Von Staatsdienern wie einer Helene Budliger Artieda braucht die Schweiz mehr – und nicht weniger. Nun gibt die erfolgreiche Seco-Chefin ihr Amt überraschend auf Ende März ab, um in die Wirtschaft zu wechseln. Offenbar ist die Staatssekretärin zermürbt worden vom Berner Klein-Klein, wo das Formale mehr zählt als das Ergebnis. Das zeigt sich exemplarisch am Genörgele über Budligers Rückgriff auf Schweizer Unternehmer wie Partners-Group-Co-Gründer Alfred Gantner und Rolex-CEO Jean-Frédéric Dufour, die mit Erfolg US-Präsident Donald Trump den Schweiz-Strafzoll von 39 Prozent ausreden konnten.
Der Fall Budliger ist damit ein Symptom für eine gewisse Sehnsucht nach Mittelmass. Mit Stars, vor allem in Politik und Verwaltung, hat die Schweiz so ihre Mühe. Wer Karriere im Apparat machen will, sollte besser mit Loyalität als mit Originalität auffallen. Was nicht heisst, dass Helene Budliger je illoyal war, sie hat vielmehr das Land mit ihrem Stunt mit der Unternehmergruppe bei Trump vor grossem Schaden bewahrt.
Die Jagd nach der Amtsgeheimnisverletzung
Statt das zu würdigen, fahndet die Geschäftsprüfungskommission des Parlaments nach Hinweisen, ob Budliger dabei nicht ihr Amtsgeheimnis verletzt haben könnte. Dafür gibt es, Stand heute, keinen Beleg. Von aussen betrachtet wäre es aber verständlich, wenn Budliger die Unternehmergruppe vor dem Trump-Besuch über den Stand der Verhandlungen zumindest gebrieft hätte, damit diese im Gespräch mit dem US-Präsidenten nicht als ahnungslose Emissäre dastehen.
Wenig geschickt von ihr war aber in dem Kontext der in den Medien kolportierte Versuch, über eine persönliche Intervention beim Chefredaktor der NZZ ein ihr unliebsames Auskunftsgesuch auf Basis des Öffentlichkeitsgesetzes abzuklemmen. Damit hat sie den Verdacht genährt, dass sie etwas zu verbergen hat. Aber was immer die Geschäftsprüfungskommission hier noch zutage fördern wird: Das Ergebnis zählt. Und das gibt ihr Recht.
In diesen Zeiten ist Geschmeidigkeit Trumpf
Die Schweiz kann sich nicht aussuchen, wer im Weissen Haus das Sagen hat und wie dort Politik gemacht wird. Global ist der Wind rauer geworden; an die Stelle einer regelbasierten Wirtschaft ist das knallharte Durchsetzen der eigenen Interessen getreten. Das verlangt von der Schweiz Geschick und Geschmeidigkeit. Und auch Risikofreude. Eigenschaften, die man in einer Staatsverwaltung eher weniger vermutet.
Budliger hat ihren Spielraum maximal ausgenutzt. Und ist ins Risiko gegangen. Man stelle sich nur vor, wie gross das Gemotze gewesen wäre, wenn die Gantner-Truppe mit leeren Händen aus dem Weissen Haus zurückgekehrt wäre. Staatssekretärin Budliger hat den Schulterschluss mit der Wirtschaft gesucht – das ist etwas, was die Schweiz früher ausgemacht hat. Wir brauchen mehr dieser Schulterschlüsse, im Interesse des Landes. Und mehr Staatsdiener, die auch mal ins Risiko gehen.