Sagt der Mandant: «Ich habe nur eine kurze Frage.» «Sehr gut. Dann passt sie genau in meinen 15-Minuten-Abrechnungsintervall», antwortet der Anwalt. Witze wie diesen gibt es viele über Juristen. Und häufig drehen sich die Frotzeleien um das, was man als Heiligen Gral der Anwaltsbranche bezeichnen darf: die «Billable Hour», also die verrechenbare Stunde. Jeder, der schon einmal anwaltliche Dienste in Anspruch nehmen musste, weiss: Rechtsauskünfte werden sehr schnell sehr teuer. Denn Anwälte und Anwältinnen rechnen ab dem ersten Telefonat alles knallhart nach Zeit ab: 0,1 Stunden da, 0,03 Stunden dort, Aktenstudium, Mail schreiben, Kurztelefonat – der Ticker läuft unerbittlich und kumuliert sich am Ende zu einer üppigen Rechnung.
Doch nun steht das Stundenabrechnungsmodell zur Debatte. Der Grund dafür heisst künstliche Intelligenz (KI). Die Anwaltsbranche ist prädestiniert für die Nutzung der neuen Technologie. Dokumente prüfen, Argumente validieren, Verträge erstellen, Akten studieren – KI wird den Anwälten einen massiven Effizienzschub bescheren. Die Begehrlichkeiten sind bereits geweckt. «Es besteht eine klare Erwartung seitens der Kunden, dass sie künftig weniger für anwaltliche Dienstleistungen bezahlen müssen», sagt Beat Brechbühl, Managing Partner bei der Wirtschaftskanzlei Kellerhals Carrard, die mit 360 Juristen und Juristinnen – davon 77 Partner und Partnerinnen – auf der Payroll zu den grössten in der Schweiz gehört. Die Logik, so Brechbühl, sei einfach: «Wenn KI zu einer Kostenersparnis führt – wer will dann davon profitieren? Nicht nur die Kanzlei, sondern eben auch der Kunde.»