Taugt das Motivationsschreiben nur noch fรผr den Schredder? KI hat den Nutzen relativiert. RMS Visuals - Julie Body (Diese Illustration wurde von einem KI-Modell generiert und von einem Menschen รผberprรผft und finalisiert.)
Die Migros sucht eine strategische Projektleitung im Bereich Unternehmenskommunikation. Wer sich durch das Jobportal des orangen Riesen klickt, wird explizit darauf hingewiesen, dass ein Motivationsschreiben nicht nรถtig sei. Auch ihre Tochter Digitec Galaxus winkt ab: ยซEin Motivationsschreiben ist bei uns nicht mehr Pflichtยป, sagt ein Sprecher. Man wolle es mittelfristig nicht mehr in der Bewerbungsmaske haben. Bei den ZFV-Unternehmungen, die vor kurzem mit einem HR-Preis der Arbeitgeberseite ausgezeichnet wurden, verlangt das Rekrutierungsteam ebenfalls ยซnicht mehr zwingendยป ein Motivationsschreiben. Man setze auf ยซtiefe Einstiegshรผrdenยป.
รber Jahrzehnte war das ยซAnschreibenยป die Kรผr im Bewerbungsprozess, ein Profilierungsinstrument zur Darstellung der Persรถnlichkeit. Sprachlich weniger Begabte brรผteten oft lange รผber solchen Schreiben, um ihre Chancen fรผr eine Gesprรคchseinladung zu erhรถhen.
Doch das hat sich radikal geรคndert. Der schleichende Niedergang dieser ยซpiรจce de rรฉsistanceยป begann allerdings bereits vor der Einfรผhrung der kรผnstlichen Intelligenz. ยซIn den letzten 15 Jahren sind die Motivationsschreiben zunehmend zur รผbertriebenen Prosa verkommen und haben deshalb als One-size-fits-all-Standarddokument immer weniger Mehrwert gebotenยป, sagt Pascal Scheiwiller, CEO der auf HR-Dienstleistungen spezialisierten Alixio Group in Zรผrich. Schon vor Chat GPT, Claude und dergleichen seien die Schreiben oft von anderen Personen verfasst und mit Worthรผlsen zu geschliffenen nichtssagenden Werbeschreiben in eigener Sache geformt worden, sagt der HR-Experte. Mit der Einfรผhrung von KI hat sich dieser Trend vollends verselbststรคndigt.
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Zu generisch, austauschbar, wenig originell
Unternehmen gehen heute mehrheitlich davon aus, dass die Motivationsschreiben mit KI verfasst worden sind โ teilweise oder vollstรคndig. Dumm nur, dass die Briefe dadurch nicht besser geworden sind. Zwar sind sie laut ZFV-Unternehmungen heute ยซstrukturierter und fehlerfreierยป. Doch inhaltlich zeigt man sich in der Firmenwelt wenig happy รผber die Entwicklung. ยซDie Qualitรคt der Motivationsschreiben hat sich durch den Einsatz von KI nicht zwingend verbessertยป, heisst es beim Versicherer Allianz Suisse. ยซEs fรผhrt manchmal dazu, dass Bewerberinnen weniger eigenstรคndig denken und ihre persรถnliche Note vernachlรคssigen.ยป Bei anderen Unternehmen tรถnt es รคhnlich: Zu generisch, zu wenig originell, austauschbar, zu lang โ die Kritik ist vielfรคltig.
Das Motivationsschreiben hat eine lange Tradition auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert hatte einen Wettbewerb um Arbeitskrรคfte ausgelรถst und damit eine Professionalisierung in der Rekrutierung, die dazu fรผhrte, dass sich das heutige Standarddossier โ Lebenslauf, Zeugnisse/Diplome, Motivationsschreiben โ nach dem Zweiten Weltkrieg breit etablierte.
ยซFrรผher gabs zwei Fraktionen in der Personalabteilung โ diejenige, die lieber zuerst das Motivationsschreiben las und dann den Lebenslauf, und die andere, die es umgekehrt machte. Heute zรคhlt klar der Lebenslaufยป, sagt Matthias Mรถlleney, Leiter des Zentrums fรผr Human Resources und Leadership an der HWZ Zรผrich. Trotz dieser Fokussierung auf den Lebenslauf wird das Motivationsschreiben von sehr vielen Unternehmen โ vor allem KMU โ noch standardmรคssig eingefordert. Der Grund dafรผr ist aus Sicht von Mรถlleney banal: ยซEs gibt schlicht noch keine vernรผnftige Alternative zum Motivationsschreiben.ยป Fรผr den Experten ist klar: Einfach nur noch auf den Lebenslauf zu fokussieren, wie das einige Unternehmen bereits tun, ist falsch. ยซEs ist wichtig, die Kandidatinnen und Kandidaten auch beim Erstkontakt als Persรถnlichkeit zu spรผrenยป, sagt Mรถlleney. Einige Firmen wรผrden beispielsweise ein kurzes Video anstelle des Motivationsschreibens fordern. Doch das findet der Personalprofi nicht optimal, weil es neue Diskriminierungen schafft. ยซBei Videos sind die jรผngeren Generationen klar bevorteilt.ยป
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Matthias Mรถlleney, Leiter des Zentrums fรผr Human Resources und Leadership an der HWZ Zรผrich.iafob deutschland
Matthias Mรถlleney, Leiter des Zentrums fรผr Human Resources und Leadership an der HWZ Zรผrich.iafob deutschland
Wie also soll zeitgemรคsse Rekrutierung aussehen? Viele Unternehmen merken, dass sie sich angesichts des KI-Einheitsbreis etwas Neues einfallen lassen mรผssen. ยซInnerhalb der Allianz-Gruppe wird darรผber nachgedacht, neue Formate anstelle von Motivationsbriefen einzufรผhrenยป, heisst es beim Versicherer. ยซDie Unternehmen mรผssen klar kreativer werden in der Rekrutierungยป, fordert auch HR-Experte Scheiwiller. Mit den heutigen KI-basierten Systemen kรถnnte man seiner Meinung nach anstelle des Motivationsbriefs auch ein Kurz-Assessment in Form von drei intelligenten, aussagekrรคftigen Fragen machen.
Pascal Scheiwiller, CEO der auf HR-Dienstleistungen spezialisierten Alixio Group in Zรผrich.zVg
Pascal Scheiwiller, CEO der auf HR-Dienstleistungen spezialisierten Alixio Group in Zรผrich.zVg
Auch bei den Stellenanzeigen sieht Scheiwiller Handlungsbedarf: Die von den Bewerbenden geforderte Originalitรคt und Prรคgnanz werde von den Firmen hรคufig selber nicht eingelรถst. ยซDie Stelleninserate kommen viel zu generisch daher. Sie sind mit den ewig gleichen Buzzwรถrtern gespickt statt mit reflektierten, prรคzisen Anforderungsprofilen und Jobbeschreibungenยป, kritisiert Scheiwiller.
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Umstrittene Selektion mit KI
Das Paradoxe am modernen Arbeitsmarkt ist: KI treibt die Menge an Bewerbungen stetig an. Weil die Interessentinnen weniger Aufwand betreiben mรผssen, um ihr Dossier zusammenzustellen, verschicken sie auch mehr Bewerbungen. Fรผr die Unternehmen bedeutet das mehr Aufwand in der Rekrutierung, obwohl KI eigentlich das Gegenteil bewirken sollte. Scheiwiller glaubt, dass auch hier neue Lรถsungen gefordert sind. ยซFรผr die Unternehmen wird die Suche im versteckten Stellenmarkt รผber persรถnliche Kontakte aufgrund der Flut von KI-Bewerbungen wieder attraktiver und mรถglicherweise effizienter.ยป
Hinzu kommt: KI-basierte Applicant-Tracking-Systems (ATS), die im Recruiting schon fleissig zur Vorselektion von Bewerbungen eingesetzt werden, sind zunehmend Kritik ausgesetzt (siehe Box). Matthias Mรถlleney, der mit seiner Firma Peoplexpert Firmen in HR-Themen berรคt, ist รผberzeugt, dass diese Gegenbewegung auch in die Schweiz kommen wird. Der Einsatz von KI im Recruiting werde im neuen KI-Gesetz der EU (AI Act) bereits als Hochrisiko eingestuft. Mรถlleney: ยซAuch Unternehmen in der Schweiz mรผssen mit Klagen rechnen.ยป
In den USA wehren sich Bewerber gegen den Einsatz von KI im Bewerbungsverfahren. Im Januar wurde in Kalifornien eine Sammelklage gegen Eightfold AI eingereicht. Die Firma betreibt eine Plattform, die Bewerbungen analysiert. Bei der Klage geht es um den Vorwurf mangelnder Transparenz: Die Daten werden laut Klageschrift beim automatischen Prozess etwa mit Angaben aus sozialen Medien angereichert, welche die Bewerber nicht angegeben hatten. Die Plattform erstellt daraus Profile, in denen Bewerber mit einem Score von null bis fรผnf nach ihrer Eignung gerankt werden. Gleichzeitig sorgt eine Klage gegen die Firma Workday fรผr Aufsehen. Dabei geht es um den Vorwurf der systematischen Diskriminierung von Bewerbern.
In der EU regelt der sogenannte EU AI Act den Umgang mit KI, dazu gehรถrt auch der sensitive Bereich Rekrutierung. Schweizer Unternehmen mit Bezug zur EU sind davon ebenfalls betroffen. Die Schweiz selbst hat auch bereits einen Regulierungsprozess fรผr KI in Gang gesetzt. Doch der politische Prozess lรคuft hierzulande noch.