Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann hält die Zeit noch nicht reif für einen rein elektrischen Sportwagen seiner Marke. (Photo by Matt Jelonek/Getty Images) Getty Images
Das Führen eines Luxussportwagenherstellers wie Lamborghini braucht so viel Feingefühl wie das Fahren eines dieser PS-Boliden am Limit: Die Verkäufe sollen zulegen, doch die Exklusivität muss gewahrt bleiben. Technisch müssen die Autos zum Besten zählen – aber zu viel Fortschritt kann auch gefährlich werden. Daher hat Lamborghini-Chefpilot Stephan Winkelmann dem ersten Vollstrom-Lamborghini den Stecker gezogen.
Vor fünf Jahren, als die Planungen begannen, sei die Akzeptanz so hoch gewesen, dass auch Lamborghini seine Modellpalette mit einer vierten vollelektrischen Baureihe ergänzen wollte. Ursprünglich sollte der erste E-Lambo, der als viertüriger GT geplant war, noch vor Ende der Dekade auf den Markt kommen. «Doch die Ablehnungsrate unter unseren Kunden wurde in den letzten Jahren nicht kleiner, sondern grösser», so Winkelmann im Gespräch. Gerade der «fehlende Sound und die damit verbundenen Emotionen sind ein Problem», erklärt er.
Fortschritt drückt Restwerte
Das zweite Problem seien die Restwerte. Denn derzeit sind die Fortschritte bei Batterie- und Antriebstechnik so schnell, dass auch ein Luxus-E-Auto schnell obsolet wird – und entsprechend an Wert verliert. Hohe Restwerte und damit Begehrlichkeit sind aber für Winkelmann ein absolutes Must-have.
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Der Marschhalt beim E-Projekt hinterlässt nun Bremsspuren in seinem Zahlenwerk: Obwohl Lamborghini mit 10747 Autos im vergangenen Jahr so viele Wagen wie nie ausgeliefert hat und auch der Umsatz von 3,2 Milliarden Euro einen Rekord darstellt, sank der operative Gewinn um 8 Prozent auf 768 Millionen Euro aufgrund der Kosten für das gestoppte E-Auto. Belastet haben zudem die US-Zölle. Mit einer operativen Marge von 24 Prozent hält Winkelmann aber nach wie vor die Poleposition im VW-Konzern, zu dem die Marke mit dem Stier seit Ende der 90er-Jahre gehört. Schwestermarke Porsche dagegen verzeichnete einen Gewinnrückgang von über 90 Prozent, die Marge erreichte mickrige 1,1 Prozent – unter anderem wegen der Kosten für die Entwicklung von E-Autos, die es am Markt schwer haben.
Ferrari hält an E-Auto-Plänen fest
Rivale Ferrari dagegen liegt bei Marge und Gewinn klar vor Lamborghini. Doch nun bahnt sich ein spannendes Rennen zwischen den italienischen Kultmarken an. Denn Ferrari hält an seinem Vollstromer-Projekt fest, der Wagen namens Luce (italienisch für «Licht») soll im Mai enthüllt werden und um die 1000 PS haben. Das Cockpit liess Ferrari vom früheren Apple-Chefdesigner Jony Ive gestalten; seine Entwürfe, die im Februar gezeigt wurden, sorgen bereits jetzt für grosse Aufregung. Ferrari glaubt zudem, das Soundproblem gelöst zu haben; wie bei einer E-Gitarre sollen Schwingungen der E-Maschine akustisch verstärkt und in den Innenraum geleitet werden. Floppt der Luce jedoch, könnte Winkelmann mit Lamborghini in Sachen Marge an Ferrari vorbeiziehen.
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Doch auch der Lamborghini-Chef sagt nicht grundsätzlich Nein zu einem E-Renner. Nur halt nicht jetzt. «Sicher nach 2030» soll ein vollelektrischer Lamborghini kommen, sagt er. An einer vierten Baureihe – einem viersitzigen GT – wird weiter gearbeitet, der soll nun aber zunächst als Hybrid vorfahren.
Der Umstieg auf neue Antriebe wirbelt die Hackordnung in der Autoindustrie durcheinander. Deutsche Premiumhersteller haben sich lange in China eine goldene Nase verdient. Doch nun kaufen die Chinesen lieber heimische E-Autos als deutsche Verbrenner von Mercedes, Porsche & Co. Winkelmann fürchtet aber nicht, dass ihm dasselbe Schicksal blüht. BYDs elektrisches Supercar Yangwang U9 mit 1300 PS macht ihm keine Angst. Denn der Wagen finde kaum Absatz, in Europa und den USA ist er gar nicht zu haben. «Wir sehen nicht, dass chinesische Marken in unser Segment vordringen wollen», so der Lamborghini-Chef.
Gefahr aus Zuffenhausen
Konkurrenz droht dagegen aus dem eigenen Hause. Der neue Porsche-Chef Michael Leiters liebäugelt damit, die Produktpalette der Zuffenhausener nach oben zu erweitern – möglicherweise auch mit einem eigenen Supercar, der dann Ferrari und Lamborghini konkurrenzieren könnte. Im Segment der Supersportler und Luxus-SUV wie einem Lamborghini Urus SE werden pro Jahr aber weniger als 50’000 Autos verkauft. Mit Modellen wie dem 959 und dem 918 haben die Deutschen allerdings bewiesen, dass Porsche Supercars kann – bisher baute die Firma diese aber nur in begrenzten Auflagen. Winkelmann zeigt sich auch hier entspannt: «Solange sie das nicht ständig machen», sei das kein Problem.
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Die ersten Exemplare des neuen Hybridsportagen Temerario werden derzeit ausgeliefert. Vermutlich legt Lamborghini bald eine offene Version nach.zVg
Die ersten Exemplare des neuen Hybridsportagen Temerario werden derzeit ausgeliefert. Vermutlich legt Lamborghini bald eine offene Version nach.zVg
Lamborghini plant für dieses Jahr vier neue Modelle, allerdings sind das Derivate der bestehenden drei Wagen Revuelto, Temerario und Urus SE. Details nennt Winkelmann nicht. Erwartet wird unter anderem eine offene Version des Mittelmotor-Sportlers Temerario. Bei den Antrieben setzt Winkelmann voll auf Hybride. Und die haben absolut nichts gemein mit einem Sparmobil: Die E-Maschinen sind dazu da, die Drehmomentkurve des Verbrenners auszugleichen. Und so gibt es Leistung satt, egal von welchem Niveau aus beschleunigt wird. Wie beim neuen Temerario, dessen 8-Zylinder-Hybrid-Motor von gleich drei E-Maschinen unterstützt wird.
Die neuen Modelle dürften auch hierzulande Käufer finden. Denn für die Marke mit dem Stier ist die Schweiz eine saftige Wiese. Mit den Verkäufen ist Winkelmann entsprechend zufrieden: 2025 stieg der Absatz in der Schweiz um 34 Fahrzeuge auf 271. Die Schweiz ist zwar nur der elftgrösste Absatzmarkt für die Marke aus Sant’Agata Bolognese. Doch in keinem anderen Land ist die Lambo-Dichte so hoch wie hier.