Bei künftigen Zukäufen werden Investoren Novartis-Chef Narasimhan keinen Freibrief mehr ausstellen, meint Holger Alich, stellvertretender Chefredaktor der Handelszeitung.HZ
Das Timing birgt eine gewisse Ironie: Der Pharmariese Novartis muss drei Forschungsflops binnen einer Woche beichten, die Hoffnung auf Milliardenumsätze löst sich in Luft auf. Dagegen floriert Sandoz, das einstige Schmuddelkind des Konzerns, das auf Nachahmer-Medikamente spezialisiert ist. Sandoz schraubt seine Umsatzerwartungen hoch, spricht von einem «goldenen Jahrzehnt» und wird bald mit der Aufnahme in den Schweizer Leitindex SMI geadelt.
Die Klammer für beide Entwicklungen ist die Strategie von Novartis-Chef Vas Narasimhan, der den Basler Riesen seit acht Jahren führt. Er trieb die Abspaltungen von Sparten wie der Augenheilkunde-Tochter Alcon sowie der Generika-Produktion von Sandoz in eigenständige Börsenkonzerne voran, damit Novartis sich ausschliesslich auf das Geschäft mit patentgeschützten Pharmazeutika fokussieren kann. Und dieses Geschäft ist riskant, daher sind hier die Renditen höher.
Neue Plattform droht ein teurer Flop zu sein
Doch nun floppte der Hoffnungsträger Pelacarsen, ein neues Mittel gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch der Wirkstoff Del-Desiran gegen eine genetisch bedingte Muskelerkrankung konnte in den klinischen Tests nicht überzeugen. Nun kommen Zweifel am Sinn des 12-Milliarden-Zukaufs von Avidity Biosciences auf, aus dessen Laboren Del-Desiran stammt und das eine ganze Medikamentenfamilie hervorbringen sollte. Ist damit Narasimhan mit seiner «Pharma-pure»-Strategie für Novartis gescheitert?
Partner-Inhalte
Werbung
Die Antwort lautet Nein. Pharmaforschung ist High-Risk-Business, das wissen auch Investoren. Auch Wettbewerber Roche musste 2022 eine ganze Reihe Flops kurz hintereinander verdauen, als das Alzheimer-Medikament Gantenerumab spektakulär scheiterte und dann auch noch die neuartige Immuntherapie gegen Lungenkrebs Tiragolumab floppte.
Und weder bei Roche noch bei Novartis formiert sich eine Aktionärsfront, die nun fordern würde, das Risikoprofil der Konzerne mit der Expansion in weniger riskante Geschäfte wie Generika oder Tiermedizin zu senken – wobei Roche insofern ein Sonderfall ist, als der Konzern eine sehr erfolgreiche, aber oft übersehene Diagnostik-Sparte besitzt, die Laborgeräte fertigt.
Das heisst aber im Umkehrschluss nicht, dass bei Novartis alles in Butter wäre. Die Strategie von Narasimhan bleibt die richtige, doch muss er bei deren Umsetzung nachlegen. Konkret droht dem Konzern durch den Ablauf des Patentschutzes von Erfolgsmedikamenten wie dem Anti-Schuppenflechte-Mittel Cosentyx ab 2030 ein Umsatzknick. Narasimhan dürfte versuchen, diese Lücke mit neuen Zukäufen zu füllen. Doch gerade bei Akquisitionen scheint den Novartis-Chef zuletzt die Fortune verlassen zu haben. Neue Deals drohen daher auf grössere Skepsis der Investoren zu stossen.