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Larry Fink im Interview

«Die Schweiz ist einer der wichtigsten Märkte weltweit für uns»

Der Chef des weltweit grössten Vermögensverwalters Blackrock spricht über die Weltlage, Nachhaltigkeit, Krypto und seine Wurzeln bei der CS.

Markus Diem Meier

«Wir haben über dreissig Jahre von einer Friedensdividende profitiert»: Blackrock-Chef Larry Fink.
«Wir haben über dreissig Jahre von einer Friedensdividende profitiert»: Blackrock-Chef Larry Fink. Paolo Dutto

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Wir haben einen Krieg in der Ukraine und Streit zwischen China und den USA. Welche Risiken sehen Sie für die Weltwirtschaft?

Wir haben über dreissig Jahre von einer Friedensdividende profitiert. In keiner Zeit der Menschheit stiegen weltweit so viele Menschen zur Mittelklasse auf. Wir haben effiziente und kostengünstige Wertschöpfungsketten geschaffen. Davon hat die ganze Welt profitiert. Gleichzeitig ist die Ungleichheit an vielen Orten der entwickelten Welt und in Entwicklungsländern gestiegen.

Das ist jetzt vorbei?

Dann kamen Covid und danach der Krieg in der Ukraine. Und damit auch immer grössere Differenzen zwischen den Regionen. Das hatte negative Auswirkungen auf die Wertschöpfungsketten. Die Rolle der Globalisierung hat sich generell verändert. Sie ist nicht verschwunden, aber sie ist nicht mehr dieselbe, wie wir sie zuvor kannten.

Und jetzt?

Viele der jüngsten Entwicklung sorgen für ein hohes Inflationsrisiko. Dank den effizienten Wertschöpfungsketten mit China hat die ganze Welt zuvor von einer grösseren Produktvielfalt zu tieferen Preisen profitiert. Das wurde mit Covid-19 auf die Probe gestellt, aber auch durch veränderte Konsumgewohnheiten.

Was treibt die Inflation?

Nach Covid kam es zu massiven Ungleichgewichten durch ein sinkendes Angebot und eine zu grosse Nachfrage. Dann stürzte der Krieg in der Ukraine die Energiemärkte in Turbulenzen. Gleichzeitig sehen wir immer mehr Hinweise auf Dürren und eine steigende Hitze, die zu enormen Problemen in der Nahrungsmittelproduktion führen. Zudem richten die Unternehmen ihre Wertschöpfungsketten neu aus. All das sorgt für eine höhere Inflation.

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Wann wird die Inflation wieder zurückgehen?

Die Inflation wird uns noch eine Weile begleiten, es sei denn, die Zentralbanken treten mit Zinserhöhungen derart stark auf die Bremse, dass es in der Wirtschaft zu einer Rezession kommt. Dann wird die Inflation zurückgehen, weil die Nachfrage zurückgeht.

Rechnen Sie denn damit, dass die Notenbanken eine Rezession auslösen?

Es ist interessant zu sehen, was die britische Notenbank getan hat. Weil die Destabilisierung des Pfundes und des Anleihenmarktes gedroht haben, musste sie eine extreme Kehrtwende vollziehen. Über Anleihenkäufe muss sie nun wieder mehr Geld in die Wirtschaft leiten. Die Entwicklung zeigt die Risiken, die mit der starken Einschränkung der Geldversorgung durch die Zentralbanken einhergehen.

Der Geldmanager

Name: Laurence Douglas «Larry» Fink
Funktion: Co-Gründer, CEO und Präsident Blackrock
Alter: 69
Ausbildung: Studium der Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaften an der University of California (UCLA), MBA in Immobilienwirtschaft an der UCLA Anderson Graduate School of Management
Karriere: Laurence «Larry» Fink arbeitete von Mitte der 1970er bis in die zweite Hälfte der 1980er Jahre als Trader für die Investmentbank First Boston. Ende der 1980er legte er mit sieben Partnern den Grundstein für Blackrock. Er führt die Firma als CEO und Präsident in Personalunion und hat Blackrock zum weltweit grössten Vermögensverwalter gemacht. Die verwalteten Vermögen per Ende Juni summierten sich auf 8’487’410 Millionen Dollar. Fink gilt als «mächtigster Mann der Wall Street» («Fortune»). Auf der «Forbes»-Liste der mächtigsten Menschen der Welt rangiert er auf Platz 28.

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Die akute Krise in Grossbritannien wurde durch Pläne der Regierung ausgelöst, deutlich mehr Schulden zu akzeptieren. Sehen Sie hier eine generelle Entwicklung?

Absolut. In Europa findet eine Stimulierung der Wirtschaft über Staatsausgaben statt, während gleichzeitig die Europäische Zentralbank die Geldversorgung einschränkt. Auch in den USA hat die Regierung 2022 1,1 Billionen Dollar an fiskalischen Stimuli beschlossen, während die US-Notenbank die Geldversorgung eingeschränkt hat.

Worin konkret liegt die Gefahr solcher Massnahmen?

Ein solches Auseinanderklaffen zwischen einer bremsenden Geldpolitik und einer stimulierenden Fiskalpolitik haben wir seit 1980 nicht mehr gesehen. Es dauerte drei bis vier Jahre mit hohen Zinssätzen und einer Rezession, um aus diesem Inflations-Umfeld wieder herauszukommen. Ich gehöre zu denen, die damals dabei waren. Die Entwicklungen heute sind sehr ähnlich wie 1980.

Sie erwarten also, dass die Notenbanken wieder vorgehen werden wie damals Paul Volcker von der US-Notenbank, dass sie also die Konjunktur massiv abwürgen werden?

Wir müssen uns die Frage stellen, was so wichtig ist an einem Inflationsziel von 2 Prozent. Wieso nicht 3 Prozent? Wenn wir am 2-Prozent-Ziel festhalten wollen, dann braucht es viel höhere Zinssätze und das wird bedeuten, dass Millionen von Menschen ihren Job verlieren könnten. Dann werden wir eine harte Landung haben. Ist das wirklich das Richtige für die Gesellschaft?

Was meinen Sie?

Wir können uns eine etwas erhöhte Inflation erlauben, die auf Probleme mit dem Angebot und den Kosten zurückgeht. Denn die Angebotsprobleme dürften sich in den nächsten 18 Monaten von selbst entschärfen. Nehmen wir Europa: Man hat grosse Probleme mit der Energieversorgung – doch die dürften sich auf zwei Winter beschränken, auch wenn diese Winter nicht einfach werden.

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Was ist danach anders?

Die Massnahmen, die bereits ergriffen werden, werden sich auszahlen. Das betrifft etwa Dekarbonisierungstechnologien oder geplante Flüssiggas-Terminals und eine Umstellung der Angebotskanäle. In den USA haben wir keine Probleme mit der Energieversorgung, dort ist die Inflation die Folge einer exzessiven fiskalischen Stimulierung. Die dadurch erhöhte Inflation versucht die US-Notenbank nun einzugrenzen.

Wie lange?

Einige Quartale auf jeden Fall. Das hängt davon ab, was sonst noch passiert.

Wo sehen Sie die grössten Risiken?

Nirgendwo auf der Welt sieht es – wirtschaftlich gesehen – noch so gut aus wie vor einem oder zwei Jahren. Und es gibt weitere Fragen: Wie sehen die USA nach der Wahl aus? Wie sieht es in China nach dem Parteitag aus? Wie werden die Umstände in Europa sein? Für Europa wird es wichtig sein, sich von der Energieabhängigkeit zu Russland zu lösen.

Davon gehen Sie aus?

Europa ist in seinem Engagement zur Dekarbonisierung nicht ins Wanken geraten, aber die Länder sind kurzfristig pragmatisch und sagen: Wir müssen heizen, wir müssen Strom erzeugen. Dazu müssen wir kurzfristig Kohle einsetzen oder auch mehr Kernkraft. Das ist pragmatisch. Auch wenn es für 18 Monate schlecht aussieht, in 24 Monaten kann es wieder sehr gut aussehen.

Was bedeutet diese Unsicherheit für die Börsen? Da haben wir eine grosse Korrektur gesehen. Ihre Einschätzungen lassen vermuten, dass es kaum zu einer deutlichen Erholung kommen wird.

Ich würde dem zustimmen. Aber ich würde jedem langfristigen Investor einen Blick in die Geschichte empfehlen. Wer in Krisen wie 1987, 1991, 1998, 2001 oder 2008 und 2009 dem Markt den Rücken gekehrt hat, der oder die hat riesige Chancen verpasst.

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Sie würden also auch jetzt einen Einstieg empfehlen?

Wie viel man investiert, hängt vom Zeitrahmen und dem Bedarf an Geld ab, den jemand hat. Ich bin nicht hier, um Ihnen zu versichern, dass es nicht noch weitere 10 oder 15 Prozent nach unten gehen wird und ich sage auch nicht, dass es nach oben gehen wird. Aber in den letzten vierzig Jahren war es immer die beste Investition, kontinuierlich auf dem Markt zu bleiben und regelmässig in steigende, fallende und stabile Märkte zu investieren.

Das ist für viele Anlegerinnen und Anleger aktuell vermutlich schwierig zu akzeptieren.

Für jene, die versuchen, den richtigen Moment zu finden, ist es viel schwieriger. So wie der Markt heute steht, ist es wahrscheinlicher, dass es nach unten geht. Aber wenn Sie den Markt vor einem Jahr mochten, sollten Sie ihn heute lieben. Und ich kann Ihnen sagen, dass es heute einige Aktien gibt, die einen hohen langfristigen Wert haben und Korrekturen von 30 und 40 Prozent erlebt haben, weil sie zuvor zu hoch bewertet waren.

Wir treffen uns hier in Zürich in der Schweiz und Blackrock feiert aktuell das 25-Jahr-Jubiläum seiner hiesigen Vertretung. Welche Bedeutung hat die Schweiz für Blackrock?

Wir sind Schweizer in der Schweiz. Wir können kein amerikanisches Unternehmen in der Schweiz sein, um uns mit der Schweiz zu verbinden.

Was verbindet Sie mit der Schweiz?

Ich habe zu Beginn meiner Karriere für die Credit Suisse gearbeitet – für First Boston. Von den acht Gründern von Blackrock kamen sechs von Credit Suisse, First Boston. Wir haben also immer eine sehr starke und tiefe Beziehung zur Schweiz gehabt.

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Was denken Sie über die jüngste Entwicklung der Credit Suisse.

Ich spreche generell nicht über andere Unternehmen. Als ich hier war, habe ich das Management vieler grosser Banken und der grossen Versicherungsgesellschaften getroffen. Die Schweiz war von Anfang essenziell für Blackrock.

Wie sind Ihre Verbindungen zu den Schweizer Unternehmen?

Seit der Gründung von Blackrock vor 33 Jahren haben wir fantastische Partner in der Schweiz und weitere grossartige Beziehungen etwa zur Pharmabranche, zu Banken, den Versicherungen und zu den Vermögensverwaltern. Die Schweiz ist einer der wichtigsten Märkte weltweit für uns. Und das Ethos von Blackrock hat viele Wurzeln in der Schweiz.

Konkret?

In der Schweiz spielen langfristige Ersparnisse und die langfristige Vermögensbildung eine sehr grosse Rolle. Das steht auch für Blackrock seit der Gründung im Zentrum. Ich habe mich persönlich immer sehr stark mit dem Land verbunden gefühlt.

Larry Fink zum Vorwurf eines Regulierungsvorteils

Vonseiten der Banken wird zuweilen der Vorwurf laut, Blackrock profitiere als Vermögensverwalter von einer laxeren Regulierung. Der Blackrock-Chef hält dagegen: Seine Aussagen im Interview finden Sie hier gesondert.

Lassen Sie uns über die Nachhaltigkeitsstrategie von Blackrock sprechen. Wie stehen Sie zu Öl- und Gasanlagen?

Wir sind von der Strategie überzeugt, dass Klimarisiken auch Investitionsrisiken darstellen. Wenn Sie aber im letzten Jahr Aktien aus dem Kohlenstoffbereich besessen haben, sind Sie sehr gut damit gefahren; mit Aktien von Firmen dagegen, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, haben Sie mit einem Zeithorizont von einem Jahr eher schlecht abgeschnitten.

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Die Schlussfolgerung?

Wenn wir über das Klimarisiko als Investitionsrisiko sprechen, geht es um einen längeren Zeithorizont. Bei einem Dreijahreshorizont wäre der Vergleich der Renditen ausgeglichener ausgefallen.

Welche Bedeutung hat denn für Sie die Reduktion der Kohlenstoffemissionen?

Es ist sehr teuer, zu dekarbonisieren. Das gilt besonders angesichts der Ungleichgewichte von Angebot und Nachfrage im Bereich Gas und Öl. Bei Gas in Europa haben wir extreme Bewertungen. Die Ölpreise hingegen sind wieder auf demselben Niveau wie vor der russischen Invasion in der Ukraine. Langfristig gesehen findet die Energiewende jedoch statt und die Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle entsprechend anpassen.

Sie wenden sich also nicht von Gas- oder Ölinvestitionen ab?

Wir haben immer gesagt, dass wir unsere Investitionen in diesem Gebiet nicht veräussern. Wir waren immer ein Investor in Gaspipelines, etwa in die saudische Gaspipeline, jene in Abu Dhabi, die Pipeline von Texas nach Mexiko City. Wir sind überzeugt, dass Gas im Energiemix weiterhin eine sehr grosse Rolle spielen wird.

Das kommt vermutlich nicht überall gut an.

Nun, einige werden mir da widersprechen. Doch wir haben unsere Meinung nicht geändert: Eine schnelle Devestition im Bereich Öl und Gas ist kein fairer und gerechter Übergang. Das erfordert einen langfristigen Planungsprozess bei gleichzeitigen Investitionen in Dekarbonisierungstechnologien.

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Wo sehen Sie dann den Weg zur Reduktion von Kohlenstoff für die Erzeugung von Energie?

Ich bin ein grosser Anhänger von neuen Technologien und ich glaube an Sequestrierung und Kohlenstoff-Rückgewinnung. Wir sind überzeugt, dass diese Technologien den weiteren Kohlenstoff-Verbrauch kompensieren werden. Die Pipelines, die für Gas gebaut wurden, können eines Tages auch für Wasserstoff genutzt werden.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Investitionen im Bereich Nachhaltigkeit generell?

Wie in jedem jungen Markt gibt es schlechte Verhaltensweisen. Aber das bedeutet nicht, dass alles schlecht ist. Es muss einen langfristigen, umfassenden Plan geben und ein schrittweises Vorgehen, wenn es fair und gerecht gemacht werden soll. Der einzige Weg, um in Europa fair und gerecht vorzugehen, bedeutet, dass die Regierungen die Energiekosten subventionieren.

Philipp Hildebrand: Finks Vize

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Philipp Hildebrand ist die Nummer zwei hinter Larry Fink. Im Frühjahr sprach Chefredaktor Markus Diem Meier mit dem ehemaligen Chef der Nationalbank. Lesen Sie mehr hier.

Was halten Sie vom Vorgehen der Regierungen im Vorfeld der Krise?

An vielen Orten in Europa gab es Debatten über die Begrenzung des Angebots bei gleichbleibender Nachfrage. Und so hatten wir ein grosses Ungleichgewicht bei den Reinvestitionen in Kohlenwasserstoff. Jetzt sehen wir, wie die Energiepreise gestiegen sind.

Wie soll aber der Übergang zu Null-Emissionen gelingen?

Es ist wie bei einem Luftballon. Wenn man etwas Luft aus einem Ballon herausnimmt, schrumpft der Ballon, wenn man den Ballon nicht wieder aufbläst. So verhält es sich auch mit konventionellen Öl- und Gasquellen – lässt man hier die Luft aus dem Ballon, verliert man jedes Jahr etwa 8 Prozent des Energie-Angebots. Beim Fracking sind es sogar 20 Prozent. Um die Energiekosten für Haushalte in Europa stabil zu halten, ist es daher unerlässlich, dass wir auch in diesen Bereichen weiter reinvestieren.

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Wie steht es denn um die alternativen Energiequellen?

Wir waren immer der Meinung, dass man eine langfristige Strategie zur Nutzung traditioneller Energieträger braucht, verbunden mit Investition in neue Technologien, um die traditionellen zu ersetzen. Jetzt sind Solar- und Windenergie zwar konkurrenzfähig zu Öl oder Gas. Aber das Problem ist, dass es nicht immer sonnig und windig ist. Deshalb werden sich Wind und Solar aktuell nicht alleine durchsetzen können. Es braucht neue Technologien.

Mit Ihrer Haltung dürften Sie auf politische Widerstände stossen.

Wir versuchen, unsere Kunden über neue Technologien und neue Wege zu informieren, aber auch über die Notwendigkeit, weiterhin in traditionelle Energieunternehmen zu investieren. Wir haben uns dazu vielfach zu Wort gemeldet. Die Linken haben mich deswegen verurteilt. Und jetzt erhalten wir Kritik von rechts, weil man dort denkt, wir hätten uns für Devestitionen aus traditionellen Methoden eingesetzt. Das haben wir nicht getan.

Sie haben sich mit Kollegen aus führenden US-Unternehmen im sogenannten Business-Roundtable für eine grössere soziale Verantwortung von Unternehmen eingesetzt. Wie kommt das im aufgeheizten politischen Klima in den USA an?

Ich habe an dieser Debatte nicht selbst teilgenommen, aber wir haben uns dem Vorstoss angeschlossen. Die Polarisierung gibt es. In von den Demokraten dominierten Staaten stehen wir unter Druck, mehr soziales Engagement zu zeigen. In republikanisch dominierten Staaten lautet dagegen der Vorwurf, dass wir zu viel tun. Unsere Kunden verstehen unsere Haltung.

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Der Business-Roundtable-Vorstoss hat auch zu Debatten darüber geführt, ob sich Unternehmen überhaupt um gesellschaftliche Anliegen kümmern und sich nicht stattdessen besser auf ihr Geschäft fokussieren sollten.

Ich glaube an den Stakeholder-Kapitalismus. Das bedeutet für mich, dass man mit seinen Kunden und mit seinen Mitarbeitenden in engem Kontakt bleibt und gut mit ihnen zusammenarbeitet.

Larry Fink zum Thema Shareholder- versus Stakeholder-Kapitalismus

Milton Friedman meinte einst, «the Business of Business is Business» – und Unternehmen hätten den Wert für die Aktionäre zu maximieren: Der Blackrock-Chef sieht keinen Widerspruch zum Stakeholder-Kapitalismus. Seine Aussagen im Interview finden Sie hier gesondert.

Hat sich denn in Bezug auf die Mitarbeitenden etwas geändert?

Heute bringen sich Mitarbeitende viel mehr ein als je zuvor. Es geht darum, dass sie den Unternehmenszweck verstehen und sich motiviert fühlen. Darum geht es mir – und nicht darum, politische Reden zu halten. Es geht darum, die Mitarbeitenden zu stärken.

Kommen Unternehmen denn heute um eine politische Haltung herum?

Das beste Beispiel für Stakeholder-Kapitalismus ist das Verhalten der Unternehmen in Europa und in den Vereinigten Staaten gegenüber Russland, indem sie Russland verlassen haben. Das haben sie nicht wegen Sanktionen getan. Mehr als 1400 Unternehmen haben Russland von sich aus verlassen.

Weshalb?

Sie sind gegangen, weil ihre Mitarbeitenden und andere Stakeholder dies für die richtige Entscheidung gehalten haben. Es waren also nicht nur Sanktionen, sondern auch die Macht des Stakeholder-Kapitalismus. Auch unsere Kunden sagten weltweit: Das ist ungerecht. Und die CEO haben entsprechend reagiert.

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Das heisst, es geht beim Stakeholder-Kapitalismus in erster Linie um die Mitarbeitenden?

Ja, mir geht es um die Stärkung der Mitarbeitenden, darum, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie für die Organisation wichtig sind.

Welche Rolle hat Blackrock beim Entscheid der Unternehmen gespielt, Russland zu verlassen. Sie haben mit einem verwalteten Vermögen von 8,5 Billionen Dollar viel Macht über sehr viele Unternehmen, wenn Sie die Stimmrechte nutzen.

Wir haben nicht die geringste Rolle dabei gespielt. Das ist nicht unsere Rolle. Unser Job ist nicht die Rolle eines Aktivisten. Wir haben niemals Druck auf irgendein Unternehmen in der Welt ausgeübt, weder in Bezug auf Russland noch auf irgendetwas anderes.

Wie nutzen Sie denn die Rolle als grösster Aktienverwalter?

Unsere Aufgabe ist einzig, die Unternehmen dazu aufzufordern, für Transparenz zu sorgen. Mehr verlangen wir nicht. Wir sagen ihnen nicht, was sie tun sollen. Unsere Aufgabe ist es beispielsweise, bessere Informationen darüber zu erhalten, wie Unternehmen in den sogenannten Scope eins und zwei der Emissionen vorankommen, also bei den von ihnen selbst beeinflussbaren Emissionen.

Welche politischen Ziele verfolgen Sie denn als Unternehmen?

Unser Job ist es nicht, Aktivist für eine gesellschaftliche Sache zu sein – auch nicht Umweltaktivist. Das ist nicht unsere Aufgabe. Als Vermögensverwalter haben wir dafür zu sorgen, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun, um unsere Kunden, also die Leute, deren Gelder wir verwalten, zu informieren. Wenn ein Kunde sein Geld in einen hundertprozentigen Anteil an Kohlenstoff-Investitionen wünscht, werden wir diesen Auftrag erfüllen.

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Das heisst, Sie unterstützen gewöhnlich das Management der Unternehmen?

So ist es. Wir sind kein Aktionärsaktivist. Blackrock hat die meisten Management-Anträge unterstützt, weil wir mit diesen Firmen laufend im Dialog stehen. Sie kennen unsere Positionen. Die meisten Anträge drehen sich ohnehin um die Governance, also Unternehmensführung und nicht um Environment – also Umweltanliegen. Letztere machen nur einen sehr kleinen Anteil aus.

Welchen Aufwand betreiben Sie für diese Aufgabe?

Wir haben eine Gruppe von mehr als siebzig Personen in unserem Team, das sich um die Abstimmungen in den Unternehmen kümmert – mehr als alle anderen Vermögensverwalter. Und warum? Wir wollen mit den Unternehmen im Austausch sein. Wir wollen ein besserer Treuhänder sein.

In welchen Fällen lehnen Sie Anträge ab?

Wenn wir gegen das Management gestimmt haben, ging es meistens um die Führung, etwa wenn der Verwaltungsrat zu wenig Diversität aufwies. Wir sind überzeugt und können statistisch zeigen, dass ein Unternehmen mit einem zu wenig diversen Verwaltungsrat schlechter abschneidet, als wenn der Verwaltungsrat mehr Diversität aufweist.

So geht Klimaschutz bei Blackrock

Blackrock hat dieses Jahr an Generalversammlungen nur noch 22 Prozent der Vorschläge anderer Aktionäre unterstützt, die von den Unternehmen mehr Klima- und Umweltschutz oder mehr soziales Engagement forderten. Im vergangenen Jahr waren es 47 Prozent gewesen.

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«Das bedeutet nicht, dass uns das Klima nicht mehr wichtig ist», sagt Mirjam Staub-Bisang, Chefin von Blackrock Schweiz.
Mehr lesen Sie hier.

Sie haben jüngst auch mit Ihrer Haltung zu Kryptowährungen für Schlagzeilen gesorgt. Sie haben entschieden, den Kryptohandelsplatz Coinbase auf Ihre Plattform zu nehmen. Einst haben Sie die Kryptogelder kritisiert. Was erklärt den Wandel?

In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit Bitcoin beschäftigt. Vor fünf Jahren glaubte ich, dass der Grossteil der Bitcoin-Aktivitäten Geldwäsche war. Aber die Dinge haben sich weiterentwickelt.

Und jetzt?

Seither haben wir digitale Währungen intensiv studiert und auch ihre Rolle in der Gesellschaft. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir den Zahlungsverkehr in der Welt revolutionieren müssen. Die Kosten für Zahlungen sind viel zu hoch.

Können Sie das ausführen?

Mein Vater besass ein Schuhgeschäft. Als ich dort arbeitete und Kunden elektronisch bezahlt haben, musste man mit einer Maschine über die Karte rollen. Am Ende des Tages ist man mit allen Zahlungen zu einer Bank gegangen und eine Woche oder zehn Tage später kam das Geld. Dafür wurden 2 Prozent des Umsatzes abgezogen. Heute läuft alles innert einer Sekunde automatisiert. Aber die Gebühren sind noch immer 2 Prozent.

Viel weniger Aufwand und noch immer die gleichen Gebühren …

Ein Beispiel: Sie arbeiten in einem fremden Land und wollen Ihrer Familie Geld senden. Ganze 4 Prozent davon werden Ihnen für die Überweisung abgezogen. Das muss sich ändern. In Indien wurden die Kosten für Zahlungen massiv reduziert, nicht aber im Westen. Deshalb bin ich sehr überzeugt davon, dass wir das Zahlungssystem revolutionieren müssen.

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Welche Rolle kann dabei digitales Geld durch Notenbanken spielen?

Ich glaube, dass ein digitaler Euro oder ein digitaler Dollar eine Rolle spielen werden. Die grosse Frage ist aber, welche Rolle das Bankensystem noch spielen kann, wenn man das Geld digitalisiert. Es gibt viele grosse Fragen zu klären. Aber die Technologie der Digitalisierung von Währungen ist sehr wichtig. Auch mehr und mehr Kunden fragen uns, was sie tun sollen.

Was tun Sie denn nun konkret in dieser Hinsicht?

Wir haben uns entschlossen, in solche Unternehmen zu investieren, um sie besser zu verstehen. Wir haben eine ein Team, das sich damit auseinandersetzt, welche Rolle wir hier spielen können. Wir haben beispielsweise in ein Unternehmen namens Circle investiert – eines der am schnellsten wachsenden Stablecoin-Unternehmen der USA. Und wir verwalten die Sicherheiten in diesem Geschäft, ohne ein Kreditrisiko einzugehen.

Und welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit Coinbase?

Coinbase ist ein grosser Händler in der Digitalisierung von Stablecoin. Deshalb sind wir eine Partnerschaft mit ihnen eingegangen. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht mit jemandem ein Gespräch über Stablecoin, Krypto, digitale Zahlungen, Defi oder Bitcoin führe. Heute verstehe ich auch Bitcoin besser als vor fünf Jahren.

Welche Ansicht vertreten Sie denn heute über Bitcoin?

Lassen Sie es mich Blackrock-adäquat ausdrücken. Unsere Aufgabe besteht darin, Hoffnung zu geben. Warum sollte jemand in ein dreissigjähriges Instrument investieren, wenn man nicht daran glaubt, dass es der Menschheit künftig besser gehen wird? Bitcoin ist, wie ich es nennen würde, ein digitales Gold. Wie Gold ist es eine Anlageklasse der Unsicherheit.

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Was meinen Sie damit?

Wenn man nicht an das System glaubt – was immer damit gemeint ist – und, wenn man nicht an das Drucken von Geld und die exzessive Geldpolitik glaubt und wenn man Angst vor der politischen Atmosphäre in einem Land hat, wo auch immer das sein mag – ich denke, dann spielt Bitcoin im Moment die Rolle, die früher Gold gespielt hat.

Druck auf CEOs: Blackrock will Aktionärsdemokratie ausbauen

Einmal jährlich verfasst der Larry Fink einen Brief an die Chefs der Unternehmen, in welche Blackrock investiert. 2022 stand unter dem Titel «Die transformative Kraft des Kapitalismus».
Darin fällt ein Thema auf: Stakeholder-Kapitalismus in einem weiteren Sinne und insbesondere die Ausübung der Stimmrechte der Anleger. Fink kündigt einen deutlichen Ausbau der Mitwirkungsmöglichkeiten der Kunden an, die via Blackrock in Aktien investieren.
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