Guten Tag,
Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer hat das Swiss Orchestra gegründet. Sie führt es mit künstlerischer Vision und Unternehmergeist.
Lena-Lisa Wüstendörfer führt das Swiss Orchestra wie ein Start-up.
PRLena-Lisa Wüstendörfer sitzt kerzengerade auf der Klavierbank am Flügel. Um sie herum das vertraute Ritual: Der Konzertmeister leitet das Einstimmen. Als die letzten Dissonanzen verklingen, erhebt sich die Dirigentin und betritt das Podest. Gross, schlank, das lange hellblonde Haar trägt sie offen. Ohne ein Wort zu sagen, hebt sie die Arme. Fünfzig Augenpaare richten sich auf sie. Auf ihr Signal beginnen die Geigen und Celli, unterstützt von den Bratschen im tiefen Streicherregister – gedämpft, dunkel, getragen. Eine ernste Grundstimmung, man denkt an alpine Landschaften: Berge, Seen, Wälder. Das Swiss Orchestra probt die Tell-Symphonie von Hans Huber. Wüstendörfer gibt nacheinander den Bläsern ein Zeichen. Die Dynamik steigert sich, aus dem zarten Piano wächst ein voller, heroischer Klang. Ihre Bewegungen sind fliessend, präzise. Ein Blick aus dem Augenwinkel, ein Lächeln, hochgezogene Augenbrauen, eine Kopfneigung. Was sie andeutet, erklingt Sekunden später.
Vor den Fenstern des Proberaums in einem Gemeindezentrum in Zürich-Altstetten fällt der erste Schnee dieses Winters. Drinnen arbeitet das Orchester seit 10 Uhr morgens. Nach einer zwanzigminütigen Pause, kurz nach 16 Uhr – fünf Minuten Verzug –, geht es weiter. Der Arbeitstag eines Musikers unterliegt strikten Vorgaben. In wenigen Tagen steht ein Konzert in der Tonhalle Zürich an, eine Station der Tour «Tell, Swiss Legend». Neben Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre und Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 erklingt als Höhepunkt ein Werk, mit dem selbst Klassikkenner kaum vertraut sein dürften: Hubers Tell-Symphonie, komponiert 1882, uraufgeführt 1900 – und seither nahezu vergessen.
Die Hand hebt sich. Nach und nach verstummen die Instrumente. «Nur mezzoforte, bitte!», sagt Wüstendörfer in Richtung der Blechbläser. Beim Dirigieren geht sie in die Knie, breitet die Arme aus wie Flügel, wiegt den Oberkörper. Noch einmal unterbricht die Dirigentin das Spiel. Doch die erste Geige übersieht das Handzeichen und spielt enthusiastisch weiter – alle lachen. Die Musiker, in Sweatshirts, Jeans und Turnschuhen, haben Smartphones und Thermoskannen neben ihren Notenpulten liegen. Die Atmosphäre ist konzentriert, aber entspannt. Die Bläser sprechen Spanisch miteinander, die Streicher unterhalten sich auf Englisch. «Ein letztes Mal, und dann gehen wir nach Hause», sagt Wüstendörfer aufmunternd. Sofort ist es ruhig.
Relevante Themen
Werbung