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Orange vs. Sunrise: Schattenboxen

Gegen die Swisscom kommen Sunrise und Orange seit Jahren nicht vom Fleck. Jetzt sollen es neue Chefs richten.

Marc Kowalsky

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Der Schwede Johan AndsjΓΆ (l.) und der gebΓΌrtige Slowene Libor Voncina. RMS

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Beide leiten einen Telekomanbieter. Beide haben ihren Chefposten in der Schweiz gerade erst angetreten. Beide sind hierzulande vΓΆllig unbekannt. Beide sollen einer Private-Equity-Gesellschaft zu einer hΓΆheren Rendite verhelfen. Beide ziehen dafΓΌr erst einmal einen Stellenabbau durch. Beide haben auf dem Markt gegen die Nummer eins seit Jahren keine Chance. Beide kΓΆnnen deshalb nur gewinnen, wenn der jeweils andere verliert.
Das ist die ungemΓΌtliche Ausgangslage fΓΌr Johan AndsjΓΆ, den neuen Orange-Chef, und fΓΌr Libor Voncina, den neuen Sunrise-Chef. Hier der 39-jΓ€hrige Schwede, der vom spanischen Billiganbieter Yoigo kam. Er hat vor allem strategische Probleme zu lΓΆsen. Dort der 50-jΓ€hrige Slowene, der den belgischen Anbieter BASE leitete und die letzten zwei Jahre als Berater unterwegs war, auch fΓΌr Sunrise. Er hat vor allem operative Probleme zu lΓΆsen: Β«Meine obersten PrioritΓ€ten werden sein, den Kundendienst und die NetzqualitΓ€t zu verbessernΒ», zΓ€hlt er auf.
Frustrierte Sunrise-Kunden. Da hat er einiges zu tun. Schon seit 2007 schneidet Sunrise, der zweitgrΓΆsste Schweizer Carrier, im Telekom-Rating der BILANZ jeweils klar unterdurchschnittlich ab, was den Kundendienst angeht. Damit nicht genug: Β«Die Beschwerden ΓΌber Sunrise haben letztes Jahr stark zugenommenΒ», sagt Doris Huber vom Beratungszentrum der Ombudszeitschrift Β«BeobachterΒ». Fehlerhafte Rechnungen, falsch vermerkte KΓΌndigungen, unklare ZustΓ€ndigkeiten, nicht eingehaltene Zusagen: Die Probleme in der Administration seien offensichtlich. Nun will Voncina alle wichtigen Prozesse im Kundendienst komplett neu aufstellen. Ein sehr komplexes Unterfangen – von einer Β«Reparatur des Wagens wΓ€hrend der FahrtΒ» spricht Sunrise-PrΓ€sident Dominik Koechlin.

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Den SchraubenschlΓΌssel ansetzen muss Voncina noch an einer anderen zentralen Stelle: dem Mobilfunknetz. Dessen QualitΓ€t hinkt der Konkurrenz weit hinterher; von allen in Europa verglichenen Anbietern landete Sunrise im Test der Fachzeitschrift Β«ConnectΒ» auf dem vorletzten Platz. Mit dem neuen LTE-Netz soll nun alles besser werden, verspricht Sunrise. Der Grund fΓΌr die Misere ist – ebenso wie beim Kundendienst – klar: Unter dem frΓΌheren Besitzer TDC schob man nΓΆtige Investitionen jahrelang auf und machte Sunrise attraktiv fΓΌr einen mΓΆglichen KΓ€ufer, aber nicht fΓΌr die Konsumenten. Die logische Folge: Kundenverlust. Die Abwanderung, im Branchenjargon Churn genannt, Β«war 2012 mindestens so gross wie der NeukundenzuwachsΒ», sagt ein Insider. Besonders im PrivatkundengeschΓ€ft hat das Spuren hinterlassen.
Immerhin sucht die Firma aktiv neue GeschΓ€ftsfelder, bietet Glasfaserdienste an und hat ein eigenes TV-Produkt lanciert. Auch wenn Letzteres eher der Kundensicherung dient denn als Cash Cow: Weil Swisscom und Cablecom das digitale Grundangebot gratis offerieren, kann auch Sunrise dafΓΌr kein Geld mehr verlangen.
Komplexes Portefeuille. Lukrativer ist der GeschΓ€ftskundenmarkt. Swisscom beherrscht ihn mit 80 Prozent Marktanteil – eine Dominanz, die jedem AnhΓ€nger der freien Marktwirtschaft TrΓ€nen in die Augen treibt. Sunrise ist – auch durch den Kauf von NextiraOne – Nummer zwei mit zehn Prozent. Doch manche Angebote in diesem Bereich hat Sunrise erst mal gestrichen: Β«Das Business-Portfolio von NextiraOne war viel zu komplexΒ», sagt Koechlin. Β«Wir reduzieren in einem ersten Schritt die Servicepalette, um spΓ€ter zu schauen, welche Dienste wir wieder dazunehmen, wenn wir das Grundangebot voll im Griff haben.Β» Ein Insider drΓΌckt es anders aus: Β«Man will sich von allem verabschieden, was in den nΓ€chsten drei Jahren keinen Ebitda-Beitrag erwarten lΓ€sst.Β»

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Der GeschΓ€ftskundenbereich leidet unter den stΓ€ndigen Managementwechseln – wer sich mit seiner ganzen Telekommunikation an einen Carrier bindet, hasst es, stΓ€ndig neue Ansprechpartner und andere AblΓ€ufe vorgesetzt zu bekommen. Voncina ist bereits der achte CEO in der 14 Jahre jungen Firmengeschichte. Sein VorgΓ€nger Oliver Steil tauschte die gesamte GeschΓ€ftsleitung aus, manche Positionen gleich mehrmals – Β«eine Unruhe, die sich durch das ganze System fortpflanztΒ» (ein Mitarbeiter). Erst wenn endlich StabilitΓ€t einkehrt, hat Sunrise wieder Wachstumschancen.
Es ist eine wenig komfortable Ausgangslage, die Voncina vorfindet, zweifellos. Aber die seines Kontrahenten Johan AndsjΓΆ ist noch viel ungemΓΌtlicher. Die Stellschrauben, die Sunrise als Vollanbieter wenigstens noch hat, fehlen Orange als reinem Mobilfunkanbieter. FΓΌr solche sehe er keine Zukunft, hΓΆhnte der sonst diplomatische Swisscom-Chef Carsten Schloter jΓΌngst in einem Interview mit dem Β«Tages-AnzeigerΒ», Β«hΓΆchstens in einer NischeΒ». Bundle-Pakete, etwa ein Mobilfunkabo kombiniert mit einem Festnetzanschluss und TV-Versorgung, kann AndsjΓΆ nicht schnΓΌren, und auch von wichtigen WachstumsmΓ€rkten wie Glasfaserangeboten bleibt seine Firma abgeschnitten. Ein grosser Nachteil. Selbst Vodafone, grΓΆsster Mobilfunkanbieter der Welt und bis vor wenigen Jahren in einer Γ€hnlichen Situation, hat deshalb die Strategie geΓ€ndert und kauft nun vermehrt Festnetzanbieter.

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Das kann AndsjΓΆ nicht. So fΓ€hrt der Schwede eine eher defensive Strategie. In der Deutschschweiz, wo der Marktanteil unterdurchschnittlich ist, will er mehr Shops erΓΆffnen und stΓ€rker ins Netz investieren. Den Service will er speziell im Segment der GeschΓ€ftskunden verbessern: Β«Die haben wir bislang nicht gut genug bedientΒ», sagt AndsjΓΆ. So bekommen alle KMUs ab 50 Angestellten einen dedizierten Ansprechpartner. Γ„hnliches freilich bietet Sunrise schon seit Jahren.
Neuer Schub fΓΌr Orange. Schlimmer noch: Als Orange Schweiz an Apax verkauft wurde, blieb der GeschΓ€ftskundenarm Orange Business Services bei France TΓ©lΓ©com. Multinationale Konzerne kann man aus der Schweiz nun nicht mehr alleine bedienen. Dabei verdankt es Orange ihrer traditionell grossen Zahl an GeschΓ€ftskunden, dass sie mit nur 17 Prozent Marktanteil einen annΓ€hernd so hohen Umsatz erwirtschaftet wie Sunrise mit 22 Prozent. Auch den Zukunftsmarkt Mobile Payment, in dem Sunrise und Swisscom dieses Jahr die ersten Angebote starten, ignoriert AndsjΓΆ: Β«Wir werden dort nicht die Pionierrolle spielen.Β»
Dabei galt Orange einst als modern und frisch. Doch in den letzten Jahren ist die Positionierung unklar geworden. Eine der Hauptaufgaben AndsjΓΆs ist es, die ehemaligen Werte wieder zu schΓ€rfen: Einfachheit, Effizienz, Frische, Ehrlichkeit und aussergewΓΆhnlichen Service. Β«DafΓΌr stand Orange vor langer ZeitΒ», sagt AndsjΓΆ. Β«Da wollen wir wieder hin.Β» Sein Problem: Die Rechte zur Nutzung der Marke Orange laufen in vier Jahren aus. Egal, welches Markenbild AndsjΓΆ bis dahin aufbaut: Danach muss er es auf einen anderen Brand ΓΌbertragen. Ein Billigimage aufbauen, wie er das von seinem frΓΌheren Arbeitgeber in Spanien kennt, will er nicht. Β«Ich bin nicht hier, um das Gleiche zu machen wie bei Yoigo!Β»

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Es wΓΌrde hierzulande auch nicht funktionieren. Β«Solange der Schweizer halbwegs zufrieden ist, wechselt er nicht seine Frau, nicht sein Auto und nicht seinen TelekomanbieterΒ», so lautet ein Branchenbonmot. So muss Orange auf das allgemeine Marktwachstum hoffen. In der Schweiz hat jeder Einwohner statistisch 1,3 SIM-Karten, in nordischen LΓ€ndern sind es 1,5 bis 1,6. Einen Schub kΓΆnnte UPC Cablecom bringen, die ihr Mobilfunkangebot dieses Jahr lancieren und dazu das Orange-Netz benutzen wird. Gut fΓΌr AndsjΓΆ: So wird seine Infrastruktur besser ausgelastet. Schlecht fΓΌr AndsjΓΆ: Sehr viel Geld bringt das nicht. Denn ein grosser Teil der WertschΓΆpfung fΓ€llt bei UPC Cablecom an, entsprechend niedrig sind die Margen fΓΌr Orange. Und: Das neue Angebot wird auch und gerade bisherige Orange-Kunden anziehen. Β«Eine erfolgreiche UPC dΓΌrfte zu einem Problem fΓΌr Orange werdenΒ», sagt JΓΆrg Halter von der Telekomberatung Ocha.
Nicht, dass Orange und Sunrise das Wasser bis zum Hals stΓΌnde. Beide Firmen sind profitabel und kΓΆnnen sich selber tragen. Doch beide Firmen stecken in einer strategischen Sackgasse, die auch gestandene Unternehmensberater verzweifeln lΓ€sst. Einer von ihnen drΓΌckt es so aus: Β«Das Schwert, das den gordischen Knoten der beiden zerschlΓ€gt, gibt es nicht.Β» Lachender Dritter ist Ex-Monopolist Swisscom. Der Konzern hat laut Β«ConnectΒ» das beste Mobilfunknetz und auch am meisten Mittel, um den Vorsprung zu vergrΓΆssern. Jedes Jahr investiert er rund 300 Millionen in den Ausbau. Bei Sunrise sind es 200 Millionen, Orange muss sich mit 140 Millionen begnΓΌgen. Β«Die Situation wird fΓΌr die beiden Unternehmen jedes Jahr schlimmerΒ», sagt Halter. Besonders fΓΌr Sunrise. Die Firma hat die Frequenzen fΓΌr die nΓ€chste Mobilfunkgeneration LTE viel zu teuer ersteigert: 482 Millionen Franken muss sie hinlegen, Geld, das nun fΓΌr den Netzausbau fehlt. Swisscom kam mit 360, Orange mit 155 Millionen davon. Als Β«schlichtes UnvermΓΆgen bei SunriseΒ» wertet ein Teilnehmer der Auktion das Ergebnis.

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FusionsgelΓΌste. WΓ€hrend Swisscom sich auf ihre Kunden und ZukunftsmΓ€rkte wie Glasfaser konzentrieren kann, sind die Herausforderer derzeit hauptsΓ€chlich mit sich selbst beschΓ€ftigt. Neue GeschΓ€ftsleitungsmitglieder mΓΌssen sich einarbeiten, zudem laufen Reorganisationen und Stellenabbauprogramme. In beiden Firmen mΓΌssen jeweils 140 Leute gehen, um den finanziellen Spielraum zu erhΓΆhen.
NatΓΌrlich lΓ€sst sich die Zitrone immer noch ein bisschen mehr auspressen, natΓΌrlich kann man sisyphusmΓ€ssig hier noch einen Firmenkunden gewinnen und dort noch eine Produktnische besetzen. Sunrise-PrΓ€sident Koechlin etwa verweist darauf, dass seit dem Kauf im Jahre 2011 so das Ebitda von Sunrise bereits um 100 Millionen Franken gestiegen sei und der Firmenwert damit um rund 700 Millionen.
Viel Geld – aber der grosse Hebel fΓΌr Sunrise-Eigner CVC und Orange-Besitzer Apax liegt woanders: Eine Fusion brΓ€chte Synergien von 3,2 Milliarden Franken. Vor vier Jahren hatten die beiden Carrier diesen Schritt schon einmal versucht, doch damals verbot die Wettbewerbskommission den Deal.
Inzwischen sind die technischen Voraussetzungen fΓΌr einen Zusammenschluss schlechter als 2009. Bis vor kurzem liessen beide Operators ihr Netz von Alcatel-Lucent betreiben – eine Zusammenlegung wΓ€re technisch und organisatorisch vergleichsweise einfach gewesen. KΓΌrzlich aber hat Orange den Ausbau des Netzes an Nokia Siemens und den Betrieb an Ericsson ausgelagert, Sunrise beides an Huawei. Die hoch dotierten VertrΓ€ge laufen jeweils ΓΌber fΓΌnf Jahre. Eine Neuauflage der Fusion ist fΓΌr beide Player denn auch offiziell kein Thema. Sunrise visiert einen BΓΆrsengang im Jahr 2015 an, bei Orange bleibt das Exit-Szenario – auch intern – vΓΆllig unklar: Β«Da frage ich Apax gar nicht danachΒ», sagt Johan AndsjΓΆ. Β«DafΓΌr ist es viel zu frΓΌh. Wir wollen zuerst weiterwachsen und zur Nummer zwei werden im Markt.Β»

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Doch frΓΌher oder spΓ€ter wird die betriebswirtschaftliche Logik Sunrise und Orange dazu zwingen, einen neuen Anlauf zu nehmen. Fraglich ist, ob die Wettbewerbskommission dann einen Zusammenschluss genehmigen wΓΌrde. DafΓΌr spricht, dass sie inzwischen einen neuen PrΓ€sidenten hat und dass sich die Marktanteile im Mobilfunkmarkt seit Jahren nicht bewegt haben (siehe Grafik Β«Ein Markt wie ZementΒ» unter 'Downloads'). Dagegen spricht, dass die Weko als stur gilt und dass die Preise seither gesunken sind, also der Wettbewerb spielt.
Bis dahin werden Libor Voncina und Johan AndsjΓΆ alles tun, um sich die unangenehme Lage gegenseitig noch unangenehmer zu machen.
Über die Autoren
Marc Kowalsky
Marc Kowalsky
Stv. Chefredaktor bei BILANZ und ein versierter Kenner der Wirtschaftswelt.

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