Die Schweizer Wirtschaft funktioniert wie eine Grundschule. Alle sitzen in ihren Reihen, der Bildschirm vor ihnen zeigt Chat GPT, Claude oder ein anderes Sprachmodell. Statt sich aber darauf zu fokussieren, blicken Führungskräfte hektisch nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass der Sitznachbar nicht schon weiter ist. Es ist das klassische Fomo-Prinzip, die «Fear of Missing Out». Ausgerechnet diese Angst, etwas zu verpassen, hemmt die KI-Skalierung im Unternehmen.
Die Zahlen zeigen deutlich: Mehr als ein Drittel der Schweizer Unternehmen bleibt bei der KI-Implementierung in der Pilotphase stecken. In der entsprechenden Umfrage von EY tauchen als Gründe dafür Datensilos, Sicherheitsbedenken, Talentmangel und fehlende Anwendungsfälle auf. Ursache ist die mangelnde Digitalkompetenz in der Geschäftsleitung und im Verwaltungsrat.
Dabei liegt hier die Krux: Der «Business Leader Report» von Adecco zeigt, dass 61 Prozent der Führungskräfte von ihren Mitarbeitenden erwarten, sich eigenständig im Umgang mit KI weiterzubilden. Doch nur ein Drittel der befragten Chefinnen und Chefs hat sich in den vorangehenden zwölf Monaten selbst KI-Kompetenzen aufgebaut.
Diese Wissenslücke führt dazu, dass die Technologie verklärt wird. Wer KI nicht versteht, glorifiziert sie. Das PR-Trommelfeuer darum herum trägt den Rest dazu bei. Die Versprechen hören sich durchaus verlockend an: mehr Effizienz, steigende Leistung – und das noch zu sinkenden Kosten. Ein Heilversprechen, besonders für Entscheiderinnen und Entscheider, die ein Unternehmen durch das schwierige Wirtschaftsjahr 2026 lenken.
Wissenslücken führen zu einem Flickenteppich
Dass Führungskräfte aber, statt Wissen selbst aufzubauen, die Erwartungen an ihre Mitarbeitenden weitergeben, führt oft zu chaotischen Einzellösungen. Ein Team greift nach dem nächstliegenden Anwendungsfall und baut sich eine KI-gestützte Lösung. Sobald diese aber unternehmensweit in den Einsatz kommen soll, scheitert sie. Denn andere Teams haben andere Anforderungen, und die Infrastruktur muss halten. Die Kosten auf der Monatsrechnung sinken nicht, sie explodieren. Die Führungsetage zieht die Reissleine und stellt alles wieder ein.
Deshalb braucht die Schweizer Wirtschaft weniger FOMO und mehr ROMO, «Relief of Missing Out». Führungskräfte sollten erleichtert sein, diesen Flickenteppich zu verpassen, und sich darauf konzentrieren, strukturierte Transformationsprozesse zu fördern. Dafür braucht es Know-how, eigenes und externes.
Die eingangs beschriebene Schulbank zeigt ein Bild, das viele Verwaltungsräte und Chefinnen so nicht kennen. Das Durchschnittsalter in C-Level-Positionen beträgt 53 Jahre, im Verwaltungsrat sogar 60 Jahre. Die meisten hatten damals noch nicht einmal einen Taschenrechner zur Hand. Es lohnt sich also, die Generation an den Tisch zu holen, die mit Technologie gross geworden ist. Die Digital Natives im Unternehmen gehen nüchterner mit KI um, denn sie sehen sie als das, was sie ist: ein weiteres digitales Tool, das, richtig eingesetzt, Mehrwert liefern kann.