Es ist sonst nicht seine Art: Roche-Chef Franz Humer liebt den ZweihΓ€nder nicht. Dass er dieses Mal anders handelt und einen unfreundlichen Γbernahmeversuch startete, hat seine GrΓΌnde. Zu gut passt der US-Krebsdiagnostik-Konzern Ventana ins Organigramm der Roche. Die Diagnostik-Division ist schliesslich die zweite SΓ€ule der Firmenstrategie. Der Basler Pharmakonzern hat sich in den letzten Jahren stark auf die Krebstherapie konzentriert. Er ist in dieser Sparte derzeit mit den Medikamenten Avastin und Mabthera weltweit fΓΌhrend.
Roche spielt in der Champions League der Pharmabranche und ist eine der schΓΆnsten Perlen der Schweizer Wirtschaft β aber nicht die einzige. Ende 2006 zΓ€hlte die Schweiz 99 Firmen, die an der BΓΆrse ΓΌber eine Milliarde Franken wert waren. Kein Land weltweit kann in dieser Hinsicht mit der Schweiz konkurrieren und gemessen an der Einwohnerzahl mit so vielen Grossfirmen brillieren.
Zuoberst auf dem Podest der BΓΆrsenmilliardΓ€re ist derzeit NestlΓ© platziert (Stichtag: 23. August). Sie ist rund 197 Milliarden Franken schwer, gefolgt von Roche mit 187 und Novartis mit 174 Milliarden auf den beiden folgenden RΓ€ngen. Auch die Grossbank UBS ΓΌberflΓΌgelt die Grenze von 100 Milliarden Franken. Weitere 13 Unternehmen ΓΌbertreffen einen BΓΆrsenwert von 20 Milliarden, darunter Credit Suisse, ABB und die Zurich Financial Services (ZFS).
Die Dominanz der Schweizer Wirtschaft ringt auslΓ€ndischen Beobachtern des Γfteren bewundernde oder gar neidvolle Kommentare ab. So schrieb jΓΌngst das deutsche Nachrichtenmagazin Β«Der SpiegelΒ»: Β«Die Schweiz gehΓΆrt zu den wichtigsten Drehscheiben der Weltwirtschaft.Β» Recht hat er, wie der internationale Rohstoffhandel illustriert. Die Schweiz besitzt zwar kein Gramm an nennenswerten Rohstoffen, mischt aber mit den Zuger Firmen Glencore und Xstrata zuvorderst im internationalen BasisgΓΌterhandel mit. Sie sei Β«ein bedeutendes MachtzentrumΒ», so zeichnet das Magazin aus Hamburg ΓΌberdies die Schweiz, Β«und dazu die Heimat etlicher Weltkonzerne von A wie der Zeitarbeitsmulti Adecco bis Z wie der Versicherungsgigant Zurich Financial ServicesΒ».
Der Erfolgsausweis lΓ€sst sich in der Tat vorzeigen. Die Schweiz, mit etwas ΓΌber sieben Millionen Einwohnern ein enger Markt, ist aus sich selbst herausgewachsen. Β«Die begrenzten inlΓ€ndischen AbsatzmΓΆglichkeiten haben die Schweizer Firmen frΓΌh gezwungen, sich international auszurichtenΒ», sagt Patrick HasenbΓΆhler, Analyst bei der Bank Sarasin. Dies komme jetzt als grosser Vorteil zum Tragen. Weltmeisterlich ist die hiesige Wirtschaft in diversen Disziplinen. Bei den Kapitalexporten lΓ€sst sie jede Konkurrenz weit hinter sich. 2006 legte die Schweizer Wirtschaft 68 Milliarden Franken im Ausland an. Zudem tΓ€tigte sie Γbernahmen in der HΓΆhe von 22 Milliarden. Damit stiegen die helvetischen Kapitalanlagen im Ausland auf sagenhafte 560 Milliarden Franken oder 123 Prozent der gesamten inlΓ€ndischen Wirtschaftsleistung (BIP). 2005 waren es noch 110 Prozent gewesen. Am nΓ€chsten an die Schweiz heran kommen die Niederlande. Ihr Kapitalstock betrug vor zwei Jahren 94 Prozent des BIP, im Durchschnitt der EU waren es schlappe 41 Prozent (siehe Β«WeltmeisterlichΒ» links). FΓΌr Christian Gattiker, Leiter Aktien und Strategie bei der Bank Julius BΓ€r, liegen die GrΓΌnde fΓΌr die globale Ausrichtung der helvetischen Wirtschaft in den frΓΌhen neunziger Jahren: Β«Die Politik des harten Frankens durch die Nationalbank unter Markus Lusser zwang die Schweizer Firmen damals zu harten Strukturanpassungen.Β» In der Folge hΓ€tten die Firmen die Produktion ausgelagert und seien schnell in neue MΓ€rkte vorgestossen.
Die AuslandprΓ€senz ist wahrlich beeindruckend. Letztes Jahr hat die Zahl der von Schweizer Firmen im Ausland beschΓ€ftigten Arbeitnehmer die Marke von zwei Millionen ΓΌberschritten β ein Plus von 14 Prozent innert fΓΌnf Jahren. Dieser imponierenden AuslandprΓ€senz zum Trotz ist die Exportkraft der Schweiz in keiner Weise gesunken. 2006 exportierte die Schweiz Produkte im Wert von 177 Milliarden Franken, fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Selbstredend kann ein Teil dieser Ausweitung der glΓ€nzenden Konjunktur zugeschrieben werden. FΓΌr die ExportstΓ€rke der Schweizer Branchen sprechen indessen die lΓ€ngerfristigen Zahlenreihen. Die Exporte der Pharmaindustrie betrugen 1990 rund acht Milliarden Franken. Sie stiegen bis auf 40 Milliarden im Jahr 2005 β mithin um 400 Prozent. Β«Die Schweizer Firmen sind in NischenmΓ€rkten oder im Premiumsegment enorm starkΒ», sagt Fabian HΓ€cki, Analyst der Bank Vontobel. In diesen Bereichen seien sie folglich oft MarktfΓΌhrer wie etwa Bucher Industries bei den Landmaschinen oder Lindt & SprΓΌngli bei der Schokolade.
Starke Zahlen vermag auch die Dienstleistungsbranche vorzuzeigen. Mit einem WertschΓΆpfungsanteil von 75 Prozent dominiert sie mittlerweile die Schweizer Wirtschaft. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet die Finanzbranche. Nicht nur ist die UBS der global dominierende VermΓΆgensverwalter β mit Kundengeldern in den astronomischen Dimensionen von 3265 Milliarden Franken. Das auslΓ€ndische private VermΓΆgen in der Schweiz lΓ€sst sich auf 3000 Milliarden Franken beziffern, was einem globalen Marktanteil von 28 Prozent gleichkommt. Insgesamt verwalten die Schweizer Finanzinstitute VermΓΆgen von 5000 Milliarden Franken oder neun Prozent des weltweiten Volumens.
Eine derart starke Wirtschaft ist keine SelbstverstΓ€ndlichkeit. Die Schweizer arbeiten, gemessen an den Industriestaaten, nach den Japanern und Amerikanern am lΓ€ngsten, sie gehΓΆren zu den sparsamsten Zeitgenossen, und ihr Bildungshunger ist nach wie vor ungebrochen. Pro 1000 Einwohner verfΓΌgt das Land ΓΌber 522 InternetanschlΓΌsse β deutlich mehr als in Deutschland (389) und Japan (440, Zahlen 2004). FΓΌr Forschung und Entwicklung wendeten 2004 allein die privaten Firmen ΓΌber neun Milliarden Franken auf. Dabei partizipierte die traditionelle Maschinenindustrie mit 3,4 Milliarden Franken, nach der forschungsintensiven Pharmabranche, die in der Schweiz 4 Milliarden investierte. Auf einzelne Firmen heruntergebrochen, prΓ€sentiert sich die Sachlage noch eindrΓΌcklicher. Novartis gab 2006 weltweit fast 5,4 Milliarden Dollar fΓΌr Forschung und Entwicklung aus, was 14,5 Prozent des Nettoumsatzes entspricht. NestlΓ© hat 2006 ihre Forschungsausgaben um 16 Prozent auf 1,7 Milliarden Franken erhΓΆht. Und der Basler Agrochemie-Konzern Syngenta investiert zehn Prozent seines Umsatzes fΓΌr Forschung und Entwicklung. Resultat dieser BemΓΌhungen ist eine prall gefΓΌllte Pipeline an NovitΓ€ten in den internationalen MΓ€rkten β mit einem zusΓ€tzlichen Verkaufspotenzial von ΓΌber einer Milliarde Franken.
Hinter dieser geballten helvetischen Wirtschaftskraft stehen Firmen, die Jahr fΓΌr Jahr mit satten Wachstumsraten glΓ€nzen. BILANZ hat zur Illustration zehn grosse Firmen unter die Lupe genommen, die verschiedene Branchen und damit beispielhaft die Schweiz reprΓ€sentieren. Auswahlkriterium war, dass sie in ihrer Branche zur Weltspitze gehΓΆren. Dabei stellte sich heraus, dass drei Firmen ΓΌber Jahre hinweg mit einem zweistelligen Umsatzwachstum aufwarten kΓΆnnen. Die restlichen sieben dΓΌrften zwischen sechs und ΓΌber acht Prozent zulegen, und dies konstant bis zum Jahr 2009 (siehe Β«Beste LeistungsausweiseΒ» links).
KontinuitΓ€t bei den UmsΓ€tzen und ErtrΓ€gen ist eine der StΓ€rken der untersuchten Schweizer Firmen. Die Medtech-Firma Synthes, einer der WeltmarktfΓΌhrer in der OrthopΓ€die, wuchs in den letzten Jahren durchwegs mit zweistelligen Raten und mit permanenten Rekordgewinnen. Bei einem Umsatz von 2,4 Milliarden Dollar lag der Reingewinn im letzten Jahr bei 508 Millionen β satte 21 Prozent des Umsatzes. Jahr um Jahr bringt sie 80 bis 100 neue Produkte auf den Markt. Oder NestlΓ©. Der in praktisch sΓ€mtlichen LΓ€ndern agierende Konzern legte in den gesΓ€ttigten NahrungsmittelmΓ€rkten ein organisches Wachstum von 5,8 Prozent hin β und wuchs damit in den letzten zehn Jahren deutlich ΓΌber der Weltwirtschaft. 24 Marken von NestlΓ© setzten 2006 mehr als eine Milliarde um. Der Multi aus Vevey erzielte 2006 mit 13,3 Milliarden Franken auch den grΓΆssten Betriebsgewinn unter den Schweizer Firmen, vor dem Zuger Rohstoffkonzern Xstrata und vor Roche, Novartis und der Holcim-Gruppe.
So gut wie derzeit ging es den Schweizer Firmen nicht immer. Die grossen Rezessionen der letzten Jahrzehnte gingen nicht spurlos an ihnen vorΓΌber. Etliche machten gar existenzielle Krisen durch. Holderbank, wie Holcim vormals hiess, stand in der grossen Depression 1932 vor dem Ruin. Die forsche Expansion ins Ausland, heute eines der wichtigsten Erfolgsrezepte von Holcim, war der Stein, ΓΌber den der damalige Chef Ernst Schmidheiny stolperte. InstΓ€ndig flehte er die Banken an, ihm mit einem Kredit unter die Arme zu greifen. Diese hatten ein Einsehen, und Holderbank wurde gerettet.
Auch in spΓ€teren Wirtschaftskrisen standen einige Traditionsfirmen kurz vor dem Ende. Ebenfalls nur mit Beistand der Banken konnte sich Oerlikon-BΓΌhrle Anfang der neunziger Jahre vor dem Aus retten. Der Pleitegeier kreiste zudem ΓΌber dem Elektronikriesen ABB und dem Versicherungskonzern Zurich Financial Services (ZFS). 2002 stand ABB vor dem Konkurs β Missmanagement und die AushΓΆhlung der Konzernfinanzen durch AktienrΓΌckkΓ€ufe hatten den Konzern an den Abgrund getrieben. Bei der ZFS stand im Sommer 2002 ein Verkauf zur Diskussion, wie Firmenchef James Schiro 2006 in einem Interview eingestand.
Eine RettungsΓΌbung der besonderen Art war bei Adecco vonnΓΆten. Unter Firmenchef JΓ©rΓ΄me Caille herrschte beim Personaldienstleister auf allen Ebenen ein Desaster. Die Krise brach offen aus, als sich die Revisionsfirma Ernst & Young aufgrund von Buchungsproblemen weigerte, die Rechnung abzunehmen. Der resolute Auftritt des GrossaktionΓ€rs Klaus J. Jacobs brachte Remedur. Er rΓ€umte im Management radikal auf und leitete die nΓΆtigen Strukturmassnahmen ein. Adecco hatte jahrelang vergeblich gegen die tiefen Margen im MassengeschΓ€ft gekΓ€mpft. Erst mit der Γbernahme der deutschen Zeitarbeitsfirmen DIS und Tuja fΓΌr insgesamt 1,45 Milliarden Euro, die im GeschΓ€ft der Spezialisten und FachkrΓ€fte stark waren, lΓΆste Adecco drei Probleme auf einen Schlag. Sie verschaffte sich das bislang fehlende Know-how in der FachkrΓ€ftevermittlung, stΓ€rkte sich in diesem profitableren Segment und setzte sich zugleich im grΓΆssten europΓ€ischen Arbeitsmarkt fest.
Zu einer solcherart geballten Expansion sind nur Firmen fΓ€hig, die aus innerer StΓ€rke handeln kΓΆnnen. Gesunde Bilanzen, ΓΌberdurchschnittliche Wachstumsraten, innovative Produkte und eine strikte internationale Ausrichtung sind dazu vonnΓΆten. Schweizer Firmen erfΓΌllen diese Kriterien in geradezu idealer Weise. Β«Im Gegensatz zum Ausland sind viele Schweizer Firmenleitungen international besetztΒ», sagt Sven Bucher, Leiter Aktien Schweiz bei der ZKB. Angelsachsen, Γsterreicher oder Deutsche bestimmen die Geschicke von Schweizer Firmen wie Swiss Re, Roche oder Adecco.
Adecco zeigt aber auch beispielhaft, dass organisches Wachstum allein oft nicht genΓΌgt. Β«Es braucht gezielte und intelligente ΓbernahmenΒ», sagt BΓ€r-Analyst Gattiker. Beim Vorstoss in neue MΓ€rkte, bei der geografischen Arrondierung, dem Aufbau neuer Produktelinien oder der Anwendung neuer Technologien sind FirmenkΓ€ufe vielfach unabdingbar. KΓΌhne + Nagel etwa, der fΓΌhrende Logistikkonzern aus Schindellegi SZ, will seine derzeitige SchwΓ€che im Landverkehr (Schiene und Strasse) durch die Akquisition von 2,5 Milliarden Umsatz ΓΌberwinden. Holcim wiederum, schon in 70 LΓ€ndern prΓ€sent, kaufte jΓΌngst in Kanada und Indien Zement-Umsatz dazu und wurde in Indien dadurch auf einen Schlag die Nummer eins. Durch die Γbernahme der angelsΓ€chsischen Aggregate Industries verstΓ€rkte Holcim gezielt ihr GeschΓ€ft mit den Zusatzstoffen.
Schnell waren Schweizer Firmen auch beim Vorstoss in neue GeschΓ€ftsfelder. Lindt & SprΓΌngli mutierte im SchokogeschΓ€ft zum unschlagbaren Premiumanbieter. NestlΓ©-Chef Peter Brabeck wiederum hat Health Nutrition (gesundheitsfΓΆrdernde Nahrung) vor noch nicht langer Zeit zum strategischen GeschΓ€ftsfeld erklΓ€rt. Dazu kaufte der Konzern den Bereich Medical Nutrition von Novartis. 2006 machte NestlΓ© in dieser Sparte schon zehn Prozent des gesamten Umsatzes mit einer Wachstumsrate von 20 Prozent. Auch Swiss Re, Erster unter den weltweit tΓ€tigen RΓΌckversicherern, richtete bei ihrer Expansionsstrategie mit der grossen Kelle an. FΓΌr elf Milliarden Franken erwarb sie im letzten Oktober Insurance Solutions und fΓΌr eine Milliarde die GE Life.
Dass es mitunter ohne MilliardenkΓ€ufe hervorragend geht, stellen viele kleine und mittlere Betriebe unter Beweis. Die Genfer Uhrenmanufaktur Rolex, das St. Galler Modelabel Akris, der Luzerner Kaffeemaschinenproduzent Thermoplan oder der Aargauer MΓΆbelhersteller de Sede sind auf den weltweiten MΓ€rkten seit Jahren oder gar Jahrzehnten Γ€usserst erfolgreich. Swiss made eben, Schweizer QualitΓ€tsarbeit.
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