Künstliche Intelligenz sorgt in Vorlesungssälen und Seminarräumen für Angst und Schrecken. «Was kann die Maschine als Nächstes?», fragen sich viele, die aktuell an einer Universität büffeln. «Lerne zu programmieren» galt einst als guter Karriereratschlag. Nun kann KI schneller und günstiger Codes schreiben als jeder Informatik-Nerd.
Mittlerweile soll Open AI sogar eines der sieben Millenniumprobleme gelöst haben – eine wichtige unbeantwortete Frage der Mathematik, an der sich Menschen schon neunzig Jahre lang versuchen. Die Angst, ersetzt zu werden, ist spätestens jetzt auch in den Naturwissenschaften allgegenwärtig – obwohl sie einst als sicherer Weg zu einem guten Job galten.
Während sich ETH-Studierende die Haare raufen, freuen sich Mitglieder einer anderen Zunft: die der Geisteswissenschaften. Ausgerechnet Daniela Amodei, die Präsidentin der KI-Firma Anthropic, meint nun, dass ein Studium der Geisteswissenschaften «wichtiger denn je» sei. Sie selbst hat einst Englisch studiert.
Ein Journalist behauptet in der «New York Times» gar, dass der «sicherste Weg» für eine Karriere der sei, bei dem man lerne, «was über Technologie hinausgeht und Modeerscheinungen überdauert». Er spricht dabei von Literatur und Geschichte.
Bestärkt fühlen sich diese Stimmen dadurch, dass führende KI-Unternehmen nun Philosophinnen und Philosophen einstellen, die sich der Fragen annehmen sollen, mit denen die Menschheit wegen künstlicher Intelligenz konfrontiert ist. Dreht sich also das Blatt? Werden bisher nur schwer vermarktbare Abschlüsse in Geschichte und Philosophie zur heissen Ware?
Wohl kaum. Die Verfechter der Geisteswissenschaften verschweigen, dass es wohl nicht mal tausend Leute geben wird, die mit KI-Philosophie ihr Brot verdienen können. KI-Anbieter wie Deepmind und Anthropic haben, gemäss Schätzungen, je rund sechs Personen für die «grossen Fragen» eingestellt. Bei der Konkurrenz dürfte es ähnlich aussehen.
Hinzu kommen einige Jobs bei Denkfabriken, die sich mit Sicherheit und Wandel in Zeiten von KI beschäftigen. Die KI-Branche kann vielleicht hundert ehrgeizige und fähige Philosophinnen und Philosophen absorbieren.
Es ist zu begrüssen, dass kluge Köpfe, die mit Aristoteles und Descartes vertraut sind, über Risiken von künstlicher Intelligenz nachdenken. Wer sich für diese Themen begeistern kann, sollte sich unbedingt mit ihnen befassen. Doch wer jungen Leuten rät, für die Jobaussichten Philosophie, Literatur oder Geschichte zu studieren, tut ihnen keinen Gefallen.