Abo
Durchbruch für Biotechfirma?

Erfolgreiche Studie zu Hautkrebsimpfstoff befeuert Moderna-Aktien

Meilenstein im Kampf gegen Hautkrebs? Moderna hat einen personalisierten Impfstoff entwickelt, der hoffnungsvolle Studienergebnisse erbracht hat. Der Aktienkurs schiesst durch die Decke.

Bloomberg

Spritze: Moderna weckt mit Impfstoff Hoffnungen für Hautkrebspatienten.
Spritze: Moderna weckt mit Impfstoff Hoffnungen für Hautkrebspatienten. RMS

Werbung

Ein von Moderna und Merck entwickelter personalisierter Impfstoff hat in einer grossen Phase-III-Studie das Rückfallrisiko bei Melanomen gesenkt. Dies weckt Hoffnung für die Behandlung der tödlichsten Form von Hautkrebs und zeigt das Potenzial der stark geforderten mRNA-Technologie.
Die Studie erreichte ihr Hauptziel: Die Kombination des Impfstoffs mit Mercks Immuntherapeutikum Keytruda verhinderte das Wiederauftreten des Krebses nach einer chirurgischen Entfernung erfolgreicher als die Monotherapie mit Keytruda. Zudem verlangsamte sie die Ausbreitung auf neue Körperregionen, wie die Unternehmen am Mittwoch mitteilten.

Aktien schossen in die Höhe

Die Aktie von Moderna schoss am Mittwoch um rekordverdächtige 177 Prozent nach oben, bleibt jedoch weit unter ihren Höchstständen aus der Pandemiezeit. Merck-Aktien legten um knapp 13 Prozent zu.
Die Studie – die erste erfolgreiche Spätphasenstudie für eine mRNA-basierte Krebstherapie überhaupt – ist eine erfreuliche Entwicklung für beide Konzerne. Sie liefert den bislang stärksten Beweis dafür, dass die Technologie, die Moderna während der Pandemie weltweit bekannt machte, ein erfolgreiches zweites Kapitel aufschlagen könnte. Für Merck, wo der Patentablauf für den Bestseller Keytruda bevorsteht, eröffnet sich dadurch ein wichtiger neuer Wachstumsmarkt.

Partner-Inhalte

«Das ist ein bedeutender Fortschritt für die Krebsimmuntherapie, insbesondere für Krebsimpfstoffe, die bislang eine lange, aber eher erfolglose Geschichte hatten», erklärte Jedd Wolchok, Melanom-Experte und Direktor des Meyer Cancer Center bei Weill Cornell Medicine, per E-Mail. Es zeige sich, dass die Schulung des Immunsystems auf spezifische Krebsziele die Wirkung bestehender Immuntherapeutika verstärken könne.
Genaue Daten dazu, wie stark die Impfung das rezidivfreie Überleben – die Zeitspanne, die Patienten ohne Rückfall leben – verbesserte, wurden nicht veröffentlicht. Die Studie läuft weiter, um zu untersuchen, ob die geimpften Patienten auch insgesamt länger leben.

Meilenstein für die mRNA-Wissenschaft

Das Melanom ist die schwerste Form von Hautkrebs. In den USA werden laut der American Cancer Society jährlich etwa 112'000 Menschen diagnostiziert und rund 8'500 Todesfälle verzeichnet.
Die Unternehmen kündigten an, Gespräche mit den Regulierungsbehörden über einen Zulassungsantrag zu führen und die Daten auf einem bevorstehenden medizinischen Kongress zu präsentieren. In einem Interview erklärte Moderna-CEO Stéphane Bancel, dass der personalisierte Impfstoff bereits 2027 zugelassen werden könnte.
«Das ist ein aussergewöhnlicher Meilenstein für die mRNA-Wissenschaft», so Bancel.

Werbung

Offene Fragen bei Kosten

Dennoch bleiben Fragen bezüglich der Kosten und der Machbarkeit einer grossflächigen Herstellung solcher massgeschneiderten Krebstherapien offen. Keytruda allein kann bei einigen Krebsarten – je nach Verabreichung – mehr als 200'000 US-Dollar pro Jahr kosten. Andere individualisierte Therapien, wie die CAR-T-Zelltherapie bei Blutkrebs, können über eine halbe Million Dollar kosten, wobei sich die Herstellungs- und Behandlungsansätze deutlich von dem Melanom-Impfstoff unterscheiden.
Unternehmen legen die Preise für neue Medikamente erst nach Abschluss klinischer Studien fest, Details werden meist nach der Zulassung bekannt gegeben.
Im Gegensatz zu vielen neuen Krebsbehandlungen, die zunächst an kleineren Gruppen schwerstkranker Patienten getestet werden, wurde der Melanom-Impfstoff bei Personen eingesetzt, deren Tumore chirurgisch vollständig entfernt werden konnten – eine deutlich grössere Patientengruppe.
Um wirklich erhebliche Umsätze zu erzielen, muss der Impfstoff laut Analysten seinen Nutzen auch bei anderen Tumorarten unter Beweis stellen. Der weltweite Markt für alle Medikamente zur Behandlung von operablen Melanomen liegt derzeit bei etwa 2,3 Milliarden US-Dollar pro Jahr, so Bloomberg-Intelligence-Analyst Max Nisen per E-Mail.

Werbung

«Ich bin nicht sicher, ob dies für sich genommen eine Blockbuster-Indikation ist; falls doch, dann nur knapp», sagte er im Hinblick auf den Einsatz beim Melanom. Sollte die Therapie jedoch bei anderen Tumorarten wie Lungenkrebs funktionieren, könnten die Umsätze um ein Vielfaches höher ausfallen.
Andere Analysten zeigten sich optimistischer. Dass die Studie Monate früher als von der Wall Street erwartet positive Ergebnisse lieferte, sei eine «überraschend positive Entwicklung» und deute darauf hin, dass die bisher gezeigte Wirksamkeit «überzeugend gewesen sein muss», schrieb RBC-Analyst Trung Huynh in einer Mitteilung an Kunden.

Gute Nachricht für Melanom-Patienten

Die Ergebnisse sind eine gute Nachricht für Melanom-Patienten, da diese Krebsart lange Zeit als besonders schwer behandelbar galt. Die positiven Studienergebnisse folgen auf die Zulassung von Tudriqev der Replimune Group Inc. durch die US-Arzneimittelbehörde FDA Anfang des Monats für Patienten mit fortgeschrittenem Melanom, die nicht mehr auf Immuntherapien ansprachen.
Der personalisierte Impfstoff von Moderna und Merck regt das Immunsystem auf andere Weise an. Beide Unternehmen forschen seit mehr als einem Jahrzehnt an der Wissenschaft hinter dem Impfstoff namens Intismeran Autogene. Auf Basis der mRNA-Technologie, die bereits Modernas Covid-Impfung antrieb, massschneidern die Unternehmen die Impfstoffe basierend auf den spezifischen Tumormutationen des jeweiligen Patienten.

Werbung

Die Herstellung einer einzelnen Dosis dauert etwa sechs Wochen. Wissenschaftler entnehmen eine Gewebeprobe des Tumors – entweder aus bestehendem Gewebe oder einer neuen Biopsie – und analysieren diese auf Mutationstypen.
Ein Algorithmus identifiziert anschliessend diejenigen Mutationen, die am ehesten eine Immunantwort auslösen. Bis zu 34 dieser Merkmale werden verwendet, um den individuellen Impfstoff herzustellen, erläuterte Jane Healy, Leiterin der frühen Onkologie-Entwicklung bei Merck. Während dieser Wartezeit erhalten die Patienten Keytruda.

Beide Medikamente sollen zusammenarbeiten

In der Studie mit mehr als 1'100 Teilnehmern wurde der mRNA-Impfstoff nach der chirurgischen Tumorentfernung in Kombination mit Keytruda verabreicht. Eine Kontrollgruppe erhielt ausschliesslich Keytruda, was den Standard zur Vorbeugung von Rückfällen bei Risikopatienten darstellt. Der mRNA-Impfstoff wurde alle drei Wochen für bis zu neun Dosen verabreicht, während Keytruda alle sechs Wochen über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr gegeben wurde.
Ziel ist es, dass beide Medikamente zusammenarbeiten, um das Immunsystem darauf zu trainieren, etwaige verbliebene Krebszellen gezielt zu bekämpfen.
Die Moderna-Aktie war bis zum Börsenschluss am Dienstag im Jahresverlauf bereits um 113 Prozent gestiegen, angetrieben von den Aussichten für die Krebstherapie. Die Melanom-Studie galt als entscheidender erster Test für die Wirksamkeit dieses Ansatzes. Merck und Moderna testen das Verfahren auch bei anderen Krebsarten, darunter Lungen-, Blasen- und Nierenkrebs; die Studien zum Melanom sind jedoch am weitesten fortgeschritten.

Werbung

Wissenschaftler verfolgen seit Langem die Idee eines Impfstoffs, der die körpereigene Abwehr gegen Krebs mobilisiert, indem er das Immunsystem darauf trainiert, die molekularen Fingerabdrücke eines Tumors zu erkennen und verbleibende Zellen zu zerstören. Bislang erwies sich dies jedoch als äusserst schwierig.
«Therapeutische Impfstoffe waren in der Krebsmedizin stets so etwas wie der Heilige Gral. Man versucht dies auf die eine oder andere Weise seit über 100 Jahren», sagte Healy in einem Interview vor der Veröffentlichung der Ergebnisse. Ein potenzieller Vorteil einer solchen Impfung liege darin, das Überleben zu verlängern, ohne gravierende zusätzliche Nebenwirkungen zu verursachen.
Anfang des Jahres gaben die Unternehmen bekannt, dass Hautkrebspatienten in einer Phase-II-Studie, die den mRNA-Impfstoff zusammen mit Keytruda erhielten, nach fünf Jahren eine um 49 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit hatten zu sterben oder einen Rückfall zu erleiden als diejenigen, die nur Keytruda erhielten.

Werbung