US-Tech-Riesen zahlen Schweizer Hochschulen Millionen
Fast hundert Wissenschaftler warnten das Parlament letzten Sommer vor zu strengen KI-Gesetzen. Recherchen zeigen nun: Ihre Hochschulen erhalten Millionen-Schecks von Big Tech.
An die ETH Zรผrich (rechts) flossen Gelder von Meta, vom Tiktok-Konzern Bytedance und von Google. Die EPFL erhielt Millionen vom Facebook-Konzern Meta โ Michael Buholzer/keystone
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der ETH Zรผrich und der EPF Lausanne (EPFL) haben sich letzten Sommer massiv in die politische Debatte um eine strengere KI-Regulierung eingemischt.
In einer E-Mail, die dem Beobachter vorliegt, warnten sie die Parlamentarier vor einer ยซzu strengen Schweizer Insellรถsungยป. Die von FDP-Stรคnderรคtin Petra Gรถssi vorgeschlagene KI-Regulierung schiesse ยซรผber das Zielยป hinaus, der aktuelle Wettbewerbsvorteil der Schweiz sei damit gefรคhrdet. Sie boten den Politikern ihre ยซwissenschaftliche Expertiseยป an, um ยซdie Lรถsungsfindung zu unterstรผtzenยป.
Was die Forscher in dem Schreiben unerwรคhnt liessen: Ihre Institute erhalten Millionenbetrรคge von genau jenen US-Techgiganten, die von der neuen Regulierung hart getroffen worden wรคren.
Sowohl die ETH als auch die EPFL erhielten in den vergangenen Jahren Gelder des Facebook-Konzerns Meta, von Google, Microsoft und anderen Big-Tech-Unternehmen. Man spricht bei solchen Zuwendungen von Industriepartnerschaften oder Drittmitteln. Von wem genau und wie hoch die einzelnen Zuwendungen sind, war รถffentlich bislang nicht bekannt.
Gegenรผber dem Beobachter legt die EPFL nun allerdings offen, dass sie in den Jahren 2022 und 2023 durch eine solche Industriepartnerschaft mit Meta รผber 2,5 Millionen Franken erhielt. Zusรคtzliche 2,5 Millionen Franken steuerte die Stiftung von Facebook-Grรผnder Mark Zuckerberg bei.
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Die EPFL erhielt Millionen vom Facebook-Konzern Meta.FABRICE COFFRINI/AFP via Getty Images
Die EPFL erhielt Millionen vom Facebook-Konzern Meta.FABRICE COFFRINI/AFP via Getty Images
Auch Tiktok sponsert Schweizer KI-Professuren
Bei der ETH Zรผrich fรถrderte Meta das AI Center Postdoctoral Fellowship Program 2022 mit rund 200โ000 Franken. Letztes Jahr sponserte der Tiktok-Konzern Bytedance zudem zwei ETH-Professuren in den Bereichen Informationssicherheit und Computerarchitektur mit insgesamt 300โ000 Franken. Ausserdem erhielt das von der ETH und der EPFL gemeinsam ins Leben gerufene Swiss National AI Institute von Google 800โ000 Franken.
Die ETH wie auch die EPFL betonen gegenรผber dem Beobachter, dass sie solche Kollaborationen mit der Privatwirtschaft nur dann eingingen, wenn die Projekte fรผr die Forschung, fรผr die ETH sowie fรผr die Gesellschaft ยซeine positive Wirkungยป hรคtten. Vertraglich werde zudem stets festgehalten, dass die geldgebenden Parteien keinen Einfluss auf die Ergebnisse nรคhmen und die Resultate immer publiziert wรผrden. Damit diene der Erkenntnisgewinn der gesamten Forschungsgemeinschaft und letztlich der Allgemeinheit.
Gรถssis Vorstoss wurde stark abgeschwรคcht
Der Einsatz der Wissenschaftler markiert den vorlรคufigen Hรถhepunkt einer beispiellosen Lobbyschlacht. Ausgelรถst hatte sie die FDP-Stรคnderรคtin Petra Gรถssi. Sie forderte, dass KI-Anbieter wie OpenAI Urheber wie Journalisten um Erlaubnis fragen mรผssen, wenn sie deren Inhalte zum Beispiel mit ChatGPT nutzen. Ein Vorstoss, der weiter gegangen wรคre als die Lรถsung der EU.
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Big-Tech-Konzerne wie Google und Meta setzten daraufhin alle Hebel in Bewegung, um das Gesetz abzuschwรคchen. ยซIch hoffe, die Wissenschaft kann ihre Unabhรคngigkeit bewahren, auch wenn sie Fรถrdergelder von Big-Tech-Unternehmen erhรคltยป, sagt FDP-Stรคnderรคtin Petra Gรถssi. Das Lobbying der grรถssten bรถrsenkotierten Firmen weltweit war jedenfalls erfolgreich.
Gรถssis Vorschlag wurde stark abgeschwรคcht. Das Parlament beauftragte den Bundesrat lediglich, die ยซnรถtigen Voraussetzungenยป zu schaffen, um journalistische Inhalte und andere geschรผtzte Werke bei der Nutzung durch KI-Anbieter ยซumfassendยป zu schรผtzen. Wie genau das gehen soll, ist allerdings vรถllig unklar.
EPFL-Forscher betont Unabhรคngigkeit der Wissenschaft
Das bestรคtigt EPFL-Forscher Martin Jaggi, der die E-Mail der Wissenschaftler damals an die Kommission verschickt hatte. Er sei zwar ยซabsolut dafรผrยป, dass die US-Plattformen in Europa und in der Schweiz stรคrker reguliert wรผrden, sagt er im Gesprรคch mit dem Beobachter. Es sei allerdings unklar, wie das am besten gemacht werde.
Auch Jaggis Labor erhielt bei der Industriepartnerschaft der EPFL mit Meta Geld. Der Forscher betont gegenรผber dem Beobachter aber seine Unabhรคngigkeit. Seine Forschung sei open source und damit allen zugรคnglich. ยซIch bin in keiner Weise von amerikanischen Big-Tech-Firmen abhรคngig. Im Gegenteil, meine ganze Forschung zielt darauf ab, die Abhรคngigkeiten zu reduzieren und KI-Souverรคnitรคt zu stรคrken.ยป
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ยซIch bin in keiner Weise von amerikanischen Big-Tech-Firmen abhรคngigยป: Martin Jaggi, EPFL-ForscherAlain Herzog/EPFL
ยซIch bin in keiner Weise von amerikanischen Big-Tech-Firmen abhรคngigยป: Martin Jaggi, EPFL-ForscherAlain Herzog/EPFL
Er sei persรถnlich nie in Kontakt mit Meta gestanden. Die Firma verwende lediglich einen Open-Source-Code von ihm und seinem Team. Die Beitrรคge aus den Industriepartnerschaften seien im Vergleich zum Gesamtbudget der EPFL oder der ETH gering, so der Forscher.
Jaggi kritisiert vielmehr die sogenannte Publisher-Lobby. Er meint damit private Verlage wie etwa Elsevier, die Wissenschaftspublikationen verkaufen. ยซSie nehmen grossen Einfluss auf die KI-Regulierung in der Schweiz. Im Zentrum stehen dort kommerzielle Interessen, die einer Wissenschaft, die fรผr alle zugรคnglich sein sollte, entgegenstehenยป, sagt Jaggi.
ยซHinterzimmerdealยป in Zรผrich?
Wie gross deren Einfluss tatsรคchlich ist, lรคsst sich nicht abschliessend beurteilen. Klar ist: Die schiere wirtschaftliche Macht von Big Tech genรผgte, um Petra Gรถssis Vorstoss zu bodigen. Das zeigte der Beobachter bereits Anfang Jahr. Recherchen enthรผllten, wie sich die Zรผrcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Spรคh persรถnlich gegen das Anliegen einsetzte und sich zu unprotokollierten Hintergrundgesprรคchen mit Meta-Lobbyisten traf.
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Es soll dabei um eine ยซAuslegeordnungยป gegangen sein, angeblich fรผr weitere ยซwichtige politische Geschรคfteยป. So steht es zumindest in den internen Dokumenten, die der Beobachter, gestรผtzt auf das รffentlichkeitsgesetz, einsehen konnte.
Was genau an dem Treffen gesagt wurde, bleibt allerdings geheim. Denn es wurde nicht protokolliert. Zรผrcher Kantonsrรคte bezeichneten das Treffen in der Folge als intransparenten ยซHinterzimmerdealยป und verlangten eine Rechtfertigung fรผr die Geheimhaltung.
Die Zรผrcher Regierung entgegnete in ihrer Antwort von Ende Mรคrz: Kontakte mรผssten nur dann dokumentiert werden, wenn sie ยซfรผr ein formelles Geschรคft wesentlichยป seien. Beim Treffen mit Meta seien aber ยซweder Zusagen gemacht noch konkrete Geschรคfte besprochenยป worden. Es sei ein informelles Gesprรคch gewesen, das wichtig sei fรผr die Standortpolitik. Die IT-Branche trage rund neun Prozent zur kantonalen Wertschรถpfung bei und stelle acht Prozent aller Arbeitsplรคtze.