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Logitech: «Nichts wirklich Cooles»

«Logitech wird schneller, besser, profi­tabler sein»: Bracken Darrell.

Der neue Logitech-Chef Bracken Darrell über den Niedergang der Marke, den Hype um Google Glass und neue Produktlinien.

Von Marc Kowalsky
28.05.2013

BILANZ: Bracken Darrell, im Ranking der 50 wertvollsten Marken, das BILANZ kürzlich publizierte, ist Logitech der ­grosse Verlierer. Die Marke hat ein ­Siebtel ihres Wertes verloren. Was ist das ­Problem bei Logitech?

Bracken Darrell: Logitech wurde auf ­tollen Produkten aufgebaut. Aber wir haben in letzter Zeit unser Niveau ­gesenkt. Wir hatten keine schlechten Produkte, aber auch nichts wirklich ­Cooles, das den Leuten aufgefallen wäre. Also verschwinden wir ganz langsam aus der Wahrnehmung.

Seit Ihr Wechsel bekannt wurde, hat die Logitech-Aktie ein Viertel ihres Wertes verloren. Das haben Sie sich – auch wegen Ihrer vielen Optionen – vermutlich anders vorgestellt.

Ich habe mir ehrlich gesagt gar keinen bestimmten Zeitrahmen vorgestellt, wie lange der Turnaround dauert. Ich wusste, welche Massnahmen es kurzfristig brauchte, und ich hoffe, dass ich hier für ein Jahrzehnt bleibe, um langfristig etwas tolles Neues aufzubauen. Ich bin nicht desillusioniert darüber, wo wir sind. Ich fühle, wir sind auf Kurs.

Sind Sie sauer auf Microsoft?

Nein. Warum sollte ich?

Weil Windows 8 ein Flop ist und der PC-Markt, von dem Logitech abhängig ist, darunter extrem leidet.

Sie versuchen ihr Bestes, sie versuchen sich an die neue Welt anzupassen. Ich bin nie sauer auf jemanden, der Sachen macht, die nicht perfekt funktionieren. Ich bin nur sauer auf jemanden, der die Fehler aus der Vergangenheit wiederholt. Ich glaube, Microsoft versucht das Richtige. Sie sind einfach nicht schnell genug.

Wie will Logitech wieder wachsen?

Im Geschäft mit PC-Zubehör werden wir den Profit maximieren. Der PC-Spiele-Markt wird dabei klar ein Wachstumsmotor sein. Gleiches gilt für Unified Communications. Zubehör für Tablets wird uns grosse Wachstumsraten ­bescheren. Musik kann auch interessant werden. Und es gibt andere Dinge. Aber wir werden eines nach dem anderen ­angehen. Ich will nicht fünf andere Wachstumschancen ins Spiel bringen und mich dann verzetteln. Logitech wird schneller, besser, profitabler sein.

Im schrumpfenden PC-Geschäft wollen Sie bleiben, aber das wachsende ­Geschäft der Videoüberwachung wollen Sie abstossen, ebenso jenes mit Fern­bedienungen. Was soll das?

Beide sind nicht profitabel. Beide könnten interessante Geschäfte für uns werden, aber das braucht eine Menge Arbeit. Und das ginge auf Kosten anderer Segmente wie des PC-Gaming- und des Tablet-Geschäfts. Aber dort gibt es genug Wachstumschancen. Wenn wir diese ­beiden Bereiche gut managen, wird es Logitech gut gehen, egal was in den ­anderen Segmenten passiert.

Warum haben Sie die Videoüberwachung 2009 denn überhaupt gekauft?

Es ist leicht, zurückzuschauen und zu sagen: «Ha, welcher Idiot hat das gemacht?» Aber schauen Sie, wo wir damals standen. Das PC-Geschäft wuchs sehr stark, und jemand hat wohl gesagt: «Das wird nicht immer so bleiben.»

Diese Annahme wenigstens war korrekt.

Genau. Und mit diesem Rückenwind hat man sich überlegt: Welche anderen Bereiche können wir entwickeln? Videoüberwachung war einer davon. Wenn wir jetzt nicht in einem Turnaround wären, wenn wir mehr Zeit und Ressourcen hätten, würde ich das Geschäft nicht verkaufen. Aber das haben wir nicht.

Logitech war immer im Geschäft mit «the last inch», den letzten Zentimetern zwischen Benutzer und Computer. Warum sind Sie nicht in den letzten Zentimetern des Smartphone-Geschäftes?

Das ist eine sehr, sehr gute Frage.

Und was ist Ihre sehr, sehr gute Antwort?

Alles, was ich sagen kann, ist: Wir sind gerade dabei, die Prioritäten zu ordnen.

Wieso haben Sie kein Zubehör für Android-Tablets im Sortiment, die dem iPad zunehmend Marktanteile abnehmen?

Auch daran arbeiten wir. Samsung hat eine starke Welle. Die müssen wir reiten.

Aber warum braucht Logitech immer so lange, um Trends zu erkennen? Schon den iPad-Boom haben Sie völlig verschlafen.

Ich kenne die Antwort nicht. Ich war ­übrigens nicht bei Logitech damals. Aber wäre ich es gewesen, wäre genau das Gleiche passiert. Denn als Steve Jobs 2010 das iPad präsentierte, habe ich gesagt: Wow, jetzt haben sie doch mal danebengegriffen! Und dann kam diese Welle …

Was tun Sie, damit Logitech nicht auch in Zukunft Trends verschläft?

Wir haben einen Prozess im Gang, bei dem hier in der Schweiz regelmässig ein Team von zehn Leuten zusammenkommt und die Dinge durchdenkt: Was passiert da draussen, was kommt auf uns zu? Was sollten wir tun? Wo fehlt uns etwas? Und wir bringen das Topmanagement näher an den Konsumenten und den Markt. Bislang hatten wir das Problem, dass zu viele Leute an zu viele Leute rapportierten.

Momentan gibt es einen grossen Hype um Google Glass. Was halten Sie davon?

Ich habe Google Glass nie ausprobiert, aber ich bin zutiefst beeindruckt von der Hartnäckigkeit, mit der Google so weit gekommen ist. Diese Leute wollen wirklich die Welt verändern.

Dabei wäre so eine Datenbrille eigentlich ein typisches Logitech-Produkt.

Sie könnte es leicht sein. Aber normalerweise erschaffen wir keine neuen Produktekategorien. Wir gehen in existierende Kategorien und schaffen dort ein tolles Benutzererlebnis durch Innovationen. Darin sind wir gut. Das ist auch meine zukünftige Vision für Logitech.

Sind eigene Shops, wie sie Apple, Sony oder Samsung haben, für Sie ein Thema?

Wir haben ja bereits einen Laden in Shanghai für unsere Audiomarke Ultimate Ears. Dort kann man sich massgeschneiderte Ohrhörer anfertigen lassen. Das kann man sonst nirgends auf der Welt. Individuell angefertigte Brillen­gläser bekommen Sie überall innerhalb einer Stunde. Für uns ist das ein Experiment. Wir haben die richtige Marke, wir haben die richtige Technologie, und die nächsten drei Monate werden wir eine Menge lernen. Ich hoffe, es wird noch sehr viel weiter gehen. Noch sind wir von einer eigenen Ladenkette weit entfernt, aber undenkbar ist es nicht.

Im März haben Sie ein Fünftel der ­Schweizer Arbeitsplätze gekappt. Welche Zukunft haben die Firmenstandorte in Morges und Ecublens?

Die Schweizer Standorte sind das Herz oder das Gehirn für Logitech oder sonst irgendein Körperteil, ohne den man nicht leben kann. Ich erwarte also, dass wir weiterhin sehr starke Schweizer Betriebe haben werden. Wir legen gerade ein paar Standorte zusammen, aber insgesamt werden wir die Bereiche Engineering und Design, die hier gemacht werden, ausbauen.

Wird Logitech weiter schrumpfen, oder haben Sie den Tiefpunkt nun erreicht?

Das Problem ist: Man weiss erst, ob man den Tiefpunkt erreicht hat, wenn man wieder auf dem Weg nach oben ist. Das sind wir noch nicht. Ich erwarte aber, dass wir nicht weiter schrumpfen werden, ausser um die Bereiche, die wir verkaufen wollen.

Ein Triathlet für Logitech: Seit Januar ist Bracken Darrell (50) CEO des Computerzubehör-Herstellers Logitech. Der Mann aus Kentucky war zuvor Europa- chef des Weisswarenherstellers Whirlpool. Logitech, 1981 in Apples VD gegründet und mit Haupsitz im Silicon Valley, kommt seit Jahren nicht aus der Krise: Der 2,1-Milliarden-Konzern verpasste Trends und leistete sich Produkteflops.

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