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Es gilt, die Komplexität zu reduzieren
Das Scheitern des letzten Reformversuchs an der Urne im Herbst 2024 machte es einmal mehr deutlich: Systemanpassungen am BVG haben es schwer, vor dem Volk zu bestehen. Überfällig sind sie dennoch, weil uns die demografischen Trends keine Wahl lassen.
Patricio Scotoni
Politisch gesehen fristet das BVG ein Mauerblümchendasein. Wenn es um die demografische Entwicklung geht, dreht sich die Debatte meist um die AHV, die sich über die Umlage der Gelder von der aktiven zur pensionierten Bevölkerung finanziert. Doch auch die zweite Säule, das BVG, steht im Gegenwind. Nicht der wachsende Anteil der Rentnerinnen und Rentner an der Gesamtbevölkerung ist dafür verantwortlich, sondern die per se erfreuliche Tatsache, dass wir im Schnitt immer länger leben und das angesparte Kapital eines Arbeitslebens somit für einen längeren Zeitraum ausreichen muss.
Der Reformstau akzentuiert sich
Während die demografische Entwicklung also das System der Altersvorsorge als Ganzes sowie die berufliche Vorsorge im Besonderen belastet, hat sich gerade das «Mauerblümchen» BVG über die mehr als vierzig Jahre seiner Existenz als beinahe reformresistent erwiesen: Der gesetzliche Umwandlungssatz im BVG-Obligatorium, der die oben beschriebene Problematik auffangen müsste, liegt seit Jahren unverändert bei 6,8 Prozent – bei Einführung des BVG im Jahr 1985 waren es 7,2 Prozent. Nur: Die Lebenserwartung hat sich im selben Zeitraum stark erhöht. Mitte der Achtziger hatte ein Mann zum Zeitpunkt der Pensionierung noch 14,9 Lebensjahre vor sich; heute sind es 20,3 Jahre. Bei Frauen hat sich diese Zahl zwar nur von 19 auf 22,8 Jahre erhöht, allerdings ist das Referenzalter der Frauen schrittweise von 62 auf 64 Jahre gestiegen (und wird ab 2028 bei 65 Jahren liegen). Es ist daher folgerichtig, dass es Änderungen braucht, damit die Rechnung weiterhin aufgeht.
Zu viele fallen durch die Maschen
Es ist nicht nur die Lebenserwartung, die sich verändert hat; genauso haben sich die Erwartungen ans Leben gewandelt. In vielen Berufsgruppen ist die Vorstellung eines vollen Arbeitspensums, das den Aufstieg auf der Karriereleiter und immer grössere finanzielle Freiheiten unweigerlich zur Folge hat, obsolet geworden. Gleiches gilt für die klassische Konstellation des Ein-Verdiener-Haushalts. Unter dem Strich gilt heute auch für viele Männer, was für Frauen schon lange und immer noch im besonderen Mass zutrifft: Statt von einer linearen Erwerbsbiografie geht man von unterschiedlichen Lebensabschnitten aus, mit entsprechend wechselnden Prioritäten, variierenden Pensen und schwankenden Einkünften.
Prioritäten setzen
Die neuen Lebensrealitäten können wir schon heute beobachten, ihre Auswirkungen aber werden erst in 20 bis 30 Jahren spürbar sein. Wenn der Trend sich fortsetzt bzw. infolge des Einsatzes von KI noch verstärkt, werden Beitragslücken in der beruflichen Vorsorge zu einem Phänomen, das breite Bevölkerungskreise zu erfassen droht. Dass Reformen jetzt notwendig sind, ist folglich die eine Wahrheit. Dass nicht sämtliche Stellschrauben am System der Altersvorsorge gleichzeitig verändert werden sollten, die zweite. Nach der Abstimmung blieb es eine Weile lang verständlicherweise ruhig im politischen Betrieb. Doch jetzt kommt wieder Bewegung in die Sache, und schnell präsentiert sich die Lage so komplex wie vor dem Volksentscheid. Dabei ist es nicht zielführend, sich mit einem ganzen Arsenal verschiedener Vorschläge auseinanderzusetzen – ein überladenes Reformpaket ist auch in Zukunft nicht mehrheitsfähig.
Sprechen wir darüber!
Wer sich mit der aktuellen Lage der beruflichen Vorsorge auseinandersetzen und einen Blick auf mögliche Zukunftsszenarien erhaschen möchte, ist beim Handelszeitung Focus Day an der richtigen Adresse. Auch bei seiner 4. Ausgabe, die Ende August im Kunsthaus Zürich über die Bühne gehen wird, werden Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Forschung Einblicke und Aussichten für die berufliche Vorsorge in der Schweiz mit der interessierten Öffentlichkeit teilen.
Handelszeitung Focus Day powered by Groupe Mutuel
Unter dem Titel «Die Zukunft der Altersvorsorge: Wie lassen sich bewährte Sicherheit und notwendige Erneuerung vereinen?» eröffnen Dr. Jakub Samochowiec (Senior Researcher GDI) und Diego Taboada (Senior Fellow Avenir Suisse) in ihren Referaten neue Perspektiven auf die berufliche Vorsorge in der Schweiz. Im Anschluss diskutieren Exponentinnen und Exponenten aus Wirtschaft und Politik die drängendsten Fragen zum Thema: Wie lässt sich das BVG schrittweise weiterentwickeln, ohne die Komplexität zu erhöhen? Welche Reformschritte sind politisch tragfähig? Wie kann das Vertrauen der Bevölkerung in künftige Reformen gestärkt werden?
Dienstag, 25. August 2026, Kunsthaus Zürich.