Sommer. Ferien. Erholung. So war das einmal. Heute sieht die Realität anders aus. Die Erschöpfung nimmt trotz Ferien und viel Freizeit zu. Wir verkennen, dass nicht jede Arbeitsunterbrechung eine Pause ist und nicht jede freie Zeit zur Erholung führt. Damit wir uns gut regenerieren und auch die Ferien ihre volle Wirkung entfalten, dürfen wir nicht nur die Reizquelle wechseln. Wir müssen den Reizen entkommen.
Wir schliessen den Laptop, freuen uns auf die Pause – und öffnen Instagram. Wir verlassen das Meeting und hören einen Podcast. In den Ferien takten wir jeden Tag mit Ausflügen, Sport, Restaurants und neuen Eindrücken durch. Erholung wird zum Projekt, das möglichst intensiv genutzt und erfolgreich absolviert werden soll. Wir unterschätzen die Gefahr der konstanten Aktivierung.
Damit Sport, Reisen oder Hobbys erholsam sind, muss sich unser innerer Zustand verändern. Bleiben Taktung, Anspannung und Aufregung gleich, entsteht zwar Abwechslung, aber keine Entspannung. Nur der Inhalt wechselt, Beanspruchung und Aktivierung bleiben. Darin liegt der Unterschied zwischen Freizeit und Erholung.
Die Gastautorin
Katja Unkel ist Gründerin der Firma Managing People AG, die Führungskräfte und Organisationen berät, coacht und trainiert.
Eine echte Pause braucht Abstand sowie die Freiheit, nichts erleben oder leisten zu müssen. Doch Leere, Langeweile und Ziellosigkeit halten viele kaum noch aus. Wir haben gelernt, produktiv zu arbeiten, aber verlernt, wirksam zu regenerieren. Der Leistungsanspruch wird auf die Freizeit übertragen. Wir bleiben, auch ganz unbewusst, angespannt.
Organisationen verlangen logischerweise Leistungsfähigkeit. Die dazugehörige Regeneration bleibt jedoch Privatsache. Schlimmer noch: Wer in den Ferien E-Mails beantwortet, gilt als besonders engagiert. Über Resilienz wird viel gesprochen, gelebt wird sie zu wenig. Denn Führungskräfte, die «nur kurz» aus den Ferien schreiben, senden eine stärkere Botschaft als jede offizielle Wellbeing-Initiative: Erfolgreich ist, wer nie ganz weg ist. Dabei gilt das Gegenteil: Wer unabkömmlich ist, zeigt, dass punkto Führung versagt wurde.
Wichtig: Phasen hoher Belastung sind kein Problem. Gefährlich ist das Dauerfeuer. Leistungsfähigkeit braucht Rhythmus: Auf Anspannung müssen Kurzpausen und längere Erholungsfenster folgen. Ein reguliertes Nervensystem kann Stresshormone gut abbauen. Pausen sind daher nicht das Gegenteil von Leistung; sie sind deren Voraussetzung und Bestandteil. Es ist wie im Sport: Wer Muskeln nach grosser Anstrengung keine Regenerationszeit gibt, schwächt sie. Niemand läuft einen Marathon nach dem anderen. Beruflich und privat tun wir es aber – und wundern uns, dass wir erschöpft sind.
Unternehmen haben eine Teilverantwortung. Erholung darf nicht erst dann ernst genommen werden, wenn jemand ausfällt. Ruhephasen sind keine nette Zugabe, sondern Teil professioneller Leistung. Deswegen müssen Pausen Teil jeder Planung sein. Zum Abschalten gehört ganz trivial: das Smartphone weglegen, ohne Podcast spazieren oder Sport treiben und ohne Bildschirm essen. Weniger Input ermöglicht Raum für innere Ruhe und Momente, wo wir im Hier und Jetzt sind. Dann setzt Erholung ein.
Für alle, die die Ferien noch vor sich haben: Wer nur den Ort wechselt und innerlich im gleichen Modus bleibt, macht Ferien ohne Pause. Es geht nicht darum, möglichst viel aus der freien Zeit herauszuholen, sondern sie wieder frei zu lassen. Wer aus den Ferien schon zurück ist, verlängert deren Wirkung, wenn schöne Urlaubsmomente im Alltag wiederaufleben, zum Beispiel als Tagtraum in einer Pause.