Es ist der Sommer der Erkenntnis. Der Klimawandel schlägt erstmals spür- und sichtbar für alle auf Natur und Wirtschaft durch: Wasserknappheit, reduzierter Schiffsbetrieb, Blaualgen im See, braune Wiesen, leidende Kühe, bröckelnde Felsen – die Schweiz und ihre Infrastruktur leiden.
Doch weit mehr: Als arbeitendes Individuum realisiert man allmählich, dass die permanente Hitze auch die eigene Produktivität beeinflusst. Plötzlich leidet die Konzentration, die Schlafqualität sinkt. Sport als Ausgleich ist zu anstrengend. Für den Gang ins Büro ist man zu träge. Selbst der Businesslunch wird bei 35 Grad zum Kraftakt. Im Homeoffice wurstelt man mit Ventilatoren vor sich hin, um überhaupt ein paar Tasks zu erledigen. Die Tage zerrinnen irgendwie struktur- und ereignislos in dieser Gluthitze.
Auch Wechsel von Hitze in gekühlte Räume senkt Leistung
Das ist ein neues Gefühl. Über Jahrzehnte mokierten wir uns gerne über den mangelnden Arbeitseifer in den südlichen Ländern, spöttelten über lange Siestapausen und ausgiebige Lunches in gekühlten Restaurants in Italien, geschlossene Läden und andere Arbeitsrhythmen im Süden. Auch ich dachte immer: Wer in einem klimatisierten Büro oder Geschäft arbeitet, der kann auch im Hochsommer bei hohen Temperaturen dieselbe Leistung erbringen wie zu anderen Jahreszeiten.
Ein Irrtum. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass unsere Leistung sogar dann nachlässt, wenn wir von überhitzten Aussenräumen in ein klimatisiertes Gebäude wechseln. So stellten die Autoren einer Studie aus Japan fest, dass die Probanden bereits nach einem 15-minütigen Spaziergang draussen bei extrem hohen Temperaturen in einem Mathematiktest im gekühlten Gebäude einen kognitiven Leistungseinbruch von 3,6 Prozent hatten. Auch die Schlafqualität beeinflusste die späteren Testergebnisse. Eine andere Studie zeigte, dass höhere Temperaturen im Gebäude Augen-, Nasen- und Kehlreize erhöhten sowie Kopfschmerzen, die Konzentrationsfähigkeit und die Wahrnehmung der Performance negativ beeinflussten.
Hitzestress verstärkt die Ungleichheit zwischen Arm und Reich
Südliche Arbeitsverhältnisse drohen also auch weiter nördlich Normalität zu werden. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sagte in ihrer Studie «Working on a warmer planet» 2019, dass bis 2030 voraussichtlich mehr als 2 Prozent der weltweiten Arbeitsstunden jährlich verloren gehen wegen höherer Temperaturen. Das Absurde: Obwohl die Erwärmung nun auch den reichen Norden erreicht, bleiben die südlichen Hemisphären im Nachteil, weil sie weniger Möglichkeiten haben, die Folgen abzudämpfen. «Extremer Hitzestress verstärkt die Ungleichheit zwischen reichen und ärmeren Ländern», so die ILO.
Vielleicht war die Siesta also nie ein Zeichen mangelnder Arbeitsmoral, sondern schlicht eine vernünftige Antwort auf hohe Temperaturen.