und Kabine mΓΌssen bereit sein, wenn die Flieger geliefert werden. Sechs der fest bestellten neun Maschinen treffen bis Ende Juli 2016 ein.
FΓΌr diese sechs werden insgesamt 150 Piloten geschult, aktuell sind bereits 44 fertig ausgebildet, was zugleich bedeutet: Sie fallen fΓΌr die Airbusse aus. WΓ€hrend der Swiss-Maschinenpark, von den Avro-Regionaljets abgesehen, bisher eine homogene Airbus-Flotte war, bei der die Piloten mit kleinen EinschrΓ€nkungen zwischen den verschieden grossen Fliegern kurzfristig wechseln konnten, geht das mit einer Mischflotte Airbus/Boeing nicht mehr. Damit erhΓΆht sich der Abstimmungsbedarf fΓΌr die Crewplanung, zudem kosten die Umschulungen Zeit und Geld.

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Hiltebrand fΓ€ngt das zum Teil mit einem angepassten Β«ReservekonzeptΒ» auf, also dem Pikettdienst, der fΓΌr kurzfristig ausfallende Piloten einspringt. Die Zusatzausgaben beim Personal fΓΌr die Umstellung beziffert er auf einen einstelligen Prozentbetrag, die konkreten Kosten der Umschulung auf das neue Flugzeugmuster betragen pro Pilot rund 40'000 Franken. Bis ein Pilot wieder voll produktiv eingesetzt werden kann, verstreichen teilweise mehr als vier Monate.

Aufwendige Planungs- und Rechenarbeiten

Die Zeit des Flottenumbaus ist eine Zeit aufwendiger Planungs- und Rechenarbeiten. Nicht nur bei der Personalplanung, auch fΓΌr die Organisation der ReisewΓΌnsche der Kunden: Um eine Langstreckendestination stΓ€ndig mit demselben Flugzeugtyp zu bedienen, benΓΆtigen Airlines, wie ein Aviatiker vorrechnet, je nach Entfernung zwei bis drei Maschinen.
AnfΓ€nglich wird Swiss also die Flugzeugtypen mischen mΓΌssen – wenn aber einer 120 Sitze weniger als der andere mitbringt, kann es zu EngpΓ€ssen kommen. In der Übergangszeit braucht es einen zweiten Satz Ersatzteile, der allein eine zweistellige Millionensumme kostet, und auch die Mechaniker mΓΌssen am neuen GerΓ€t ausgebildet werden. KostenmΓ€ssig neutrale Teilflotten umfassen erfahrungsgemΓ€ss mindestens acht, besser zehn Maschinen desselben Flugzeugtyps – solange es weniger sind, weist eine homogene Flotte Kostenvorteile auf.

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Boeing als deutlich grΓΆsseres KMU

Insgesamt sollen es bei der Swiss 15 Boeing 777 werden, exakt so viele also, wie die Airline derzeit Airbusse vom Typ A340 betreibt. Diese sind bereits 15 Jahre alt und mit vier Triebwerken bestΓΌckt; nur zwei GrΓΌnde, warum die 777-300ER gut 20 Prozent gΓΌnstiger zu betreiben ist – gemessen an der zentralen Luftfahrts-KenngrΓΆsse Β«Kosten pro angebotenem Sitzplatz-KilometerΒ», in die alle Ausgabenposten wie Spritverbrauch oder Personalbedarf einfliessen.
Und das, obwohl die Boeing ein deutlich grΓΆsseres KMU ist als der Airbus, nicht nur punkto Platzangebot. Auch in Bezug auf BeschΓ€ftigung ist mehr geboten. Neun bis zehn Besatzungen, so die Faustregel, finden auf einer Langstreckenmaschine Arbeit. Die Zahl der Piloten bleibt gleich (je nach StreckenlΓ€nge sind es zwei oder drei), verglichen mit dem A340 steigt aber in der grΓΆsseren Boeing-Kabine der Personalbedarf von 10 auf 14 Flugbegleiter – pro Triple Seven werden 40 zusΓ€tzliche Jobs geschaffen.
Vergleichbar mit dem Umsatz eines KMU ist auch der Kaufpreis: Der aktuelle Listenpreis einer Boeing 777-300ER betrΓ€gt fast 340 Millionen Dollar. Der deutlich gΓΌnstigere A340 wird seit vier Jahren nicht mehr gebaut.

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SchnΓ€ppchenpreis

Swiss dΓΌrfte aber kaum den Listenpreis bezahlt haben – in der Luftfahrt sind hohe Discounts ohnehin die Regel, und im Fall der 777-300ER kommt hinzu, dass Boeing bereits mit Hochdruck an den Nachfolgemodellen namens 777-X arbeitet. Sie sollen Ende des Jahrzehnts abheben – Β«vorausgesetzt, dass alles pΓΌnktlich entwickelt und ausgeliefert wirdΒ», gibt sich Hiltebrand skeptisch; mehrjΓ€hrige VerspΓ€tungen sind im Flugzeugbau die Regel.
Um die Werke auszulasten, wΓ€hrend viele Kunden das neue Modell abwarten, ist Boeing zu weiteren Rabatten gezwungen. GemΓ€ss BranchenschΓ€tzungen kΓΆnnte Swiss den Kaufpreis unter 180 Millionen Dollar, ziemlich sicher aber unter 200 Millionen gedrΓΌckt haben. Hiltebrand und Binkert geben den dazu ΓΌblichen Kommentar ab: keinen.

Boeing-Order Β«ein bisschen spΓ€tΒ»

GΓΌnstige Preisgestaltung dΓΌrfte ein Teil der ErklΓ€rung sein, warum die Swiss einen Flugzeugtyp bestellt hat, der bereits am Ende seines Produktionszyklus angelangt ist. Dazu kommen konzernweite Synergien; auch Austrian und Lufthansa Cargo fliegen Triple Seven. Zudem muss sich Hiltebrand bereits bei der Bombardier C-Series auf Kinderkrankheiten gefasst machen – die hat er bei der zuverlΓ€ssigen Boeing nicht zu befΓΌrchten: Β«Wir erwarten eine unkomplizierte EinfΓΌhrung und einen reibungslosen Betrieb.Β» Letztlich brauchte er den neuen Flieger zΓΌgig, die 777-X und der Γ€hnlich grosse Airbus A350-1000 kommen schlicht zu spΓ€t.

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Thomas Jaeger, Chef der Branchenberatung CH-Aviation, bestΓ€tigt, auch ihm komme die Boeing-Order Β«ein bisschen spΓ€t vorΒ», andererseits sei die 777-300ER kostenseitig Β«das attraktivste fliegende LangstreckenflugzeugΒ». Und so wird Swiss ihrem Lieferanten Airbus seit vielen Jahren erstmals untreu.

Eine Handvoll Chefs fΓΌr ein einziges Flugzeug

ZunΓ€chst, im Februar, wird die Boeing aber Ziele wie Genf, Hannover, Frankfurt oder London ansteuern: Die Piloten mΓΌssen mΓΆglichst schnell Starts und Landungen ΓΌben kΓΆnnen. Erste lΓ€ngere FlΓΌge sind Richtung New York und Montreal geplant, wo bei Technikproblemen schnell reagiert werden kann. Im Liniendienst wird die erste Boeing 777 dann vor allem die Strecken nach Bangkok, Hongkong und Los Angeles bedienen.
Am 29. Januar soll das neue Swiss-Flaggschiff mit der Immatrikulation HB-JNA (einen Namen gibt es noch nicht) in ZΓΌrich eintreffen. Hohmeister, KlΓΌhr, Hiltebrand und Binkert werden dabei sein. Eine Handvoll Chefs fΓΌr ein einziges Flugzeug – das zeigt, welche Bedeutung fΓΌr Swiss diese Landung hat.
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