Die «Financial Times» berichtet diese Woche, dass die Banken, welche die KI-Riesen Anthropic und Open AI an die Börse bringen werden, aktuell Klinken putzen. Sie tun es bei Ratingagenturen wie Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch. Das Ziel sind natürlich möglichst gute Bonitätsnoten, die es auch regulierten institutionellen Anlegern wie Pensionskassen erlauben würden, in die amerikanischen KI-Marktführer zu investieren.
Was zunächst harmlos klingt, ist faktisch finanzieller Sprengstoff – die Lunte einer nächsten Explosion an den globalen Finanzmärkten.
An der Börse verpufft die Erinnerung an die Vergangenheit allzu schnell
An den Aktienmärkten wird die Zukunft gehandelt, lautet ein – durchaus treffendes – geflügeltes Wort. Das Problem dabei ist, dass bei den Akteuren die Erinnerung an die Vergangenheit, selbst an die jüngste Vergangenheit, allzu schnell verpufft. Vor noch nicht einmal zwanzig Jahren löste die Subprime-Krise den jüngsten Grosstaucher an den Märkten aus.
Einer der Gründe war, dass sich geschickt verpackte Kreditinstrumente mit guten Ratings als wertlose Schundschulden entpuppten. S&P und Co. assen Kreide, gelobten Besserung. Und Fakt bleibt: Ratingagenturen spielen eine wichtige und wertvolle Rolle – sofern ihre Urteile unbestechlich sind und auf harten Fakten beruhen. Wenn ihre Ratings aber den Wünschen von Unternehmen und ihren Beratern entsprechend ausgesprochen werden, spielen sie mit dem Feuer – und mit dem Geld der Anlegerinnen und Anleger. Eine Bonitätsnote hat auf klar bestimmbaren finanziellen Kenngrössen – Profitabilität, Verschuldungsgrad, Cashflow und so fort – zu beruhen. Wunschdenken und Spekulation haben da keinen Platz.
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Zahlen-Striptease
Demnächst werden wir alle einen detaillierten Blick auf die Bilanzen und Erfolgsrechnungen von Open AI und Anthropic werfen können – wer an die Börse will, muss sich schliesslich ziemlich nackt zeigen. Was wir sehen werden – das ist absehbar –, werden Unternehmen sein, die gigantische Schulden haben, kaum Erträge erwirtschaften und tiefrote Zahlen schreiben. Wir werden aber auch Firmen gezeigt bekommen, die ein schier unermessliches Potenzial haben.
Wir werden Unternehmen sehen, deren Bilanzen nicht im Geringsten nach Sicherung der Altersvorsorge aussehen, sondern nach Spekulation mit hohen Einsätzen. Alles andere als ein entsprechendes Kreditrating – Junk-Status, nicht Investment Grade – wäre ergo nicht bloss eine Überraschung, sondern eine Irreführung. Und das – spätestens nach den Gesprächen zwischen den Ratingfirmen und den IPO-Banken – bei vollem Bewusstsein.
Kompliziert wird die Angelegenheit dadurch, dass in den USA derzeit viele Akteure unter einer Decke zu stecken schein – die SEC, die Wall Street, die Tech- und KI-Riesen sowie die Administration. KI-Dominanz ist zu einer Frage der nationalen Sicherheit geworden, zu einem Machtpoker um globalen Einfluss, zu einem neuen Gleichgewicht des Schreckens. Anleger und Pensionskassen drohen in diesem Konflikt zum Kollateralschaden zu werden.
Marcel Speiser ist Stv. Chefredaktor bei der Handelszeitung und arbeitet seit 1999 im Wirtschaftsjournalismus. Er gilt als Kenner der Uhrenindustrie und der Luxusgüterbranche.
Marcel Speiser ist Stv. Chefredaktor bei der Handelszeitung und arbeitet seit 1999 im Wirtschaftsjournalismus. Er gilt als Kenner der Uhrenindustrie und der Luxusgüterbranche.
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