Die Bilanz ist ernüchternd: Der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen der grössten hundert Arbeitgeber stagniert bei 22 Prozent. 40 Prozent der im «Schillingreport» untersuchten Firmen erfüllen zurzeit nicht mal die Minimalquote von 20 Prozent, die bis 2031 per Gesetz für Geschäftsleitungen gefordert wird. Knapp ein Drittel verpasst bis dato auch die Quote von 30 Prozent Frauen im Verwaltungsrat, die bereits für 2026 als Richtwert gilt.
Man hat allerdings nicht den Eindruck, dass sich die Schweizer Firmen darob beunruhigt zeigen. Im Gegenteil: Eine Art neue alte Selbstverständlichkeit macht sich breit, die an längst vergessen geglaubte «Old boys network»-Zeiten erinnert: Topjobs in Verwaltungsräten oder Geschäftsleitungen werden wieder im Multipack an Männer vergeben. Vor zwei Jahren war das ein No-Go. Eine Frau gehörte im Zuge der Diversitätsbemühungen immer aufs Ticket.
Doch wir leben in der Zeit von Donald Trump, in der das Recht des Stärkeren als Führungskultur zelebriert und die Gleichstellung von Mann und Frau despektierlich als «Wokeness» abgetan wird. Jetzt zeigt sich, dass sich der globale Kulturkampf auch in die Mikroorganismen der Schweizer Unternehmen hineinfrisst.
Frust bei Männern
Bei vielen Männern hat sich in den letzten Jahren stiller Frust angesammelt; sie sahen die Bemühungen um Geschlechterdiversität nicht als Chance für ausgewogenere Entscheidungsmechanismen und eine gute Firmenkultur, sondern als Bedrohung für ihre eigene Karriere. Manche beklagten sich, sie kämen aufgrund der permanenten Frauenförderung an keine lukrativen Verwaltungsratsmandate mehr. Sicher: Die DEI-Efforts (Diversity, Equity and Inclusion) wirkten da und dort überbemüht, opportunistisch und zwanghaft. Dadurch erzeugten sie passiven Widerstand. Das muss man den Promotorinnen und Promotoren vorwerfen – es gelang ihnen nicht, den Nutzen gelebter Diversität genügend breit zu verankern.Doch nüchtern betrachtet flammt einfach ein Verteilkampf erneut auf: Hochbezahlte Topjobs sind ein rares Gut. Der Fehdehandschuh für diese Jobs kann im aktuellen Klima von ambitionierten Herren in der Corporate World wieder deutlich unverblümter in den Ring geworfen werden. Widerstand gegen den gegenwärtigen Backlash bei der Gleichstellung ist bisher kaum zu beobachten. Der führende Verband für Gender-Equality in der Wirtschaft Advance etwa, mit Mitgliedern wie Roche, UBS oder Raiffeisen, ist auffällig ruhig.
Dabei ist die Entwicklung brandgefährlich. Gerade jetzt, wo künstliche Intelligenz in die Unternehmen greift und dort fundamentale Veränderungen zu bewirken droht, sind Führungsgremien nötig, welche die anstehende Transformation holistisch und mit der Perspektive beider Geschlechter nachhaltig gestalten.