Kleine Gesten, grosse Wirkung. Wir wissen das โ und scheitern doch. Der Alltagsturbo verdrรคngt das Menschliche. Was harmlos wirkt, ist hoch relevant. Es geht um tiefe Grundbedรผrfnisse und die Frage, was eine gesunde Leistungskultur im Kern ausmacht.
Geburtstage sind wunderbare Anlรคsse. So zeigte mir meine letzte Woche, welch tiefe Freude herzliche Glรผckwรผnsche auslรถsen. Wenn Menschen an einen denken, sich Zeit nehmen fรผr ein paar Zeilen oder einen Anruf, berรผhrt uns das sehr, besonders dann, wenn es eine persรถnliche Note hat. Nicht nur am Geburtstag zรคhlen die kleinen Gesten. Der Grund: Jeder Mensch hat das Bedรผrfnis, gesehen, anerkannt und wertgeschรคtzt zu werden. Das ist ein starkes Grundbedรผrfnis. Aber: Reflektiert man typische Tage, fรคllt auf, dass diese kleinen Gesten wegfallen. Wie oft sprechen wir Menschen nicht mit ihrem Namen an? Wir hรถren nicht richtig zu oder รผbersehen das Namensschild. Wir stehen nicht auf, um einer schwรคcheren Person den Platz anzubieten. Wir sehen nicht, dass jemand Hilfe braucht. Warum verrohen wir?
Katja Unkel ist Grรผnderin der Firma Managing People AG, die Fรผhrungskrรคfte und Organisationen berรคt, coacht und trainiert.
Das Problem hat zwei Seiten. Zum einen bekommen wir bei Anspannung und Stress einen Tunnelblick und sind mit uns selbst beschรคftigt. Wir sind gehetzt und verlieren das Gespรผr fรผr Zwischenmenschliches. Der Moment des Innehaltens fรคllt weg, um das Gegenรผber wirklich zu sehen. Zum anderen ist es so, dass jede Geste fรผr sich genommen nicht der Rede wert ist. Sie wird von beiden Seiten abgetan. ยซDer hat es nicht so gemeintยป, beschwichtigt sich die Betroffene. ยซEs war keine bรถse Absicht, ich war in Gedankenยป, rechtfertigt sich der andere. So entsteht ein schleichender, unbewusster Prozess, der tรคglich befeuert wird. Das Ergebnis sind Frustration und Demotivation. Man schaltet ab und funktioniert nur noch. Dann leiden unsere Gesundheit und Leistung.
In Organisationen passiert dasselbe: Hektik, Mailflut, Meetingmarathons und Deadlines verengen unseren Blick. Man ist in der Taktung und gedanklich schon beim nรคchsten Termin โ und ignoriert die Person an der Essensausgabe in der Kantine. Auch ein Danke mit dem Zusatz ยซDas hilft mir sehrยป oder ยซDas war heute echt viel fรผr dichยป fรคllt weg. Dabei wรคre es so einfach, denn es gilt (besonders fรผr Fรผhrungskrรคfte): wirklich prรคsent sein beim Gegenรผber und nicht nur anwesend sein. Das bedeutet, dass man keine Mails checkt oder gedanklich abschweift. Notizen und Reminder helfen als Gedรคchtnisstรผtze, um zeitgerecht nachzufragen.
Die Qualitรคt sozialer Beziehungen ist auch in Unternehmen wichtig. Sie prรคgt ein positives Leistungsklima. Es geht nicht um einen Kuschelkurs, sondern um gutes, kollegiales Miteinander, das Engagement und Mitdenken fรถrdert. Gemeint sind die namentliche Erwรคhnung eines Beitrags, ein echter Blickkontakt oder die persรถnlichen Zeilen. Studien zeigen, wie stark soziale Beziehungen am Arbeitsplatz mentale Gesundheit, psychisches Befinden, Motivation und Arbeitszufriedenheit beeinflussen. Passt man hier nicht auf, distanzieren und entkoppeln sich Mitarbeitende mit Dienst nach Vorschrift und Minimalleistung.
Solche kleinen Gesten sind keine oberflรคchlichen Nettigkeiten. Sie sind die sichtbare Alltagsform tieferer sozialer Ressourcen. Fehlen diese, verkรผmmern wir. Gesten des Gesehenwerdens betreffen das Urmenschlichste. Sie sind das Fundament und die Voraussetzung dafรผr, dass teure Initiativen zu Mitarbeiterzufriedenheit, Diversity und Commitment wirklich funktionieren. Fehlt es an der Basis des menschlichen Miteinanders und damit an der Erfรผllung zentraler Grundbedรผrfnisse, verlieren solche Bindungskampagnen an Wirkung. Bedenken wir tรคglich das Kleine, gewinnen wir das Grosse zurรผck.