Wer als Schweizer Firma im Schweizer Möbelhandel überleben will, braucht neben einer funktionierenden Logistik, einer perfekten Online-Offline-Aufteilung und einer scharfen Positionierung vor allem eines: eine gesunde Portion merkantilen Masochismus.
Der Kampf ist extrem hart. Zwei internationale Riesen, Ikea aus Schweden und XXXLutz aus Österreich, teilen sich den Markt zu grossen Teilen auf, operieren mit Tiefpreisen und können sich flächendeckende Marketingattacken leisten. Kommt dazu: Ein paar Schritte über der Grenze locken süddeutsche Möbelhändler mit Euro-Preisen und Mehrwertsteuer-Rückerstattung.
Micasa profitiert von der Migros-Vergangenheit
Wie kann man in diesem Triple-Sandwich als einheimischer Player reüssieren? Und wie soll das Micasa gelingen, der ehemaligen Migros-Konzerntochter, die vom orangen Riesen verstossen wurde, per Management-Buy-out überlebte und seit Herbst 2025 als KMU ihre neue Rolle finden muss?
Das 1981 gegründete Unternehmen konnte aufgrund seiner Migros-Erbschaft hohe Bekanntheitswerte und eine gute Reputation bezüglich des Preis-Leistungs-Verhältnisses mitnehmen. Logistik und IT musste Micasa aber in Windeseile neu aufbauen. Und patzte. Nach der Abnabelung von der Migros mussten Micasa-Kunden teils mit langen Lieferverzögerungen leben. Sehr ungünstig für eine Firma, die sich doch eben daranmachen wollte, einen Weg zu finden zwischen Nostalgie und Neustart, verbunden mit der Absicht, aus ihrer bekannten Marke eine begehrte Marke zu machen.
Immerhin: Micasa hat es geschafft, die Swissness-Karte weiterhin gut zu spielen, dies in Zusammenarbeit mit hiesigen Designerinnen und Designern. Jetzt aber läuft Micasa Gefahr, genau jenen Swissness-Bonus zu verlieren, der so wichtig für die Positionierung ist.
Wer sich Swissness auf die Fahne schreibt, soll Swissness leben
Wie jüngst bekannt wurde, kommt es kurz nach der Migros-Abnabelung schon zu einem Besitzerwechsel. Losgesegelt war Micasa zunächst als Management-Buy-out, unterstützt von Geldgebern aus Österreich und Deutschland. Nun ist die Marke übernommen worden, frisch ausgepolstert quasi, von einer Schweizer Investorengruppe, die namenlos bleibt und nicht sagen will, wer hier die Macht, das Geld und das Sagen hat.
Dass gleichzeitig vier von dreissig Micasa-Filialen dichtmachen, ist dabei das kleinere Problem. Das grössere: Wer sich Swissness auf die Fahne schreibt, soll auch transparente Swissness leben. Schweizer Herkunft und Schweizer Verbundenheit – das ist gewissermassen das erotische Kapital von Micasa. Wenn die neuen Besitzer nicht sagen, wer sie sind und was sie wollen, verspielen sie Micasas Swissness-Bonus.
Das wäre fatal für eine Firma und eine Marke, die sich gemäss Eigendarstellung «von der Schweiz inspirieren» lässt und auf Langlebigkeit setzt. Als Schweizer Investoren sollten die neuen Herren (oder sind es Damen?) wissen, dass der Spruch vom «Gäll, du kännsch mi nöd» nur an der Fasnacht funktioniert. Aber nicht zu allen anderen Jahreszeiten.
Und schon gar nicht auf dem harten Parkett des Schweizer Möbelhandels.