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Manager

Klopp und der Charme der Selbstlosigkeit

Von Jürgen Klopp bis Sergio Ermotti: Führungspersonen moralisieren ihr Handeln. Das ist vor allem Storytelling – ein Sommermärchen, sozusagen.

Karin Kofler

«Menschen geben sich gerne moralischer, als sie sind», schreibt Gastautorin Karin Kofler.
«Menschen geben sich gerne moralischer, als sie sind», schreibt Gastautorin Karin Kofler. HZ

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Das Kind ist geboren – Deutschland hat einen neuen Nationaltrainer: Jürgen Klopp. Der langjährige und äusserst erfolgreiche ehemalige Headcoach von Liverpool und Borussia Dortmund wird ab Mitte August die Geschicke der deutschen Nationalmannschaft leiten, die an der WM in den USA zum wiederholten Mal glanzlos ausgeschieden ist – Trainer Julian Nagelsmann musste daraufhin den Hut nehmen. Entsprechend hoch sind jetzt die Erwartungen an Nachfolger Klopp. Die feurige Antrittsrede des neuen Bundestrainers letzte Woche vor den Medien wurde rundum gelobt. Altmeister «Kloppo» weiss eben, was gut ankommt in der Öffentlichkeit. Vor allem der Satz «Ich mache das nicht für mich, sondern für euch» hat ihm Sympathien eingebracht. Eine Koryphäe, die sich selbstlos in den Dienst der einst so stolzen Fussballnation Deutschland stellt – das ist Storytelling vom Feinsten.
Klopp ist nicht der Einzige, der auf dieses Narrativ zurückgreift, um seine Entscheidung für einen prominenten Jobwechsel zu erklären. Wir erinnern uns an die patriotischen Worte von Sergio Ermotti, als er 2023 den CEO-Posten der frisch mit der Credit Suisse fusionierten UBS (wieder) übernahm. Der Tessiner begründete die Rückkehr aus dem Halbruhestand damals mit der Formulierung «call of duty» – also einem Pflichtruf der Nation und der Bank, den der Ärmste natürlich nicht ignorieren konnte. Auch der letzte Swissair-Chef, Mario Corti, sah sich 2001 bei seinem Wechsel von der sicheren Nestlé zur taumelnden Schweizer Airline auf einer Mission, «für das Schweizer Volk eine Swissair zu schaffen, auf die es stolz sein kann».

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Aus der Sozialpsychologie ist bekannt, dass Menschen ihre Entscheidungen generell gerne als moralischer und bescheidener darstellen, als sie sind. «Ich habe diese Aufgabe nicht gesucht», sagte Ulrich Körner in der «Bilanz», als er 2022 mitten in der Krise bei der CS das Zepter übernahm. Er freue sich jetzt aber darauf, der Bank «etwas zurückzugeben». Im Fachjargon spricht man vom Phänomen des «Self-Enhancement» – also der Selbstaufwertung. Menschen stellen sich so dar, wie sie sich gerne sehen möchten.

Die Gastautorin

Karin Kofler ist regelmässige Gastkolumnistin und selbstständige Publizistin. Sie ist derzeit als Sabbatical-Vertretung für die Handelszeitung tätig.
Bei Managern oder eben auch Führungspersönlichkeiten aus Politik oder Sport ist diese Tendenz zur Moralisierung der Handlungen aber besonders interessant, denn die Forschung schreibt CEOs Eigenschaften zu, die ganz und gar nicht auf einen Hang zur Selbstlosigkeit hindeuten. Im Gegenteil: Topleader werden mit Dominanz, Selbstvertrauen, überdurchschnittlicher Leistungsbereitschaft und unterschiedlich ausgeprägtem Narzissmus verbunden. Status und Macht sind zentrale Antriebe dieser Personen. Ebenso wird ihnen eine hohe persönliche Risikobereitschaft zugeschrieben.
Das erklärt, warum sie sich auch von Krisensituationen häufig angezogen fühlen. Wo andere das latente Absturzrisiko sehen, fokussieren sie ihre Gedanken auf die Chance, die sich ihnen bietet, um in die Geschichtsbücher einzugehen.

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Dass Jürgen Klopp seinen neuen Job als Bundestrainer lediglich aus purem Altruismus macht, ist also mit ziemlicher Sicherheit bloss die halbe Wahrheit – ein Sommermärchen sozusagen. Menschen wie er kalkulieren ihr Aufwärtspotenzial und ihren Profit bei einem Wechsel ganz genau – und das ist auch völlig legitim. Die Risiken lassen sie sich zumindest finanziell absichern, auch wenn die meisten von ihnen – Klopp inklusive – das Geld de facto nicht nötig hätten. Sergio Ermottis «Call of duty»-Story erhielt auch Risse, als bekannt wurde, dass er für seine ersten neun Monate im Amt bereits 14,5 Millionen Franken eingestrichen hatte.
Fazit: Krisen brauchen Helden. Und Helden brauchen eine gute Geschichte. Die Erzählung von der Selbstlosigkeit ist dabei selbstredend charmanter als die vom eigenen Ehrgeiz und dem Wunsch, sich ein Denkmal zu setzen – selbst wenn beides gleichzeitig wahr sein kann.

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