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Outsourcing: Chef im Osten

Küchenproduktion in Ungarn: Philipp Gerteis, Inhaber von Verpro.  PR

Auch Kleinstunternehmen lagern zunehmend ins Kostenparadies ­Osteuropa aus – mit gemischten Erfahrungen.

Von Jost Dubacher
28.04.2014

Vor fünf Jahren war Schluss: Philipp ­Gerteis musste einsehen, dass sich ­Küchen und Kunststofffenster in der Schweiz kaum mehr zu kosten­deckenden Bedingungen produzieren lassen. Der 47-jährige Berner Oberländer liquidierte seine Werkstatt und beteiligte sich als Minderheitsaktionär an einer Schreinerei im ­ungarischen Mohács.

«Der Deal funktionierte», erinnert sich Gerteis, «die Qualität der Lieferungen stimmte.» Er schlug seinem ein­heimischen Partner die Übernahme der Fabrik vor, und als der ablehnte, gründete er die Firma Verpro KFT in Szentes, 150 Kilometer südlich von Budapest. Dort hat er seither laufend ausgebaut. Dieser Tage nehmen seine aktuell sieben ungarischen Mitarbeiter eine neue Halle mit 1000 Quadratmeter Produktions­fläche in Betrieb.

In der Kleinstadt Szentes ist Gerteis als westeuropäischer Investor ein Exot. Seine nächsten Nachbarn aus dem ­Westen sind einige Dutzende Kilometer entfernt. Audi und Mercedes betreiben dort, umgeben von einer lokalen Zulieferindustrie, riesige Werke.

Wenige Kleinunternehmer

Der Fall ist typisch: In Osteuropa sind bisher vor allem die grossen und allenfalls noch die mittelgrossen Unternehmen aktiv. Ihre Investitionen generieren das Datenmaterial, das in die einschlägigen Statistiken einfliesst – und das in der Tat eindrücklich ist.

Der aktuelle «European Manufacturing Survey – Schweiz» zeigt, dass zwischen 2010 und 2012 rund 16 Prozent aller in der Schweiz befragten Industriebetriebe Arbeitsplätze ins Ausland verlegt haben. Zieldestination war in jedem dritten Fall Osteuropa. Unterdessen ­arbeiten rund zehn Prozent der auslän­dischen Beschäftigten der Schweizer Wirtschaft zwischen Balkan und Ostsee.

Ausserhalb der Statistik

Aber die SNB ­erhebt nur Investitionen jenseits der Zehn-Millionen-Franken-Schwelle; Firmen, die sich mit kleineren Beträgen engagieren, sind nicht meldepflichtig und deshalb statistisch gesehen irrelevant. Über deren Osteuropa-Akti­vitäten liegen auch Christian Hauser, Professor für ­Internationales Management an der HTW Chur, nur Indizien aus Unternehmensbefragungen vor. Für ihn ist immerhin klar: «Trotz erfolgreicher Beispiele sind die Firmen mit bis zu 50 Mitarbeitern am Produktionsstandort Osteuropa eher Nachzügler.»

Nicht wenige Kleinunternehmen ­unterhalten zwar eine Vertriebsniederlassung im Osten und arbeiten auch mit lokalen Lohnherstellern zusammen. Aber der Aufbau einer eigenen Fabrik ist vielen noch zu riskant – auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Daran ­ver­mögen auch der anhaltend starke ­Franken und die enormen Kostenvorteile im Osten nichts zu ­ändern.

Enorme Kostenvorteile bei Löhnen

In den durchschnittlichen Arbeits­kosten sind die Löhne und Nebenkosten von Arbeitskräften aller Qualifikationsstufen eingerechnet. Ungelernte Arbeitnehmer schlagen günstiger zu Buche, Hochschulabgänger sind teurer, aber immer noch ungleich günstiger als in der Schweiz.

Ein Hochschulabgänger mit Englisch- oder Deutschkenntnissen verdient in Polen ungefähr 30 Prozent dessen, was ein ähnlich qualifizierter Mitarbeiter in der Schweiz verlangen würde. Bei einer Führungskraft kann dieser Wert schnell auf 50 Prozent klettern.

Stabile Rechtsordnung

Zu leugnen ist die kulturelle Barriere zwischen Ost- und Westeuropa nicht. Aber sie werde kleiner, betont Aron Papp, Co-Präsident der Handelskammer Schweiz-Ungarn. Papp weibelt seit rund zehn Jahren für das Land, aus dem seine Eltern 1956 eingewandert sind: «Die EU-Mitglieder unter den Ländern Mittel- und Osteuropas verfügen unterdessen über eine stabile Rechtsordnung und eine gut ausgebaute Infrastruktur.»

Eine Einschätzung, der sich der ­Churer Professor Christian Hauser anschliesst. Doch gleichzeitig warnt der Mitautor eines Handbuchs für Direkt­investitionen in der Region: Ein Engagement in Osteuropa binde sehr viel ­Managementkapazität. «Die Kunden, Lieferanten und Behörden, aber auch die Mitarbeiter erwarten ganz einfach, dass man als Chef präsent ist.»

Premiumware zu mittleren Preisen

So wie Verpro-Chef Philipp Gerteis. Er weilt seit Monaten jede Woche mindestens einmal in Szentes. Die Reisezeiten – sechs Stunden von Tür zu Tür – nimmt er in Kauf; genauso wie vieles andere, an das er sich erst gewöhnen musste. 200'000 Franken hat er bisher investiert, und dieses Geld will er nicht aufs Spiel setzen.

Bei Verpro Ungarn wird Ende Mai ein Tag der offenen Tür stattfinden. Danach werden dort pro Woche rund ein Dutzend Küchen produziert.

Aber das ist erst der Anfang: «Bis in zwei, drei Jahren», sagt Gerteis, «will ich den Ausstoss verzehnfachen.» Zu den Absatzmärkten sollen neben der Schweiz auch die beiden EU-Länder Deutschland und Österreich gehören. Am Erfolg zweifelt Gerteis nicht: «Dank der Fertigung hier in Ungarn kann ich Premiumware zu mittleren Preisen anbieten.»

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