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Von der Schulbank zum Start-up

So behaupten sich junge Gründerinnen und Gründer

Damit der Dialog zwischen ambitionierten Nachwuchstalenten und Business-Senioren klappt, braucht es eine Strategie, die Chancen erkennt.

Andreas Güntert

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Alt und Jung im gleichen Spiel: Die Symbiose der Generationen statt Konfrontation ist Trumpf. Made with Google AI / Julie Body, Diese Illustration wurde von einem KI-Modell generiert und von einem Menschen überprüft und finalisiert.

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Als Daniel Wettstein und Dennis Straube ihr Unternehmen Joltz gründeten, waren sie jung, sehr jung sogar. Chief Product Officer Straube war 15-jährig, sein Compagnon Wettstein, seines Zeichens Chief Marketing Officer, war mit 16 Jahren nur unwesentlich älter. Heute, drei Jahre nach dem Start, haben es die Youngsters aus dem Zürcher Oberland schon weit gebracht.
Ihre Energiekaugummimarke Joltz mit Koffein aus der Guaranapflanze wird aktuell in zehn Coop-to-Go-Läden im Raum Zürich getestet; Wettstein und Straube, heute 19 und 18 und im letzten Gymi-Jahr vor der Matur, schmieden schon Expansionspläne für Joltz.

Moment der Wahrheit beim Videocall

Fast wie eine Glamour-Story aus dem Silicon Valley klingt es, wie jung sich Wettstein und Straube schon ans Entrepreneur-Werk machten. Die beiden Youngsters wissen aber auch, wie anstrengend es sein kann, wenn man schon im frühen Alter unternehmerisch tätig wird. Und wie viel Überzeugungsarbeit dies bisweilen braucht. Die beiden erinnern sich an den ersten Videocall mit ihrem Kaugummifabrikanten in Napoli: «Die lächelten schon ziemlich, als sie uns zum ersten Mal auf dem Bildschirm sahen und realisierten, wie jung wir waren.» Am Anfang war man mit einer etwas naiven Vermutung unterwegs, der zunächst vermutete Bonus der Jugendlichkeit war zu Beginn eher ein Malus, sagen die beiden Joltz-Macher: «Wir glaubten, es sei ein Vorteil, wenn man so jung ist wie wir, aber das Alter wurde nicht immer goutiert.» Straube und Wettstein wissen natürlich, warum das so ist: «Viele denken wohl, dass man es hier mit naiven Träumern zu tun hat, die schnell wieder aufgeben.»

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Die Herausforderung kennen wahrscheinlich alle, die als junge Menschen schon einmal versucht haben, eine Geschäftsidee bei einem erfahrenen Investor oder sonstigen Geschäftsmann zu pitchen. «Manchmal müssen die Jugendlichen gegen Vorurteile ankämpfen, weil sie wenig Erfahrung, kaum Kapital und auch mal sehr viel Mut zum Risiko haben, was als Leichtsinn ausgelegt werden kann», erklärt Johanna Aebi, CEO von Young Enterprise Switzerland (YES), einem Schweizer Verein für praxisorientierte Wirtschafts- und Meinungsbildungsprogramme an Schulen. Zu den bekanntesten Initiativen von YES gehört das Company Programme, bei dem Jugendliche ein Miniunternehmen gründen. Aus diesem Programm entstand auch das Energiekaugummi-Start-up Joltz.
Aebis Tipp für ältere Geschäftspartner oder Investoren, die in Kontakt mit sehr jungen Gründerinnen und Gründern geraten: «Sachlichkeit in den Vordergrund stellen, mangelnden Track-Record nicht als Problem, sondern als Chance für frisches Denken sehen.»

Mangelnde Erfolgsbilanz vs. viel Erfahrung

In eine ähnliche Richtung tendiert Frédéric Mathier, Verhandlungsexperte und Keynote-Speaker. Er berät sowohl Start-ups als auch Investoren: «Tatsächlich kann es zu Beginn problematisch und herausfordernd sein, wenn sehr junge Gründerinnen und Gründer auf sehr viel ältere Geschäftspartner oder Investierende treffen.» Es bestehe eine Art Asymmetrie der Lebens- und Wirtschaftserfahrung sagt der Unternehmer und Buchautor: «Dies nur schon deshalb, weil auf der einen Seite Ideenvielfalt und mangelnde Erfolgsbilanz stehen – und auf der anderen Seite viel Erfahrung und eine gewisse Skepsis.»

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Tipps für Junge
  • Zu Beginn Quirligkeit und wilde Visionen etwas zügeln und stattdessen erkennbar machen, dass man faktenbasiert arbeitet und bereit ist für die nächste steile Lernkurve.
  • Mit einem Beirat oder per Beizug eines erfahrenen Branchenexperten für Vertrauen sorgen und den Altersmix austarieren.
  • Sich Mühe geben, die Bedenken des älteren Gegenübers zu verstehen – und die jugendliche Gedankenwelt als Plus fürs Verständnis der nächsten Kundengeneration verkaufen.
Tipps für Seniors
  • Fürs Erste den Jugendlichen einen Goodwillvorschuss geben und darauf achten, wie schnell sie adaptieren und lernen.
  • Nicht den gutmeinenden Onkel raushängen lassen, der alles besser und schon lange weiss. Neugier zeigen!
  • Vermeintlich verrückte Ideen nicht gleich ablehnen, sondern zuhören. Meilensteine definieren, die auf die Möglichkeiten des Jungunternehmens abgestimmt sind.
Mathiers Tipp für junge Start-up-Novizen: das Thema Jugendlichkeit zwar nicht negieren, es aber erst in einem zweiten Schritt erwähnen. «Wer beim ersten Kennenlernen die Fakten sauber präsentiert, das Marktumfeld kennt, das Geschäftsmodell schlüssig erklärt und allfällige bereits erzielte Erfolge präsentieren kann, überzeugt. Wenn Facts and Figures sitzen, spielt das Alter bald keine Rolle mehr.» Und falls doch? Dann, so Mathier, komme der zweite Schritt: «Den Elefanten im Raum – die Jugendlichkeit – deutlich benennen. Etwa so: «Ich weiss, ich bin 16. Das ist aber kein Risiko, sondern ein Vorteil!»

Das Wissen der Jungen für die Älteren

So wie Mathier beschreiben es auch die Joltz-Youngsters. Als gute Vorgehensweise habe sich dieser Weg gezeigt: «Man muss sich beweisen, zuerst einmal Leistung erbringen und damit zeigen, dass man nicht gleich wieder aufgibt – und erst in einem zweiten Schritt die Jugend als Bonus ins Spiel bringen.»
Wer ebenso mutig wie kenntnisreich auftritt, kann seinen deutlich reiferen Geschäftspartnern zu einem späteren Zeitpunkt auch ein sogenanntes «Reverse Mentoring» vorschlagen: ein Verfahren, bei dem die Jugendlichen ihren älteren Bezugspersonen Wissen aus der Welt der Youngsters weitergeben. Das kann etwa ein Basiskurs in Sachen Social Media und Videoschnitt sein oder die Vermittlung von Know-how zum Gebrauch von generativer künstlicher Intelligenz im Alltag.

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Das Problem mit dem Bankkonto

Allfällige Nachteile des frühen Businessalters zeigen sich aber nicht nur in der gesellschaftlichen Wahrnehmung, sie manifestieren sich auch im rechtlichen Bereich. Wer vor der Volljährigkeit aktiv wird, muss sich auskennen mit den Fallstricken: «Wir konnten als unter 18-Jährige beispielsweise gar kein Konto eröffnen – YES hat uns dann über einen Vertrag mit der UBS ein Konto verschafft», berichten die Co-Gründer von Joltz. «Alle rechtlichen Prozesse sind schwierig, vieles verzögert sich, wegen des Alters müssen oft die Eltern einspringen.» Auch verbreitete Zahlungsdienste wie Paypal funktionieren nur mit Einschränkungen, für ein Konto muss man auch hier mindestens 18 Jahre alt sein. Wenn kein volljähriges Mitglied beim Start-up mit an Bord ist, springen auch da in der Regel die Eltern ein. Themen, die erwachsene Start-uppers nicht kennen.
Am Schluss aber überwiegen, wie Dennis Straube und Daniel Wettstein sagen, die Vorteile: «Sehr jung zu starten, ist cool. Man hat nichts zu verlieren und kann die grössten Fehler schon sehr früh machen und abbuchen.» Ähnlich schreibt es auch Mathier den Graubärten ins Stammbuch: «Ein 50-jähriger Investor hat viel mehr zu verlieren als ein 16-jähriger Gründer. Beim 50-Jährigen geht es häufig um hohe Summen, bei den Kids geht es um das Sammeln von Erfahrungen. Wer mit 16 scheitert, hat viel gelernt – und ist mit 20 schon ein erfahrener Gründer.»

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