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Kommentar zu Denner

Vom Freiheitskämpfer zum Bevormunder?

Mario Irminger verlangte einst Freiheiten für Denner. Heute gerät er als Migros-Chef mit seinem früheren Credo selbst in Widerspruch.

Maren Meyer

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«Irminger scheint heute genau das zu tun, wogegen er sich als Denner-Chef noch gewehrt hat», sagt Handelszeitungs-Redaktorin Maren Meyer. HZ

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«Wir hatten immer ein klares und anerkanntes Credo: Denner bleibt Denner – dieses ist auch den neuen Kollegen im MGB bekannt. Das Prinzip wird eingehalten und nicht permanent infrage gestellt.» Das sagte Mario Irminger im Oktober 2019 in einem Interview mit Foodaktuell, dem Branchenportal der Schweizer Lebensmittelwirtschaft. Damals war Irminger noch Denner-Chef und wollte frei sein von den Beschaffungszwängen des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB).
Heute ist Irminger Migros-Chef. Und plötzlich ist nicht mehr ganz klar, ob er noch hinter seiner Aussage von damals steht. Ob das «anerkannte Credo ‹Denner bleibt Denner›» noch gilt oder ob er «das Prinzip» nicht gerade selbst infrage stellt. Grund für diese Annahmen ist der unerwartete Abgang von Denner-CEO Torsten Friedrich. Nach nur einem Jahr verlässt er den Discounter der Migros per sofort. Er tue dies «auf eigenen Wunsch, nachdem unterschiedliche Vorstellungen über die künftige Entwicklung des Discounters deutlich geworden sind», schreibt die Migros in einer Mitteilung.
Worum es bei der «künftigen Entwicklung des Discounters» genau geht, kann nur spekuliert werden. Klar ist hingegen: In den letzten Jahren sind die Preise im Lebensmittel-Detailhandel zunehmend unter Druck geraten. Bei Denner – aber vor allem im Supermarktgeschäft der Migros. Denn die deutschen Discounter Aldi und Lidl haben stark an Marktanteilen gewonnen. Um mit den Billigpreisen mithalten zu können, macht die Migros immer mehr selber auf Discounter. Und kommt damit ihrer Tochter, Denner, ins Gehege.

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Hier beginnt die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis: Zwölf Jahre lang war Irminger Denner-Chef. Er kennt den Discounter, das Sortiment, die Kundschaft. Auch Torsten Friedrich ist nicht irgendwer, sondern war vor seinem Wechsel Chef von Lidl Schweiz. Er kennt sich aus im Discounter-Geschäft, weswegen er zu Denner geholt wurde. Man war gar bereit, auf ihn zu warten: Friedrich war bereits Ende 2023 verpflichtet worden und trat seinen Posten erst 2025 an. Man hätte wissen müssen, was man von ihm bekommt.
Doch nun scheinen sich Irminger und Friedrich bei der zukünftigen Strategie von Denner nicht einig zu sein. Dabei hatte Friedrich grosse Pläne für den Discounter: Wie er in der NZZ sagte, sollte das Filialnetz von 872 auf 1000 wachsen, dazu wollte er eine neue Eigenmarkenlinie lancieren und ein smartphonebasiertes Selfscanning-System einführen. Diese Strategie scheint bei der Migros nicht auf Gegenliebe gestossen zu sein. Doch wer sich einst als Denner-Chef gegen die Bevormundung aus dem Mutterhaus profilierte, müsste doch heute besonders sensibel dafür sein, wie viel Freiheit seine Tochter braucht.
Irminger scheint heute genau das zu tun, wogegen er sich als Denner-Chef noch gewehrt hat. «Wir wollen die Freiheit haben, das zu beschaffen, was wir für richtig halten für unser Sortiment und für unsere Kunden – auch vom Preis her», sagte Irminger im besagten Interview mit Foodaktuell vor sechs Jahren. Diese Aussage könnte er heute genauso gut auch als Chef der Migros machen.

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