Abo
Mercedes-Händlerin Karin Stüber

«Wir müssen dafür sorgen, dass der Kuchen grösser wird»

Die Merbag-Präsidentin ist Professorin für Linguistik und trimmt das Familien­unternehmen auf Expansion. Ein Spagat zwischen zwei Passionen.

Ueli Kneubühler

file7siv09dyzg6r78mz5pl
Sprachwissenschaft und Autohandel: In Karin Stüber schlagen zwei Herzen. Markus Bertschi für BILANZ

Werbung

Auf dem Parkplatz des Autohändlers Merbag in Schlieren stehen an diesem garstig nebligen Novembermorgen die Wagen Tür an Tür. Viel Blech, viel Chrom, viele Sterne. Mercedes-Benz allenthalben, und trotzdem verströmen die Wagen etwa den gleichen Charme wie bei der Stützliwösch oder beim Auto-Discounter. Und das am Hauptsitz des wichtigsten Mercedes-Händlers des Landes, der gut jeden vierten Sternenkreuzer auf Schweizer Strassen bringt.
Ein paar Schritte weiter schlägt die Fiebernadel plötzlich kräftig aus. Im Eingangsbereich strahlt ein Mercedes-Benz 300 SL Coupé von 1956. Glänzend schwarze Lackierung, rotes Leder, geschwungene Linienführung, legendäre Flügeltüren. Ein Auto wie ein Kunstwerk. Daneben sind hochgezüchtete, grimmig blickende Stuttgarter Testosteronbolzen und ausladende Elektrowagen mit eigenwilligem Design drapiert.

Mit Vollgas an die Spitze

Ein paar Stockwerke höher hält der Purismus Einzug. Dunkle Bodenplatten weisen den Weg zur Chefetage. Am Flurende empfängt Karin Stüber, Merbag-Präsidentin, Miteigentümerin des Autohändlers und Professorin für alte Sprachen. Oder korrekt: Titularprofessorin am Linguistik-Zentrum der Universität Zürich.
Die Familie Stüber ist mit ihrem Unter­nehmen Merbag seit mehr als hundert Jahren mit dem Autohersteller Mercedes-Benz liiert.
Die Familie Stüber ist mit ihrem Unternehmen Merbag seit mehr als hundert Jahren mit dem Autohersteller Mercedes-Benz liiert.PR
Die Familie Stüber ist mit ihrem Unter­nehmen Merbag seit mehr als hundert Jahren mit dem Autohersteller Mercedes-Benz liiert.
PR

Partner-Inhalte

2019 hat sie das Steuer des Autohändlers als Präsidentin übernommen. Zuvor war sie während fünf Jahren Professorin für vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Würzburg. Heute steht sie an der Spitze des zweitgrössten Mercedes-Händlers Europas mit mehr als 4000 Mitarbeitenden, gegen zwei Milliarden Franken Umsatz und noch grösseren Expansionsgelüsten. Zum grössten Mercedes-Benz-Händler Europas will sie das Familienunternehmen machen, wie sie in der Firmenbroschüre sagt, «auch als Signal an unsere Mitarbeitenden, dass sie Teil eines Unternehmens sind, das wachsen will». Ihren Worten hat sie Taten folgen lassen. Dazu später.
Forsch die Aussage, zurückhaltend der Auftritt. Karin Stüber, 55-jährig, akkurater Bob, Brille, bodenlanger Rock, verkörpert das Gegenstück zum gängigen Autohändler-Klischee. Wer ist diese diskrete Frau, die den Autohändler Merbag in der dritten Generation führt, assistiert von ihrer Schwester Ursula Kormann-Stüber im Verwaltungsrat, Professorin in Würzburg war, ein Faible für klassische Musik hat, gerne Opernsängerin geworden wäre, grosse Spenderin und Unterstützerin des Zürcher Tonhalle-Orchesters ist und gleichzeitig in einer Dokumentation des Schweizer Fernsehens erzählt, dass sie ihren Mann beim Onlinedating kennengelernt habe und dieser doch glatt ein BMW-Fahrer gewesen sei?

Werbung

Stüber sitzt an einem runden Tisch in ihrem ausladenden Eckbüro in Zürichs Westen, rührt im Tee, wägt ihre Worte ab. Damals im November trieben die Jungsozialen die Wirtschaft mit ihrer Erbschaftssteuerinitiative vor sich her, attackierten Unternehmer frontal und spielten auf den Mann mit fragwürdigen Plakaten von Ernesto Bertarelli bis Christoph Blocher. Die Hälfte des Nachlasses ab einer Höhe von 50 Millionen Franken sollte dem Fiskus abgeführt werden. Das hätte auch für die Merbag-Eigentümer Konsequenzen gehabt. BILANZ schätzt das Vermögen der Familie auf 1,3 Milliarden Franken – gebunden im Unternehmen. Der Vorlage gab man keine Chance, und trotzdem war die Nervosität allenthalben spürbar. Unternehmer Peter Spuhler war auf allen Kanälen und weibelte an vorderster Front gegen die Initiative. Am 30. November schickte das Volk das Begehren mit satten 78 Prozent bachab.
Doch die Debatte klingt nach. Auch bei Karin Stüber. Natürlich hat sie sich über die Ablehnung der Initiative gefreut, die sie als sehr extrem betitelt. Die Wissenschaftlerin wälzte viele Gedanken, wie es zu einer derart polarisierten Diskussion hatte kommen können, in einem Land, in dem in Sachen Einkommens- und Vermögensungleichheit im internationalen Vergleich fast schon idyllische Verhältnisse vorherrschen. Stüber kann die Argumente der Initianten bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Eine gewisse Umverteilung sei sinnvoll und finde sie richtig; etwa über die Steuerprogression, sagt sie. «Dass die Rolle der Wirtschaft und der Unternehmen oft negativ gesehen wird und die Zusammenhänge nicht verstanden werden, finde ich hingegen problematisch. Man will das Geld verteilen, aber man sieht nicht mehr, woher dieses stammt.» Die Vorstellung, man werde nur reicher, wenn es den anderen schlechter gehe, ist trotzdem nicht totzukriegen. Das bedauert Stüber, der klar ist, dass jede Gesellschaft einen Ausgleichsmechanismus braucht. «Wir müssen als Gesellschaft vielmehr dafür sorgen, dass der Kuchen grösser wird, damit wir auch mehr verteilen können.» Das klingt wie eine Politikerin, die sie aber nicht sein will.

Werbung

Erodierender Automarkt

Verändern will sie die Grösse des Kuchens vielmehr als Merbag-Präsidentin. Das vergangene Jahr war allerdings nicht ganz optimal dafür. Der Verband Auto-Schweiz spricht vom schwächsten Autojahr seit 25 Jahren. Zwei Prozent weniger Autos sind 2025 in der Schweiz zugelassen worden. Das ist nicht die Welt. Gegenüber der Vor-Corona-Zeit sind die Verkäufe jedoch um ein Viertel eingebrochen und haben sich nicht mehr erholt.
Mercedes kann sich dem Trend nicht entziehen – im Gegenteil. 6,2 Prozent weniger Autos aus Stuttgart wurden auf Schweizer Strassen zugelassen. Den exakt gleichen Rückgang verzeichnet der Münchner Konkurrent BMW. Etwas besser hat mit Audi (–4,2 Prozent) die dritte deutsche Premiummarke abgeschnitten.
Mit dem Concept AMG GT XX greift Mercedes bei den elektrischen Supersportlern an. Es ist das erste elektrische AMG-Modell.
Mit den ­Mercedes-E-Fahrzeugen fremdelten viele. Nun haben die Stuttgarter die EQS-Limousine einem Facelift unterzogen.
Mercedes bietet auch den beliebten Kompaktklasse-Wagen GLB aufgefrischt an. Die Modelloffensive soll die Absätze dieses Jahr wieder ankurbeln.
1 / 3
Mit dem Concept AMG GT XX greift Mercedes bei den elektrischen Supersportlern an. Es ist das erste elektrische AMG-Modell. Mercedes-Benz Group AG
Die deutsche Autoindustrie ächzt: unter den Zöllen, der Schwemme an chinesischen Wagen und unter der eigenen Bequemlichkeit. Und mit ihr auch die Schweizer Händler um Emil Frey, den grössten Player Europas. Das von Patron Walter Frey geführte Familienunternehmen ist allerdings breit diversifiziert, setzt auf zahlreiche Marken und ist robust aufgestellt. Auch die Schweizer Nummer eins, die Amag von Martin Haefner, ebenfalls familiengeführt, kämpft, legte 2025 mit einem Umsatz von fünf Milliarden Franken aber ein beachtliches Ergebnis vor. Doch Mercedes leidet speziell. Zehn Prozent weniger Wagen hat das Traditionshaus abgesetzt. Vor allem bei den Elektroautos springt der Funke nicht. Trotz ausgezeichneter Technik fremdeln die Kunden mit dem Äusseren. Karin Stüber lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und verweist auf die Modelloffensive, die 2026 startet. Das Schweizer Geschäft steuert ungefähr die Hälfte zum Gruppenumsatz von Merbag bei.

Werbung

Steckerfahrzeuge sorgen auf hiesigen Strassen allerdings für weit weniger Emotionen als gedacht. Bei nur 34 Prozent lag der Marktanteil der E-Autos gemäss Auto-Schweiz im Jahr 2025. Der Wert liegt weit unter den politisch angepeilten 50 Prozent. Auto-Schweiz-Präsident Peter Grünenfelder sprach jüngst an der Jahresmedienkonferenz vom Worst-Case-Szenario und beklagte sich harsch über die Schweizer Überregulierung. Auch Karin Stüber zeigt Kante; sachlich und emotionslos. «Bezüglich CO₂-Reduktion sehe ich die Politik verstärkt in der Verantwortung. Einfach nur den Herstellern zu sagen, ‹jetzt macht mal Elektroautos›, und dann diesen die Schuld zu geben, wenn die Kunden die Autos nicht kaufen, greift etwas kurz», sagt sie frank und frei. Während den Schweizer Autohändlern für 2025 saftige Sanktionszahlungen drohen – für das Jahr 2024 waren rund 25 Millionen Franken fällig –, weil die politischen Ziele an der Realität vorbeigeplant worden sind und die Nachfrage nach E-Autos unter den Erwartungen liegt, gibt Merbag international Gas.
Walter Frey führt mit Emil Frey den grössten Autohändler Europas.
Martin Haefners Amag ist die Nummer eins in der Schweiz.
Peter Grünenfelder präsidiert den Verband Auto-Schweiz.
1 / 3
Walter Frey führt mit Emil Frey den grössten Autohändler Europas. Pius Koller

Werbung

Allein im vergangenen Jahr hat der Schweizer Autohändler in Deutschland 14 Betriebe übernommen und die Zahl seiner Standorte verdreifacht. Für 2026 stünden ein Marschhalt und eine Konsolidierung an, sagt Stüber. So oder so erwartet Merbag eine Direktive aus Stuttgart. Mercedes rollt das sogenannte Agenturmodell aus. In verschiedenen Ländern ist es bereits eingeführt, für die Schweiz stehe noch kein Einführungsdatum fest, sagt Stüber. Das Modell ist umstritten, gewisse Hersteller buchstabieren wieder zurück.
Mercedes hält trotzdem daran fest und will damit unter anderem den Interbrand-Wettbewerb ausschalten, um den Preiszerfall zu stoppen. Für Merbag heisst das: Die Autos im Lager stehen dann nicht mehr in den Büchern von Merbag, sondern beim Hersteller. Das minimiert die Risiken. Allerdings verliert Merbag an Eigenständigkeit und Flexibilität, kann nicht mehr selber verhandeln und Rabatte vergeben und erhält als Auslieferer eine fixe Provision. Damit lässt sich zwar besser planen. Doch der traditionsreiche Autohändler wird auch zum Logistikpartner degradiert. Eine Branchengrösse mit langjähriger Erfahrung sieht das Agenturmodell à la Mercedes trotzdem als Chance, weil die Risiken zum Hersteller verlagert würden. Zudem sei Mercedes in der Branche am weitesten fortgeschritten.

Werbung

Wie alle Autohändler ist Merbag auch im Immobiliengeschäft tätig. Seit 25 Jahren verwaltet und entwickelt das Unternehmen Immobilien; aktuell etwa in Adliswil ZH oder Sursee LU. «Gemessen am Betriebsgewinn erwirtschaften wir mit unseren Immobilien etwa gleich viel wie mit dem klassischen Autohandel», sagt die Merbag-Präsidentin. Mit den Immobilien schafft Merbag ein konjunkturresistentes Gegengewicht, das allerdings auch Kapital bindet.
Stübers berufliche Welt besteht längst aus Ebit, WACC, Cashflow statt aus Keltisch und Indogermanisch. «Musik und Sprachen sind meine eigentliche Passion. Doch auch das Unternehmen leite ich mit Leidenschaft», sagt Stüber. «Vielleicht weniger die operativen Belange. Aber eine Lösung auf die grossen und langfristigen strategischen Fragen zu finden, ist spannend und bereichernd.»

Fast an Mercedes verkauft

Dass die beiden Schwestern ins Unternehmen einsteigen, war einst nicht geplant. Sonst hätte sie wohl etwas anderes studiert, meint Stüber. Ursprünglich war eine externe Lösung angedacht. Anfang der Nullerjahre sei im Prinzip klar gewesen, dass die Familie Merbag an Mercedes verkaufe, so Stüber. «Die Gespräche waren weit gediehen. Schliesslich hat sich Mercedes aber zurückgezogen, weil die Prioritäten anderswo lagen.» Was folgte, waren viele und monatelange Gespräche mit ihrem Vater Peter. Gespräche über die grossen Linien des Unternehmens, wie die Töchter es sehen, welche Vision sie haben. «Ich habe mit mir gerungen. Einerseits war da die Wissenschaftskarriere, in die ich viel investiert und in der ich viel erreicht habe. Auf der anderen Seite fühlt man sich der Familie verpflichtet. Die Entscheidung war hart. Die langen Autofahrten von der Universität in Würzburg nach Zürich haben sich gut zum Nachdenken geeignet», sagt Stüber. Bereits seit 2005 sind sie und ihre Schwester Teil des Verwaltungsrats. Das Bonmot, dass die erste Generation Vermögen schaffe, die zweite es verwalte und die dritte Kunstgeschichte studiere, trifft bei der Familie Stüber damit nur bedingt zu.

Werbung

Karin Stüber steht nicht im Verdacht, ins Operative reinzureden. Sie hat die langen Linien im Blick, auch den Übergang zur nächsten Generation. «Ich mache mir Gedanken, wie es nach mir weitergeht, zumal ich keine eigenen Nachkommen habe. Deshalb habe ich vor zwei Jahren eine Stiftung gegründet, die Musik unterstützt, aber in erster Linie wissenschaftliche Projekte fördert.»
Karin Stüber ist quasi der Mensch gewordene Mercedes SL 300, der am Eingang steht, sämtliche Trends überdauert und auch in der nächsten Generation für glänzende Augen sorgen wird.

Werbung