Ende des letzten Jahres hat der Bundesrat seinen Bericht zur digitalen Souveränität der Schweiz verabschiedet. Im Kern geht es um eine einfache Frage: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit die Schweiz auch im digitalen Raum ihre Handlungs- und Entscheidungsfreiheit behält? Der Bericht definiert sechs strategische Eckpfeiler: Unabhängigkeit und Kontrolle, Kosten und Wirtschaftlichkeit, Resilienz, Datenschutz und Informationssicherheit, Zusammenarbeit und Standards sowie Innovation und Zweckmässigkeit.
Doch digitale Souveränität ist nicht nur Aufgabe des Bundes. Sie ist auch für den Schweizer Finanzplatz von strategischer Bedeutung.
Das ist zunächst nichts Verwerfliches. Cloud-Lösungen sind leistungsfähig, skalierbar und häufig sicherer, als es die eigene IT eines kleineren Finanzinstituts je sein könnte. Der Ruf nach Schweizer Servern für alles wäre weder wirtschaftlich noch technologisch sinnvoll. Digitale Souveränität bedeutet nicht digitale Autarkie.
Die Gastautorin
Jamie Vrijhof ist Unternehmerin, Verwaltungsrätin, Referentin und Autorin. Sie ist Managing Partner von WHVP, einem Vermögensverwalter mit Fokus auf US-Kundinnen und -Kunden.
Sie bedeutet vielmehr, auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn sich geopolitische, rechtliche oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen verändern. Genau hier sollte der Schweizer Finanzplatz genauer hinschauen.
Die Finanzmarktaufsicht (Finma) warnt selbst vor der zunehmenden Abhängigkeit von wenigen zentralen IT-Dienstleistern. Je mehr Finanzinstitute dieselben Cloud-Anbieter, Softwarelösungen und digitalen Infrastrukturen nutzen, desto grösser wird das Konzentrationsrisiko. Der Ausfall eines einzelnen Dienstleisters kann dann nicht mehr nur ein Unternehmen treffen, sondern im Extremfall einen relevanten Teil des Finanzsystems.
Doch die technische Abhängigkeit ist nur eine Seite. Die andere ist juristisch und geopolitisch. Wo liegen unsere Daten? Wer kontrolliert die Infrastruktur? Welchem Recht untersteht der Anbieter? Wer kann im Konfliktfall Zugriff verlangen? Und wie schnell könnten wir einen Anbieter wechseln, wenn wir müssten?
Für einen Finanzplatz, dessen Geschäftsmodell wesentlich auf Vertraulichkeit, Stabilität, Verlässlichkeit und Rechtssicherheit beruht, sind das keine IT-Details. Es sind strategische Fragen.
Wir brauchen deshalb eine Debatte zwischen Politik, Finanzbranche und Technologieunternehmen darüber, welche digitalen Abhängigkeiten wir akzeptieren wollen und wo wir Alternativen brauchen. Bei kritischer Infrastruktur sollten wir zumindest wissen, von wem wir abhängig sind, welche Risiken damit verbunden sind und ob wir im Ernstfall tatsächlich eine Alternative haben.
Die Schweiz hat über Jahrzehnte viel investiert, um ihre politische und wirtschaftliche Handlungsfreiheit zu bewahren. Wir leisten uns bewusst eine eigene Währung, eine eigenständige Infrastruktur und ein resilientes Staatswesen. Bei der digitalen Infrastruktur sollte die Logik nicht grundsätzlich anders sein. Denn Souveränität vermisst man meist erst dann, wenn man sie verloren hat.
Der Schweizer Finanzplatz steht seit Generationen für Sicherheit, Stabilität und Unabhängigkeit. Im digitalen Zeitalter müssen wir uns die Frage stellen: Wie unabhängig können wir noch sein, wenn die Infrastruktur unseres Finanzplatzes zunehmend von wenigen ausländischen Konzernen kontrolliert wird? Die Antwort kann nicht sein, uns von der Welt abzuschotten. Die Schweiz war gerade deshalb erfolgreich, weil sie international vernetzt und gleichzeitig eigenständig geblieben ist. Genau dieses Erfolgsmodell müssen wir nun ins digitale Zeitalter übertragen.