Braucht es noch Bewerbungsschreiben, wenn sie sowieso KI-generiert sind? Die Firmen sind gespalten. Doch noch fehlt eine valable Alternative.
Karin Kofler
Taugt das Motivationsschreiben nur noch fΓΌr den Schredder? KI hat den Nutzen relativiert. RMS Visuals - Julie Body (Diese Illustration wurde von einem KI-Modell generiert und von einem Menschen ΓΌberprΓΌft und finalisiert.)
Die Migros sucht eine strategische Projektleitung im Bereich Unternehmenskommunikation. Wer sich durch das Jobportal des orangen Riesen klickt, wird explizit darauf hingewiesen, dass ein Motivationsschreiben nicht nΓΆtig sei. Auch ihre Tochter Digitec Galaxus winkt ab: Β«Ein Motivationsschreiben ist bei uns nicht mehr PflichtΒ», sagt ein Sprecher. Man wolle es mittelfristig nicht mehr in der Bewerbungsmaske haben. Bei den ZFV-Unternehmungen, die vor kurzem mit einem HR-Preis der Arbeitgeberseite ausgezeichnet wurden, verlangt das Rekrutierungsteam ebenfalls Β«nicht mehr zwingendΒ» ein Motivationsschreiben. Man setze auf Β«tiefe EinstiegshΓΌrdenΒ».
Γber Jahrzehnte war das Β«AnschreibenΒ» die KΓΌr im Bewerbungsprozess, ein Profilierungsinstrument zur Darstellung der PersΓΆnlichkeit. Sprachlich weniger Begabte brΓΌteten oft lange ΓΌber solchen Schreiben, um ihre Chancen fΓΌr eine GesprΓ€chseinladung zu erhΓΆhen.
Unternehmen gehen heute mehrheitlich davon aus, dass die Motivationsschreiben mit KI verfasst worden sind β teilweise oder vollstΓ€ndig. Dumm nur, dass die Briefe dadurch nicht besser geworden sind. Zwar sind sie laut ZFV-Unternehmungen heute Β«strukturierter und fehlerfreierΒ». Doch inhaltlich zeigt man sich in der Firmenwelt wenig happy ΓΌber die Entwicklung. Β«Die QualitΓ€t der Motivationsschreiben hat sich durch den Einsatz von KI nicht zwingend verbessertΒ», heisst es beim Versicherer Allianz Suisse. Β«Es fΓΌhrt manchmal dazu, dass Bewerberinnen weniger eigenstΓ€ndig denken und ihre persΓΆnliche Note vernachlΓ€ssigen.Β» Bei anderen Unternehmen tΓΆnt es Γ€hnlich: Zu generisch, zu wenig originell, austauschbar, zu lang β die Kritik ist vielfΓ€ltig.
Das Motivationsschreiben hat eine lange Tradition auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert hatte einen Wettbewerb um ArbeitskrΓ€fte ausgelΓΆst und damit eine Professionalisierung in der Rekrutierung, die dazu fΓΌhrte, dass sich das heutige Standarddossier β Lebenslauf, Zeugnisse/Diplome, Motivationsschreiben β nach dem Zweiten Weltkrieg breit etablierte.
Β«FrΓΌher gabs zwei Fraktionen in der Personalabteilung β diejenige, die lieber zuerst das Motivationsschreiben las und dann den Lebenslauf, und die andere, die es umgekehrt machte. Heute zΓ€hlt klar der LebenslaufΒ», sagt Matthias MΓΆlleney, Leiter des Zentrums fΓΌr Human Resources und Leadership an der HWZ ZΓΌrich. Trotz dieser Fokussierung auf den Lebenslauf wird das Motivationsschreiben von sehr vielen Unternehmen β vor allem KMU β noch standardmΓ€ssig eingefordert. Der Grund dafΓΌr ist aus Sicht von MΓΆlleney banal: Β«Es gibt schlicht noch keine vernΓΌnftige Alternative zum Motivationsschreiben.Β» FΓΌr den Experten ist klar: Einfach nur noch auf den Lebenslauf zu fokussieren, wie das einige Unternehmen bereits tun, ist falsch. Β«Es ist wichtig, die Kandidatinnen und Kandidaten auch beim Erstkontakt als PersΓΆnlichkeit zu spΓΌrenΒ», sagt MΓΆlleney. Einige Firmen wΓΌrden beispielsweise ein kurzes Video anstelle des Motivationsschreibens fordern. Doch das findet der Personalprofi nicht optimal, weil es neue Diskriminierungen schafft. Β«Bei Videos sind die jΓΌngeren Generationen klar bevorteilt.Β»
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Matthias MΓΆlleney, Leiter des Zentrums fΓΌr Human Resources und Leadership an der HWZ ZΓΌrich.iafob deutschland
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Wie also soll zeitgemΓ€sse Rekrutierung aussehen? Viele Unternehmen merken, dass sie sich angesichts des KI-Einheitsbreis etwas Neues einfallen lassen mΓΌssen. Β«Innerhalb der Allianz-Gruppe wird darΓΌber nachgedacht, neue Formate anstelle von Motivationsbriefen einzufΓΌhrenΒ», heisst es beim Versicherer. Β«Die Unternehmen mΓΌssen klar kreativer werden in der RekrutierungΒ», fordert auch HR-Experte Scheiwiller. Mit den heutigen KI-basierten Systemen kΓΆnnte man seiner Meinung nach anstelle des Motivationsbriefs auch ein Kurz-Assessment in Form von drei intelligenten, aussagekrΓ€ftigen Fragen machen.
Pascal Scheiwiller, CEO der auf HR-Dienstleistungen spezialisierten Alixio Group in ZΓΌrich.zVg
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Auch bei den Stellenanzeigen sieht Scheiwiller Handlungsbedarf: Die von den Bewerbenden geforderte OriginalitΓ€t und PrΓ€gnanz werde von den Firmen hΓ€ufig selber nicht eingelΓΆst. Β«Die Stelleninserate kommen viel zu generisch daher. Sie sind mit den ewig gleichen BuzzwΓΆrtern gespickt statt mit reflektierten, prΓ€zisen Anforderungsprofilen und JobbeschreibungenΒ», kritisiert Scheiwiller.
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Umstrittene Selektion mit KI
Das Paradoxe am modernen Arbeitsmarkt ist: KI treibt die Menge an Bewerbungen stetig an. Weil die Interessentinnen weniger Aufwand betreiben mΓΌssen, um ihr Dossier zusammenzustellen, verschicken sie auch mehr Bewerbungen. FΓΌr die Unternehmen bedeutet das mehr Aufwand in der Rekrutierung, obwohl KI eigentlich das Gegenteil bewirken sollte. Scheiwiller glaubt, dass auch hier neue LΓΆsungen gefordert sind. Β«FΓΌr die Unternehmen wird die Suche im versteckten Stellenmarkt ΓΌber persΓΆnliche Kontakte aufgrund der Flut von KI-Bewerbungen wieder attraktiver und mΓΆglicherweise effizienter.Β»
Hinzu kommt: KI-basierte Applicant-Tracking-Systems (ATS), die im Recruiting schon fleissig zur Vorselektion von Bewerbungen eingesetzt werden, sind zunehmend Kritik ausgesetzt (siehe Box). Matthias MΓΆlleney, der mit seiner Firma Peoplexpert Firmen in HR-Themen berΓ€t, ist ΓΌberzeugt, dass diese Gegenbewegung auch in die Schweiz kommen wird. Der Einsatz von KI im Recruiting werde im neuen KI-Gesetz der EU (AI Act) bereits als Hochrisiko eingestuft. MΓΆlleney: Β«Auch Unternehmen in der Schweiz mΓΌssen mit Klagen rechnen.Β»
In den USA wehren sich Bewerber gegen den Einsatz von KI im Bewerbungsverfahren. Im Januar wurde in Kalifornien eine Sammelklage gegen Eightfold AI eingereicht. Die Firma betreibt eine Plattform, die Bewerbungen analysiert. Bei der Klage geht es um den Vorwurf mangelnder Transparenz: Die Daten werden laut Klageschrift beim automatischen Prozess etwa mit Angaben aus sozialen Medien angereichert, welche die Bewerber nicht angegeben hatten. Die Plattform erstellt daraus Profile, in denen Bewerber mit einem Score von null bis fΓΌnf nach ihrer Eignung gerankt werden. Gleichzeitig sorgt eine Klage gegen die Firma Workday fΓΌr Aufsehen. Dabei geht es um den Vorwurf der systematischen Diskriminierung von Bewerbern.
In der EU regelt der sogenannte EU AI Act den Umgang mit KI, dazu gehΓΆrt auch der sensitive Bereich Rekrutierung. Schweizer Unternehmen mit Bezug zur EU sind davon ebenfalls betroffen. Die Schweiz selbst hat auch bereits einen Regulierungsprozess fΓΌr KI in Gang gesetzt. Doch der politische Prozess lΓ€uft hierzulande noch.