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Carte Blanche

Nicht träumen, sondern rechnen

Die Schweiz kann sich keine romantische Energiepolitik leisten. Ein robustes System braucht mehrere Standbeine.

Pierre Bi

Pierre BI ist Gründer und CEO des Schweizer Cleantech-Start-ups Enshift und wurde jüngst mit dem renommierten Jungunternehmerpreis «SEF Award 2026» ausgezeichnet.
Pierre BI ist Gründer und CEO des Schweizer Cleantech-Start-ups Enshift und wurde jüngst mit dem renommierten Jungunternehmerpreis «SEF Award 2026» ausgezeichnet. PR

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Ich bin Maschinenbauingenieur. Wenn ein System ausfällt, frage ich nicht, welche Lösung politisch schöner klingt. Ich frage: Was funktioniert? Was nicht? Und was kostet es, wenn wir falschliegen? Die Schweiz betreibt Kernkraftwerke, die zu den ältesten der Welt gehören. Beznau I ging 1969 ans Netz. Ein Reaktor, der älter ist als die Mondlandung, trägt heute noch zur Grundlastversorgung eines der wohlhabendsten Länder der Erde bei. Kernenergie deckt derzeit rund 29 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs. Im Winter steigt dieser Anteil auf bis zu 50 Prozent. Das ist technisch bemerkenswert. Als langfristige Strategie ist es jedoch grob fahrlässig. Solarenergie wächst schnell und wird günstiger. Nur: Sonne scheint im Schweizer Winter wenig, und Nachfragespitzen entstehen genau dann, wenn es kalt und dunkel ist. Batteriespeicher können Stunden überbrücken, keine Wochen. Wer behauptet, Sonne und Wind würden die Grundlast alleine sichern, hat entweder die Physik nicht verstanden oder redet einem Wunsch das Wort.
Importe funktionieren, solange Nachbarländer Überschüsse haben. In einer europäischen Mangellage – die geopolitisch näher ist als noch vor zehn Jahren – kauft die Schweiz auf einem leeren Markt. Deutschland zeigt, was passiert, wenn Energiepolitik in Schritten entschieden wird, die je für sich vertretbar wirken, zusammen aber eine gefährliche Lücke aufreissen: Atomausstieg beschlossen, dann Gaskrise durch den Ukraine-Krieg, dann Kohlekraftwerke als Notreserve reaktiviert und AKW-Laufzeiten kurzfristig verlängert. Und am Ende trotzdem abgeschaltet, ohne gesicherten Ersatz. Eine Abfolge, die niemand so geplant hatte. Was folgt daraus? Ein robustes System braucht mehrere Standbeine. Wasserkraft als Rückgrat. Solar- und Windenergie so schnell wie möglich ausbauen. In Netze und Speicher massiv investieren. Und Kernenergie – nicht als Ideologie, sondern als nüchterne Frage: Können neue Anlagen sicher, finanzierbar und rechtzeitig gebaut werden? Das Neubauverbot beantwortet diese Frage nicht. Es verhindert, dass wir sie überhaupt stellen dürfen. Das ist kein politischer Mut, das ist Realitätsverweigerung mit Ablaufdatum. Die eidgenössischen Räte haben während der Sommersession in einer umstrittenen Abstimmung dem Ausstieg vom Atomausstieg zwar knapp zugestimmt. Das letzte Wort hat nun aber noch die Stimmbevölkerung.

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Soll die Schweiz auf Fusionskraftwerke oder Small Modular Reactors warten? Letztere sind vielversprechend: kleinere, modular baubare Reaktoren, die schneller errichtet werden könnten als konventionelle Grosskraftwerke. Aber kein einziger ist heute kommerziell in Betrieb. Wer heute auf Technologien setzt, die frühestens in 20 Jahren industriell verfügbar sind, plant nicht, er hofft. Und Hoffnung ist keine Planungsgrundlage. Dazu kommt eine Frage, die selten gestellt wird: Wer trägt die Konsequenzen? Die Entscheide, die wir heute treffen – oder vertagen –, bestimmen, welche Optionen der nächsten Generation noch offenstehen. Lange Planungs- und Bauzeiten bedeuten: Wer jetzt nicht prüft, hat in 20 Jahren nichts gebaut. Und wer dann noch immer auf Importe und Hoffnung setzt, hat schlicht nicht geplant.
Was jetzt gebraucht wird: das Neubauverbot aufheben. Kosten und Risiken nüchtern prüfen. Wer zahlt, wer haftet, wer liefert? Das sind die richtigen Fragen. Parallel dazu sollten wir erneuerbare Energien beschleunigen, Speicher fördern und Netze ausbauen. Kein Entweder-oder. Kein Glaubenskrieg. Nur Systemdenken. Die Schweiz kann sich keine romantische Energiepolitik leisten. Sie braucht eine, die hält. Und falls die Politik sich auch dazu nicht durchringen kann, dann sollte sie aufhören, von Energieunabhängigkeit zu reden. Dieses Land ist zu pragmatisch für Träume, die niemand umsetzt.

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