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Erbschaftssteuer: Panik im Betrieb

Erbschaftssteuer: Panik im Betrieb
Rudolf Stämpfli: «Erbschaftssteuer wäre für viele Firmen tödlich».  Paolo Dutto

Viele Unternehmer haben einen Wunsch: Dereinst sollen die Kinder die Nachfolge im Familienbetrieb antreten. Mit der Initiative für eine Erbschaftssteuer sehen Patrons dieses Ansinnen nun gefährdet.

Von Florence Vuichard
28.04.2014

Rudolf Stämpfli ist passionierter Taucher – und als solcher kennt er sich mit den gefährlichen Bewohnern der Ozeane aus. Wie etwa mit dem Smashing Mantis Shrimp, dem «Schmetterer». Dieser Fangschreckenkrebs wartet mit angezogenen Fangarmen auf seine Beute, lässt diese dann blitzschnell vorschnellen und schlägt zu. Der ahnungslose Fisch geht in die Falle, weil er, fasziniert von den hypnotisierenden Augen des Krebses, innehält. Stämpfli erzählt in seinem Büro im 2003 erstellten Neubau seines Verlags- und Druckunternehmens Stämpfli in der Nähe des Berner Wankdorfstadions vom hinterlistigen Krebs, weil er Parallelen zur Erbschaftssteuer-Initiative erkennt. Auch sie mache schöne Augen mit einem verlockend grosszügigen Freibetrag von zwei Millionen Franken, mit in Aussicht gestellten Sondersteuersätzen für Familienunternehmen und Mehreinnahmen für die AHV. «Das sieht auf den ersten Blick alles attraktiv aus», sagt Stämpfli. «Aber kommt die Initiative durch, dann endet das tödlich – und zwar für sehr viele Firmen.»

Der Berner ist nicht der einzige Unternehmer, dem die Erbschaftssteuer-Initiative Sorgen bereitet. Die vor gut einem Jahr eingereichte Volksinitiative «Millionen-Erbschaften besteuern für unsere AHV» hat ihn aufgeschreckt. Sie will den Nachlass für alle, und damit auch für die direkten Nachkommen, ab den genannten zwei Millionen Franken mit 20 Prozent besteuern. Nicht erstaunlich, dass 85 Prozent der KMUs sie ablehnen, wie eine Umfrage der Stiftung KMU Next bei gut 1000 Betrieben ergab. Der meistgenannte Grund: Rund 70 Prozent der KMUs befürchten, dass die Initiative die Nachfolge innerhalb der Familie gefährde.

Erben müssten sich verschulden

Ein grosses Problem der Initiative ist für Unternehmer die fehlende Liquidität. Das Geld stecke in der Firma, betonen sie. Die Erben müssten sich folglich verschulden oder Teile der Firma verkaufen, um die Erbschaftssteuern zu zahlen. Die Patrons gehen bei ihren Berechnungen, nach Abzug der zwei Millionen, vom Steuersatz von 20 Prozent aus – auch wenn die Initiative explizit von «besonderen Ermäs­sigungen» für Unternehmen und Landwirtschaftsbetriebe spricht, damit «ihr Weiterbestand nicht gefährdet wird und die Arbeitsplätze erhalten bleiben».

Hans Kissling, Zürichs ehemaliger Statistikchef und Mitinitiant, ging zuerst von einem Freibetrag von «mindestens 10 Millionen Franken» aus und einem Steuersatz auf dem Restwert von «höchstens fünf Prozent», wie er in einem Brief an KMU Next im Dezember festhielt. In einem Beitrag in der «Volkswirtschaft» spricht er jetzt gar von einem Freibetrag von 20 Millionen Franken. «Die genauen Zahlen muss das Parlament festlegen», sagt Kissling. «Und dieses wird von bürgerlichen Parteien dominiert, die in der Regel wirtschaftsfreundliche Entscheide fällen. Ich weiss nicht, wieso dies jetzt anders sein soll.» Bei einem Firmenwert von beispielsweise 50 Millionen Franken würde die Steuer so für die Nachkommen «nur» 1,5 Millionen Franken betragen, wie Kissling vorrechnet.

«Finanzinvestoren warten schon»

Am Rechnen ist auch Michael Pieper. Seine Artemis Holding mit ihren weltweit rund 11 400 Angestellten, deren Kern der Systemküchenbauer Franke ist, hatte per Ende 2013 ein Eigenkapital von 1,85 Milliarden Franken. Seine Tochter (32) und sein Sohn (30) müssten folglich Beteiligungen oder Immobilien der Firmengruppe verkaufen, um die rund 370 Millionen Franken Steuern zu bezahlen – bei einem Satz von 20 Prozent. Oder die 100 Millionen bei einem ermässigten Satz von fünf Prozent. «Die Finanzinvestoren warten schon», sagt Pieper.

Oder dann müssten die Erben Bankkredite aufnehmen, was den Geschäftsprinzipien des Vaters widerspricht. «Ein Unternehmen ist im besten Fall nicht oder nur leicht verschuldet.» Deshalb arbeitet Pieper bereits am Plan B: am Umzug ins Ausland, zum Beispiel nach Österreich, wo es keine Erbschaftssteuer gibt. «Wir haben Szenarien», sagt Pieper. Franke könnte bleiben, wegziehen müssten nur Pieper selber und mit ihm seine Artemis Holding. Aber einfach würde ihm das nicht fallen: «Ich bin täglich hier», sagt er. «Hier kenne ich alle gut 900 Mitarbeiter, hier treffe ich Kunden.» Hier, das ist Aarburg im Aargau, wo Hermann Franke vor gut hundert Jahren das Unternehmen gründete, das nach zwei Generationen an die Familie Pieper übertragen wurde.

Nachfolge erschwert

Der Wunsch der Patrons ist überall der gleiche – beim «grossen» Pieper, der mit seiner Artemis einen Umsatz von rund 2,5 Milliarden Franken verbucht, ebenso wie beim «kleinen» Markus Hutter, dessen Garagenbetrieb Hutter Dynamics mit Sitz in Winterthur und Schaffhausen 52 Millionen Franken pro Jahr umsetzt: Die Kinder sollen übernehmen. «Das Unternehmen soll unabhängig und in der Familie bleiben», betont Hutter.

Seine Tochter ­Sophie (27) hat im November ihre Stelle bei einer Werbeagentur in Zürich gegen den Job im familieneigenen KMU getauscht, das 84 Mitarbeiter zählt. Der Wert des Unternehmens, das Hutter in zweiter Generation führt, dürfte je nach Bemessensgrundlage irgendwo um 20 Millionen Franken liegen. Bei einem Erbschaftssteuersatz von 20 Prozent müssten seine Kinder zwischen drei und vier Millionen hinblättern. «Das ist schlicht nicht machbar und würde die Nachfolge unnötig erschweren», sagt Hutter. Jetzt will er wieder selber mehr anpacken und gibt deshalb per 8. Mai sein Nationalratsmandat auf.

Zwei Drittel für die AHV

Heute kennen noch drei Kantone Erbschaftssteuern für direkte Nachkommen: Appenzell Innerrhoden, Neuenburg und die Waadt – wobei in jedem der drei Kantone unterschiedliche Regeln gelten. Alle anderen Kantone haben die Steuern für die Kinder nach und nach abgeschafft. Das Initiativkomitee rechnet mit der nationalen Erbschaftssteuer für alle mit Einnahmen von rund drei Milliarden Franken, wobei hier die Ermässigungen für Familienunternehmen und Landwirtschaftsbetriebe bereits eingerechnet seien, wie Kissling betont. Diese drei Milliarden sollen dann zu zwei Dritteln in die AHV fliessen. Ein Drittel, also eine Milliarde, ist für die Kantone reserviert. Damit hätten diese etwa gleich viele Einnahmen aus Erbschaften wie heute.

Rudolf Stämpfli hingegen zweifelt die Prognosen an und fürchtet, dass dann die Erbschaftssteuer mit der wachsenden Finanzierungslücke bei der AHV nach und nach angehoben würde. «Ist der Systemwechsel einmal vollzogen, dann wird ständig nach oben korrigiert», sagt er und verweist auf die Mehrwertsteuer, die seit ihrer Einführung auch schon mehrmals erhöht wurde. «Deshalb ist meine Botschaft: Wehret den Anfängen.» Der Applaus der anderen Unternehmer ist ihm sicher.

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